Lange Leitung statt Turbo-Netz: Warum stockt der Glasfaser-Ausbau in der Region?

Von: Hermann-Josef Delonge
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Die Debatte um das schnelle Internet erhitzt die Gemüter. Warum stockt der Glasfaser-Ausbau in der Region? Foto: Uli Deck/dpa

Aachen. Grenzenlos surfen, Videos und TV in höchster Auflösung anschauen, Musik in perfekter Qualität hören: Nur mit einem Internet, das große Datenmengen in hoher Geschwindigkeit transportiert, lassen sich solche Wünsche erfüllen. Doch das ist nicht alles. Eine schnelle Internet-Infrastruktur ist Grundpfeiler für die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands.

Da geht es nicht um den ruckelfrei gestreamten Film, sondern um ganz andere, nämlich riesige Datenmengen. Wie also ist es um den Ausbau von schnellen Breitband-Netzen bestellt? Wo liegen die Probleme? Und warum gibt es auch in unserer Region große Unterschiede?

Wo steht Deutschland beim Breitband-Ausbau?

Eine Vorreiterrolle nehmen wir nicht gerade ein. Mitte 2017 war es 76,9 Prozent aller Haushalte möglich, Übertragungsgeschwindigkeiten von mindestens 50 Megabit pro Sekunde (Mbit/s) im Download zu nutzen. Ob sie es tun, ist eine andere Frage. Vor allem in ländlichen Gegenden gibt es weiße Flecken. Hier können nur 40,5 Prozent auf derart schnelle Leitungen zurückgreifen. Dieses Gefälle zeigt sich auch in der Region, wie unsere Grafik zeigt. Eine Ausnahme ist der Kreis Heinsberg, der beim Ausbau der Privathaushalte mit Glasfaseranschlüssen exzellent dasteht – besser als die Stadt Aachen. Dazu und zu anderen regionalen Besonderheiten später mehr.

Was macht die Politik?

Die bisherige Bundesregierung hatte 2014 in der Digitalen Agenda das Ziel festgelegt, dass bis Ende 2018 alle Haushalte über eine Leitungsstärke von 50 Mbit/s verfügen sollen. Seit 2015 fördert sie den Ausbau. Das Programm ist mit vier Milliarden Euro ausgestattet. Auch vom Land gibt es Mittel. Finanzschwache Kommunen können so auf eine Förderung von annähernd 100 Prozent kommen.

Reicht das aus?

Das 50-Mbit/s-Ziel war kaum gesteckt, da galt es schon als überholt. Denn der Bedarf wächst stetig. Nach einer Studie im Auftrag des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) werden 2025 mehr als drei Viertel aller Privathaushalte Bandbreiten von 500 Mbit/s und mehr im Download benötigen – von den Unternehmen ganz zu schweigen.

Auch die Kanzlerin ist nun der Meinung, dass man „im Gigabit-Bereich denken“ müsse. Also hat der damals zuständige Minister Alexander Dobrindt das Ziel formuliert, Deutschland solle bis 2025 ein entsprechendes Netz bekommen – über Mobilfunk oder stationäre Anschlüsse. 80 Milliarden Euro wären dafür notwendig; woher die kommen sollen, ist nicht klar.

Was passiert aktuell?

Der Ausbau von Glasfaserleitungen ist teuer – und kostet Zeit. Um wenigstens das von der Bundesregierung formulierte Ziel bis Ende 2018 zu erreichen, verfolgt der Branchenprimus Telekom deshalb die Strategie, die Kupferleitungen auf der „letzten Meile“ vom Verteiler bis ins Haus (FTTC-Verfahren) per Vectoring aufzupeppen – mit dem Ziel, „möglichst schnell in eine große Fläche zu kommen“.

Dagegen ist doch nichts zu sagen.

Stimmt. Aber das Vectoring-Verfahren ist eine Übergangstechnik, die den Datenmengen der Zukunft nicht gewachsen sein wird. Die Bundesregierung müsse deshalb ein klares Konzept für den Ausbau von Gigabit-Netzen und damit flächendeckend von Leitungen aus Glasfaser formulieren, lautet die Forderung. Notwendig wäre das, wie eine Studie des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung zeigt.

Demnach können in Deutschland lediglich rund sieben Prozent der Haushalte von Glasfaserverbindungen profitieren, die bis zum Haus (FTTB-Verfahren) oder sogar bis in die Wohnung (FTTH-Verfahren) gelegt sind. Im ländlichen Bereich beträgt die Abdeckung gerade einmal 1,4 Prozent. Zum Vergleich: In Estland sind es 73 Prozent, in Schweden 56, in der Schweiz 27 Prozent der Haushalte. Im OECD-Vergleich belegt Deutschland Platz 28 – von 32. Mit FTTB/FTTH sind Downloadgeschwindigkeiten von bis zu einem Gigabit pro Sekunde realistisch.

Wo ist das Problem?

Diese Netzwerke amortisieren sich unter Umständen, also vor allem in ländlichen Gebieten, erst nach rund 25 Jahren, was nicht unbedingt ins Geschäftsmodell der börsennotierten Telekom passt. Doch auch die Mitbewerber müssen auf Wirtschaftlichkeit achten. NetAachen zum Beispiel setzt auch auf FTTC-Anschlüsse – mit der Option, die Kupfer- später gegen Glasfaserleitungen auszutauschen. Das Unternehmen hat FTTB/FTTH-Anschlüsse bislang vor allem in der Aachener Innenstadt verlegt. Das rechnet sich dort früher als in Gebieten mit geringerer Bevölkerungsdichte.

Reden die Telekom-Konkurrenten also nur, oder handeln sie auch?

Sie handeln durchaus. 80 Prozent der verfügbaren Glasfaserleitungen bis ins Haus oder in die Wohnung sind von den Telekom-Wettbewerbern aufgebaut worden. Inzwischen gibt es auch zahlreiche regionale Anbieter, die schnelle Glasfaserleitungen anbieten.

Wie funktioniert das?

Das zeigt ein Blick in die Region. Kommunen, Stadtwerke und regionale Versorger kooperieren da mit regionalen Unternehmen und Providern wie NetAachen, Relaix Networks (Aachen) oder Soco Network Solutions (Düren). FTTB/FTTH-Anschlüsse werden dabei vor allem dann realisiert, wenn Neubau- und Gewerbegebiete erschlossen oder Versorgungsleitungen sowieso offengelegt werden. Denn die Tiefbauarbeiten schlagen ins Kontor – und sorgen oft für Ärger bei Anwohnern. Ansonsten behilft man sich mit FTTC-Anschlüssen. Das wird sich bald auch im Kreis Düren, der ein bisschen hinterherhinkt, bemerkbar machen. Der Kreis hat Förderbescheide von Bund und Land in der Tasche. Geplant ist nun, das Geld verstärkt in den Anschluss der Schulen mit Glasfaser zu stecken.

Ap­ro­pos Blick in die Region: Warum sticht der Kreis Heinsberg beim Glasfaser so heraus?

Das liegt vor allem an der Deutschen Glasfaser mit Sitz in Borken. Das Unternehmen mit niederländischen Wurzeln, das heute mehrheitlich einer US-Beteiligungsgesellschaft gehört, hatte Mitte 2016 angekündigt, 1,5 Milliarden Euro in den Glasfaserausbau in Deutschland investieren zu wollen – mit dem erklärten Ziel, Marktführer zu werden. In Westfalen und am Niederrhein bis in den Kreis Heinsberg hinein hat es – mit Unterstützung der Kommunen – viele Projekte realisiert. Allerdings verlief das nicht immer reibungslos; es gab Probleme mit Dumpinglöhnen bei den beauftragten Tiefbauunternehmen und Beschwerden über schlampige Arbeit.

Die Deutsche Glasfaser hat Besserung gelobt und setzt ihre offensive Marketingstrategie unbeirrt fort. Im Fokus stehen dabei ländliche Gebiete, die chronisch unterversorgt sind; aktuell sollen große Teile von Simmerath und Roetgen ausgebaut werden. Voraussetzung ist immer, dass mindestens 40 Prozent der Haushalte in dem betreffenden Gebiet einen Vertrag mit der Deutschen Glasfaser abschließen. Die sind teurer als ein DSL/VDSL-Anschluss; das gilt allerdings für alle Anbieter. Für viele Privathaushalte ist das mit Sicherheit ein Grund, sich nicht für einen Glasfaseranschluss zu entscheiden – auch, weil sie die damit möglichen Bandbreiten (noch) nicht benötigen.

Was macht der Branchenprimus?

Auch die Telekom verzeichnet eine stärkere Nachfrage und reagiert. Ein Beispiel aus der Region: In Bereichen von Stolberg will der Konzern Glasfaser bis in die Häuser legen, sollte das Projekt gefördert werden. Der Schwerpunkt liegt aber noch auf Vectoring. „Wir reden hier über 100 beziehungsweise 250 Mbit/s. Sagen Sie mir einen Dienst, der derzeit mehr Bandbreite benötigt“, sagte zuletzt noch Konzernchef Tim Höttges.

Wie geht es weiter?

Fakt ist: Da das Vectoring-Verfahren Bandbreiten ermöglicht, die den aktuellen Förderrichtlinien entsprechen, genießt der Ausbau mit Glasfaser keine Priorität. Das stößt mehr und mehr auf scharfe Kritik: Die Bertelsmann-Stiftung bemängelt „unambitionierte Ziele“. Der Bundesverband IT-Mittelstand fordert Investitionen in zweistelliger Milliardenhöhe – gegenfinanziert auch durch den Verkauf von Bundesbeteiligungen an der Post oder der Telekom, wie der Verbandspräsident und Aachener IT-Unternehmer Oliver Grün vorschlägt. Und die NRW-Landesregierung hat sich im Koalitionsvertrag eindeutig auf den Glasfaserausbau festgelegt. Nur noch dafür soll es Fördermittel geben. Langsam bewegt sich was.

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