Latein verliert für Lehrer an Bedeutung

Von: Madeleine Gullert
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Für angehende Lehrer ändert sich viel: Nicht mehr jeder Referendar muss ein Latinum für das Studium vorweisen. Dafür bekommt beispielsweise das Thema Inklusion künftig einen höheren Stellenwert. Foto: dpa

Aachen. Die Ausbildung angehender Lehrer in Nordrhein-Westfalen soll geändert werden. Ein entsprechender Gesetzentwurf ist kommende Woche Mittwoch Thema im Landtag. Unter anderem sieht das Gesetz vor, dass alle angehenden Lehrer besser auf die Inklusion vorbereitet werden und im Umgang mit digitalen Medien geschult werden.

Eine umstrittene Änderung in dem nordrhein-westfälischen Lehrerausbildungsgesetz sieht vor, dass Lehrer in einigen Fächern künftig keine Lateinkenntnisse mehr vorweisen müssen. Doch diese Neuerung gefällt nicht allen. Sowohl der Philologenverband als auch der Deutsche Altphilologenverband kritisieren, dass Latein damit an Bedeutung verliere. Die Altphilologen sehen gar das Schulfach Latein in Frage gestellt.

NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) stellte aber früh klar, dass es keineswegs um die Abschaffung des Latinums oder des schulischen Unterrichtsfachs Latein gehe. Vielmehr würden die Studienvoraussetzungen für angehende Lehrer verändert.

Zukünftig müssen angehende Lehrer, die eine moderne Fremdsprache wie beispielsweise Französisch oder Spanisch studieren wollen, keine Lateinkenntnisse mehr vorweisen. Wer Geschichte und Philosophie studiert, muss lediglich Kenntnisse auf dem Niveau des Kleinen Latinums belegen. Zurzeit müssen diese Studenten noch das Große Latinum haben.

Die Gewerkschaft und Wissenschaft (GEW) befürwortet die Änderung. „Latein ist immer ein Selektionsmittel“, kritisiert Maike Finern, stellvertretende Landesleiterin der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft NRW, gegenüber unserer Zeitung. Wer das Latinum nicht in der Schule erworben hat, muss es mühsam nachholen. In der Regel benötigen Studenten mindestens drei Semester, um das Große Latinum nachzuholen. Doch die Kurse an den Unis sind häufig überfüllt, was das Lernen nicht unbedingt erleichtert. In der Universitätsstadt Köln haben sich Institute eigens darauf spezialisiert, Lehramtsstudenten durch die Latinumsprüfung zu bringen – für einige hundert Euro.

„Es ist ein enormer Zeitaufwand, das Latinum nachzuholen“, sagt Finern. Weil diese Leistung aber nicht zu den anderen Studienleistungen gezählt wird, sondern von Studenten zusätzlich absolviert werden muss, verzögert sich der Abschluss bei einigen. „Und die haben dann Nachteile, was ihre Bafög-Ansprüche angeht.“

Dieses Problem erkennt auch Nikolaus Mantel, Landesvorsitzender des Deutschen Altphilologenverbands. „Die betroffenen Studenten sollten Anspruch auf Bafög haben“, sagt er auf Anfrage unserer Zeitung. Das Latinum aber müsse zwingend absolviert werden. Alles andere gleicht in seinen Augen einer Bedrohung der deutschen Kultur. „Mit der beabsichtigten Streichung bricht die Regierung mit einer über 1000-jährigen Tradition seit Karl dem Großen“, sagt Mantel. Er moniert, dass nur ein Studium mit Latinum in den Fächern ein „vollwertiges wissenschaftliches Studium“ ist. Romanische Sprachen sind aus dem Lateinischen hervorgegangen.

Auch der Philologenverband NRW hatte sich gegen eine Streichung der Latinumspflicht gewehrt. „Wir appellieren nun an die Universitäten, vernünftig zu sein“, sagte der Landesvorsitzende Peter Silbernagel. Er meint damit, dass sie doch weiterhin das Latinum fordern sollen. Denn das Gesetz sieht auch vor, dass sich die Hochschulen selbst eigene Studienanforderungen geben können, die jene des Landes übersteigen. Sollte eine Uni also weiterhin das Latinum für ein Französischstudium als Voraussetzung festlegen, kann sie das. „Das finden wir nicht gut. Dann können manche Unis weiter selektieren“, kritisiert Finern.

Kontrovers diskutiert werden auch die gesetzlichen Änderungen, die das Referendariat betreffen. Sowohl die GEW als auch der Philologenverband befürworten zwar, dass das Thema Inklusion stärker betont wird und dementsprechend alle Lehrer „sonderpädagogische Basiskompetenzen“ erwerben sollen.

Doch die Verbände sehen bei der Umsetzung noch offene Fragen. Silbernagel wertet die im Gesetzentwurf formulierten Ansprüche an das Referendariat als zu hoch. „Und das sage ich als jemand, der die Qualität stets hochhalten will.“ Das bereits auf 18 Monate verkürzte Referendariat nun aber mit Anforderungen in den Bereichen „Inklusion“ und „Digitale Medien“ zu überfrachten, sehe er kritisch. Immerhin sei nicht geplant, das Referendariat noch weiter zu verkürzen.

„Der Vorbereitungsdienst ist verbesserungswürdig, aber das Land tut nichts“, sagt auch Finern. Das Referendariat sei für die angehenden Lehrer sehr anstrengend, moniert auch Silbernagel. Der Philologenverband und die GEW fordern deshalb, dass der sogenannte bedarfsdeckende Unterricht, also Unterricht, den Referendare eigenverantwortlich leiten, gekürzt wird. „Aber natürlich will das Land das nicht, weil NRW durch den Einsatz der Referendare 2400 Stellen allein an Gymnasien und Gesamtschulen einspart“, sagt Silbernagel.

Einen Erfolg kann er aber verbuchen: Der Gesetzentwurf sei in seinem Sinne geändert worden. Ursprünglich sollten mehr erziehungswissenschaftliche Kompetenzen gefordert werden – zu Lasten fachlicher Kompetenzen.

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