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Lars Otten: Bewegte Welt in feinsten Linien

Von: Sabine Rother
Letzte Aktualisierung:
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FOTO: HARALD KRÖMER DATE: 29.10.2015 Die Kunst des Lars Otten JOB: Lars 2
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Region. Ein Gespräch mit Lars Otten beginnt in der Stille. „Kaffee?“ – Pause – „Ja, Kaffee.“ Der schlanke 34-Jährige im hellgrünen Sweatshirt ist blond, feingliedrig, das Haar jungenhaft in die Stirn gekämmt. Schräg von unten kommt sein verhaltenes, liebenswertes Lächeln.

Die Bilder? Ja, ganz wichtig sind sie, jeden Tag, damit wird er nie fertig. In seinem Kopf tummeln sich Gestalten, Formen, Ideen, Szenen fast ohne Pause. Aus zarten Bleistiftlinien entwickelt er Wesen mit kleinen Armen, die wankend auf den Betrachter zugehen, mit Antennen ausgestattet sind, Mischungen aus Indianern und Robotern. Die Sicht auf die Gegenwart, ihre Strömungen, Absurditäten, ihren Horror und ihren Irrwitz inspirieren Lars Otten.

Darüber zu sprechen ist nicht seine Sache. „Ich beobachte gern, was um mich herum passiert“, sagt er schlicht. Lars Ottens Arbeitsplatz ist ein großer Tisch bei der Lebenshilfe Aachen Werkstätten & Service, genauer gesagt im Kunstatelier. Dort ist er Mitglied der inzwischen schon arrivierten Künstlergruppe „willsosein“ – und nicht nur das. Der ungewöhnliche Name der Formation geht auf eins seiner frühen Bilder zurück: ein rotes Männchen inmitten einer grauweißen Truppe. Warum ist es rot? „Es will so sein“, hat Lars Otten damals knapp erklärt, und ein Name war geboren, der sich bis zu den Kunstgalerien herumgesprochen hat.

Seit 2008 gehört Otten zum Team. Auf dem Titelblatt des aktuellen großen Kalenders der Lebenshilfe prangt vor blauem Himmel eins seiner liebsten Motive – eine Baustelle, die an die gewaltigen Arbeiten auf dem Campus-Gelände rund um das Uniklinikum Aachen erinnert. Seine Bilder wurden in Gemeinschaftsausstellungen von „willsosein“, aber auch bereits im Paul-Löbe-Haus in Berlin, beim Europäischen Parlament in Brüssel und bei einer österreichischen Partnerorganisation der Lebenshilfe in Wien gezeigt.

Im vergangenen Jahr dann ein ganz besonderer Erfolg: Lars Ottens zeichnerisches Werk wird von der Aktion Kunst Stiftung mit einem zweiten Preis ausgezeichnet. In ihrer Ausstellung „inTime2 Selection“ zeigt die Düsseldorfer Direct Art Gallery inzwischen eine Auswahl an Werken, die fünf „Outsider Positionen“ bieten, ausgewählt von der Fachjury des Stiftungspreises – einer dieser Repräsentanten einer anderen Weltsicht ist Otten.

Das ist ein „Schritt über die Schwelle zwischen behinderten und nichtbehinderten Künstlern“, wie Norbert Zimmermann, Geschäftsführer von Werkstätten & Service in Aachen betont, eine Bestätigung zudem für Beatrix Al-Khadra, künstlerische Leiterin der Kunstwerkstatt. „Hier hat jeder seinen Stil, ich unterstütze diese zwölf Leute, aber jeder bestimmt selbst, was er gestaltet.“

Lars Otten genießt die Konzentration, dicht über ein Blatt geneigt, vertieft in die winzigen Drehungen, Wendungen und Gesten der Gestalten. Geduldig entwickelt er Brücken und imaginäre Verbindungsschächte, überrascht manchmal durch Collagenelemente, Alltagsdinge, Gesichter. Baustellen der realen Welt ziehen ihn magisch an, Technik fasziniert ihn, Maschinen mutieren zu Urzeitwesen. „Es ist doch großartig, wie allein ein Haus entsteht, Steine, Mörtel, wenn man das einmal bedenkt . . .“, sagt er versonnen.

Das Interesse für Kunst und technische Abläufe liegt in der Familie. Sein Bruder studiert Luft- und Raumfahrttechnik in Augsburg, der Vater war Lehrer für die Fächer Kunst und Sport. Daheim in Waldfeucht-Bocket sind sie stolz auf Lars. Und wenn er, der die Woche über im Vinzenz-Heim Aachen lebt, nach Hause kommt, bringt er neue Schöpfungen mit.

Er sammelt selbst auf dem Lande Ideen, beobachtet Kühe und Traktoren. In den Farben bleibt er sanft und erdig. „Nein, so knallige Sachen sind nichts für mich“, meint er mit Blick in den großen Farbenschrank im Atelier und greift zum Ocker.

Dann neigt er sich wieder schweigend über die begonnene Zeichnung. Die rechte Hand ruht auf dem Tisch, den Stift führt er locker mit der Linken. Was um ihn herum passiert, spielt keine Rolle mehr. Zeit und Raum gehören den Strukturen und endlosen Spuren, der Wesen, die oft auf Rollen daherkommen, die sich einreihen oder mit gespreizten Ärmchen aus der Reihe tanzen. Erfolg? Lars Otten strahlt, aber viel wichtiger sind ihm die neuen Welten, die er schaffen kann.

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