Landtagskandidaten: Kreuzverhöre zwischen Kuchen und Käse

Von: Annika Thee
Letzte Aktualisierung:
14550904.jpg
Landtagskandidaten in ungewöhnlichen Gesprächen: Ulla Thönnissen (CDU, links). Foto: Annika Thee
14550905.jpg
Landtagskandidaten in ungewöhnlichen Gesprächen: Karl Schultheis (SPD). Foto: Annika Thee
14552531.jpg
Landtagskandidaten in ungewöhnlichen Gesprächen: Katrin Feldmann (Grüne). Foto: Annika Thee

Aachen. Karl Schultheis saß im Aachener Ponttor zwischen Käseplatten, Früchten, Fertigkuchen und Wein und kämpfte auch dort um Stimmen. Jenny und Laila, zwei Studentinnen aus Aachen, saßen bei Schultheis am Tisch und nahmen ihn in eine Art Kreuzverhör.

„Was wird getan, damit ich abends am Bushof keine Angst mehr haben muss?“, fragte Laila.

„Da gibt es seit Februar Videoüberwachung“, sagte Schultheis.

„Aber dadurch wird das Problem nicht gelöst, weil sich die Menschen, die nachts Frauen anpöbeln, einfach einen neuen Ort suchen“, sagte Jenny.

„Das mag sein“, gab Schultheis zu, zuckte mit den Schultern, nahm einen Schluck Wein und versuchte, das Thema zu wechseln.

Mit Slogans und Lächeln

Der Aachener Verein „Mündigmacher“ veranstaltete vergangenes Wochenende so etwas wie ein speisenbegleitetes Speed-Dating, um einen Austausch zwischen Politikern, Vertretern gemeinnütziger Organisationen und jungen Wählern zu ermöglichen. Zweierteams empfingen jeweils vier unbekannte Gäste zur Vor-, Haupt- oder Nachspeise an verschiedenen Orten. Nach jedem Gang wechselten die Teams und die Gastgeber.

Kurz vor der Landtagswahl nutzten 230 Teilnehmer die Gelegenheit, Aachener Landtagskandidaten wie Karl Schultheis (SPD) mit Fragen zu konfrontieren und mehr über die Personen zu erfahren, die auf Plakaten mit Slogans und freundlichem Lächeln um die Stimmen der Wähler werben.

Dass die Veranstaltung nicht irgendeine von vielen auf den eng getakteten Terminplänen der Politiker war, zeigte sich bereits bei der Vorspeise. Die 22-jährige Physikstudentin Anna Becker stellte der Landtagsabgeordneten Ulla Thönnissen (CDU) jene Fragen, für die bei Podiumsdiskussionen und anderen öffentlichen Auftritten der Politikerin kaum Raum ist.

„Wie können Sie mit einer Partei koalieren, deren Chef leugnet, dass es Vergewaltigung in der Ehe gibt?“, fragte Anna.

„Ich finde Herrn Seehofer genauso unmöglich wie Sie, und ich wäre ihn gern losgeworden“, antwortet Thönnissen.

Sie sprach freimütig über Bundeskanzlerin Angela Merkel, die sich ihrer Meinung nach innerhalb der Partei alle Gegner aus dem Weg geschafft habe. Dennoch sei Thönnissen froh, dass „Angela Merkel bei den testosterongesteuerten Männern wie Trump, Erdogan und Co. mit kühlem Kopf und kalkuliert“ agiere.

Das Format der Veranstaltung war für die Politiker merklich ungewohnt. Die Landtagskandidaten befinden sich seit Monaten im Wahlkampf-Modus, sie sind es gewöhnt, ihre Stellungnahmen und Argumentationen abzuspulen, sich selbst als möglichst sympathisch zu präsentieren, Kritik entweder nicht zuzulassen oder an andere Parteien weiterzuleiten.

Genau das versuchte Ulla Thönnissen, als sie sich zu Gast in der Bleiberger Straße den Fragen der jungen Studentin stellen musste. Sie reagierte sichtlich genervt auf Kritik an der Bildungs- und Sozialpolitik aus der Zeit, als CDU und FDP das Land regierten.

„Ehrlich gesagt, kann ich diese Vorwürfe nicht mehr hören“, sagte Thönnissen, hob ihre Hand und ließ sie auf den Tisch fallen. Rot-Grün habe in Sachen Bildungspolitik deutlich mehr Fehler gemacht und dafür gesorgt, dass es in NRW mehr Unterrichtsausfall gebe als in allen anderen Bundesländern, sagte Thönnissen.

Als die Landtagskandidatin die erste Station des Abends verließ, blieben am Tisch Bürger zurück, die sich mit den Antworten der Politikerin nicht zufriedengaben. „Ich hätte mir gewünscht, dass Ulla Thönnissen mehr auf einzelne Themen eingegangen wäre, als nur Schlagworte zu nennen und zum nächsten Thema zu springen“, sagte Sybille Keupen, Vorsitzende des Frauennetzwerks Aachen. Aber auch die Einsicht, dass Themen, die Bürgern am Herzen liegen, bei Kandidaten nicht die gewünschte Beachtung finden, trage zur der Entscheidung bei, wem die Wahlberechtigten ihre Stimme geben.

Im Rahmen dieses ungewöhnlichen Formats wurde den Politikern ein anderer, sehr viel persönlicherer Zugang zu den Wählern abverlangt. Als Gäste der Wähler merkten sie schnell, dass das gewohnte Machtgefälle zwischen Bürger und Mandatsträger, die Distanz, die im öffentlichen Leben den Umgang miteinander definiert, am gemeinsamen Esstisch für kurze Zeit aufgehoben wurde.

Die Unterhaltungen fanden auf Augenhöhe statt, die Teilnehmer duzten sich und nahmen die Gelegenheit wahr, sich an diesem Abend nicht mit Plattitüden und Schlagwörtern zufriedengeben zu müssen.

Das musste auch die Aachener Kreisverbandsvorsitzende der Grünen, Katrin Feldmann, feststellen. „Grüne und freie Wirtschaft, das schließt sich nicht aus“, sagte sie bei der Hauptspeise in der Villa einer Studentenverbindung. Sie versuchte, die Maschinenbaustudenten an ihrem Tisch von grüner Wirtschaftspolitik zu überzeugen. Fragen und Antworten sprangen auf dem gedeckten Tisch hin und her wie der Ball beim Tischtennis.

„Ja, mehr Regulierung“

Nach einiger Diskussion über die Produktion von Lebensmitteln versuchte ein Student, Feldmann eine eindeutige Äußerung zu entlocken.

„Also doch Verbote statt Freiheit?“, fragte er.

„Ja, mehr Regulierung“, antwortete Feldmann.

„Für die Verbraucher oder für die Produzenten?“

„Na, die Produzenten“, sagte Feldmann wie selbstverständlich.

„Also doch keine freie Wirtschaft?“, fragte der Student.

Gespräche wie dieses verdeutlichten in manchen Fällen, dass es einigen Politikern an praktikablen Ansätzen, Umsetzungsmöglichkeiten oder Fachwissen fehlt. Je oberflächlicher die Gespräche, desto leichter lassen sich inhaltliche Schwächen weglächeln. Doch die Situation am Samstag erlaubte eben, etwas tiefer ins Detail zu gehen. Und nicht wenige sagten am Ende, dass ihnen der Abend sehr bei der Entscheidung geholfen habe, wem sie am Sonntag ihre Stimmen geben.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert