Landung in Köln: Wenn Flugzeuge sich zu nahe kommen

Von: Marlon Gego
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Flugzeug
Ein Flugzeug fliegt in Nordrhein-Westfalen einen Flughafen an. Symbolbild: dpa

Köln/Merzenich. Der Flug 4U 769 von Zürich nach Köln war leicht verspätet, aber die Piloten hatten die verlorene Zeit während des Fluges wieder aufgeholt. Schönes Wetter, gute Sicht. Der Germanwings-Airbus 319 setzte planmäßig um 18.07:12 Uhr auf der Landebahn 06/24 des Köln-Bonner Flughafens auf, es war der 16. September, ein Dienstag.

Wolfgang Preibsch aus Merzenich saß auf der linken Seite des Flugzeugs, gleich am Fenster, und dachte an die Fahrt vom Flughafen nach Hause. Als er im Moment des Aufsetzens aus dem Fenster schaute, sah er ein anderes Flugzeug, das von einer die Landebahn 06/24 kreuzenden Startbahn abhob. Der startende Jet müsse die Kreuzung der beiden Bahnen nur Sekunden vor dem landenden Germanwings-Airbus passiert haben, in dem er saß, dachte Preibsch und erschrak. Er glaubte, einer Kollision der beiden Flugzeuge, die zur Katastrophe mit Hunderten Toten hätte werden können, nur knapp entgangen zu sein.

960 Meter Abstand

Wolfgang Preibsch, 62, ist niemand, der zur Hysterie neigt, außerdem war er beruflicher Vielflieger, der beim Starten, Fliegen und Landen schon verhältnismäßig viel erlebt hat. Allerdings noch nie so etwas wie am 16. September auf dem Flughafen Köln/Bonn. Und weil er wissen wollte, was da bei der Koordination von Start und Landung schief gelaufen ist, rief er einige Tage später die Deutsche Flugsicherung (DFS) am Flughafen Köln/Bonn an und fragte einfach mal nach. Die Recherche der DFS dauerte nicht lange, die Preibsch mitteilte, was sie Anfang Oktober auch auf Anfrage unserer Zeitung erklärte: Es gab an diesem Tag kein Problem, alles sei entsprechend den Vorschriften für den internationalen Luftverkehr verlaufen.

Doch war wirklich alles so problemlos?

Der Luftverkehr ist in Deutschland gut erfasst, es gibt Satellitenbilder, Flugspuren und Radaraufnahmen. Wer weiß, wo er suchen muss, findet im Internet mit ein paar Klicks Seiten, auf denen sich die Situation am Kölner Flughafen an diesem 16. September ziemlich genau nachvollziehen lässt. Der Deutsche Fluglärmdienst (DFLD) zum Beispiel erfasst jeden Start und jede Landung auf den kommerziellen Flughäfen Deutschlands. Aus den exakten Aufzeichnungen geht hervor, dass der Flug 4U 7033 auf der großen Startbahn des Kölner Flughafens 15 Sekunden vor dem Zeitpunkt abgehoben hat, bevor Flug 4U 769, in dem Wolfgang Preibsch saß, landete. Der startende Airbus hob um 18.06:57 Uhr ab, der landende Airbus setzte um 18.07:12 Uhr auf.

Ein Sprecher der „Initiativen Fluglärm in Mainz und Rheinhessen“ sagte im Gespräch mit unserer Zeitung, dass die Situation am 16. September in Köln, die Wolfgang Preibsch erlebt hat, „so nicht in Ordnung war. Die haben Glück gehabt, dass nichts passiert ist“.

Ein erfahrener Berufspilot, der seinen Namen in diesem Zusammenhang nicht in der Zeitung lesen möchte, hat auf Grundlage der vom DFLD und der DFS erhobenen Daten für unsere Zeitung berechnet, dass sich das landende Flugzeug etwa 960 Meter vom startenden Flugzeug entfernt befunden haben muss, als dieses die Kreuzung der beiden Landebahnen erreichte. Dieser Wert, sagt der Berufspilot, sei nur ein ungefährer, aber die Abweichungen könne besonders groß nicht sein. Seiner Einschätzung nach war die Situation für die betroffenen Piloten „üblich und handhabbar“. Ein weiterer Berufspilot teilte diese Einschätzung gegenüber unserer Zeitung. Ein früherer Fluglotse, der einige Jahre im Tower des Kölner Flughafens gearbeitet hat, sagte: „Die Situation war eng, lag aber wahrscheinlich innerhalb des erlaubten Minimums.“

Doch wenn man bedenkt, dass die Landegeschwindigkeit eines Airbus 319 bei 248 km/h liegt, sind 960 Meter andererseits nicht sehr viel. Die Frage ist: Hat es sich bei dieser Situation um eine sogenannte gefährliche Annäherung gehandelt?

Wäre dies der Fall, hätte der zuständige Fluglotse im Kölner Tower die Situation dem Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung mitteilen müssen. Es wäre eine Untersuchung eingeleitet worden, der zuständige Fluglotse wäre bis zum Feststehen des Untersuchungsergebnisses vom Dienst befreit worden. Es hätten viele unangenehme Fragen beantwortet werden müssen. „Es ist durchaus üblich, dass gefährliche Annäherungen einfach unter den Tisch fallen gelassen werden“, sagte der Sprecher der „Initiativen Fluglärm in Mainz und Rheinhessen“. Die beiden Berufspiloten sagten unserer Zeitung, ihrer Einschätzung nach habe an diesem 16. September keine gefährliche Annäherung vorgelegen.

Die Zahl der gefährlichen Annäherungen im deutschen Luftraum oder an deutschen Flughäfen lag vergangenes Jahr bei 235. Das geht aus dem Jahresbericht des Bundesaufsichtsamtes für Flugsicherung hervor. 235 hört sich nach viel an, doch wenn man weiß, dass allein in Frankfurt etwa 1300 Flüge pro Tag starten und landen, relativiert sich die Zahl. Da Flugunfälle aber oft dramatisch enden, sei der Sicherheitsabstand bewusst groß gewählt, wie das Bundesaufsichtsamt erklärt.

Auf Anfrage unserer Zeitung lehnte die DFS es mit Verweis auf Datenschutzbestimmungen ab, Radaraufnahmen der Situation am 16. September zu veröffentlichen, mit deren Hilfe der Abstand der beiden Flugzeuge zueinander möglicherweise noch genauer zu berechnen wäre. Dies sei nur möglich, wenn die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren einleiten würden, teilte die DFS mit.

Die Lufthansa-Tochter Germanwings, in deren Flugzeug Wolfgang Preibsch am 16. September saß, erklärte auf Anfrage unserer Zeitung, dass die Piloten der beiden beteiligten Flugzeuge „informiert darüber waren, dass es etwas enger wird“. An diesem Tag sei viel Verkehr am Flughafen Köln/Bonn gewesen. Es habe sich dennoch um „ein abgestimmtes Verfahren“ gehandelt. Der Pilot des landenden Flugzeuges „war bereit zum Durchstarten“, falls es noch enger als ohnehin schon geworden wäre. Durchstarten bedeutet, die schon eingeleitete Landung abzubrechen und zuzusehen, dass das Flugzeug schnell wieder an Höhe gewinnt.

Was ist „angemessen“?

Für den größten Teil des Luftraums sind die Grenzen für die gefährliche Annäherung klar in Zahlen gefasst. Wenn zwei Jets sich näher als fünf Seemeilen (9,26 Kilometer) vertikal oder 1000 Fuß (304,8 Meter) horizontal kommen, liegt eine gefährliche Annäherung vor. In der Nähe eines Flughafens sinkt die vertikal zulässige Distanz auf drei Seemeilen (5,56 Kilometer). Für die Start- und Landesituation auf sich kreuzenden Start- und Landebahnen gibt es keine genaue Zahl. In der entsprechenden Betriebsanleitung der DFS ist lediglich von einem „angemessenen Abstand“ die Rede.

Was „angemessen“ ist und was nicht, ist Ermessenssache. Für die DFS war der Abstand der beiden Flüge angemessen, für Wolfgang Preibsch nicht. Er überlegt, ob er Anzeige bei der Kölner Staatsanwaltschaft erstattet und so eine dritte Seite um eine objektive Einschätzung bittet.

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