Landarzt offenbart: „Ich verdiene 2740 Euro netto”

Von: Marco Rose
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Ein Mediziner redet Klartext: Helmut Schneider (45) liegt mit seinem Einkommen als Landarzt am unteren Ende der nach oben offenen Ärzte-Einkommens-Skala. Am Herzen liegt ihm auch die Bezahlung seiner Helferinnen. Denn von deren Gehalt alleine könne heute kaum noch jemand leben - „skandalös angesichts der hohen Anforderungen an diesen Job”. Foto: Marco Rose

Kalterherberg. Über Geld redet man nicht. Nicht in Monschau, nicht in Aachen, nicht in Düren oder sonst wo. Schon gar nicht in Kalterherberg. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Und in Kalterherberg hat das noch Gewicht. Helmut Schneider wird an diesem Tag dennoch über Geld reden. Obwohl ihn jeder davor gewarnt hat.

Es ist still in der Monschauer Straße kurz vor der belgischen Grenze. Die Praxis von Landarzt Schneider ist geschlossen, wie an einem gewöhnlichen Mittwochnachmittag. Schneider brütet an seinem Schreibtisch über Akten und Abrechnungen. Die Praxis ist hell und freundlich, das alte Bauernhaus hat er gemeinsam mit Verwandten restauriert. Es passt zu ihm.

Schneider, 45 Jahre alt, verheiratet und Vater einer Tochter, hat einen Text formuliert, zwei Din-A4-Seiten in einer Kladde, mit der Hand geschrieben. Er sei streitbar und schieße manchmal über das Ziel hinaus, sagt er zur Begründung.

„Deshalb habe ich bislang meinen Ärger immer nur in mich hineingefressen.” Schneider aber will nicht mehr schweigen. Zu viel Unsinn sei in den vergangenen Monaten über seinen Berufsstand geschrieben worden.

Berichte, die mit dem Alltag in seiner Praxis nichts zu tun haben, wie er meint. Über Mediziner, die mit dem Porsche zur Demo gegen Ärzte-Ausbeutung fahren. Über angeblich „geldgierige Kollegen”, die Patienten nur noch gegen Vorkasse behandeln. Und über ein durchschnittliches Monatseinkommen von knapp 10.000 Euro brutto pro niedergelassenem Arzt.

„Auf dem Land gibt es Ärzte, die mit einem hohen Zeitaufwand wesentlich weniger verdienen”, steht in der Kladde. Dann nennt Schneider Zahlen: 2740 Euro verdiene er netto im Monat, Stand 2007, nach Abzug von Steuern, allen Praxiskosten, Krankenversicherung und Altersvorsorge. Ein 13. Monatsgehalt gibt es nicht.

Schneider hat mit sich gerungen, weil man über Geld halt nicht redet, gerade in Kalterherberg. Weil er weiß, dass das ganze Dorf über ihn und sein Gehalt diskutieren wird, wenn er sich dennoch offenbart.

Und weil er weiß, dass es in dieser Diskussion für ihn nicht viel zu gewinnen gibt. Denn für den Durchschnittsdeutschen sind 2740 Euro netto im Monat viel, für den Durchschnittsarzt wenig.

So ist das mit dem Durchschnitt: Er wird nur Wenigen gerecht. Auf das Mitleid seiner Patienten kann Schneider jedenfalls nicht bauen, auch wenn er schätzungsweise nur die Hälfte dessen verdient, was ein gut situierter Kollege in der Stadt bekommt, wenn er reichlich Privatversicherte unter seinen Patienten hat.

2500 Einwohner auf eine Praxis

Doch auf Mitleid kann und will der Landarzt verzichten: „Ich jammere nicht”, sagt er. „Ich wusste, auf was ich mich eingelassen habe. Ich liebe meine Arbeit, mein Dorf, meine Patienten. Aber ich will verdammt noch mal nicht als geldgierig dastehen.”

Schneider ist ein Typ, dem man das ohne Wenn und Aber abkauft. Er hat nach dem Studium acht Jahre als Chirurg im Krankenhaus geschuftet. Seit 2003 arbeitet er wieder im Heimatdorf.

Kalterherberg hat knapp 2500 Einwohner und eine einzige Arztpraxis: die von Helmut Schneider, in der außer ihm noch seine Frau und zwei Arzthelferinnen arbeiten.

Seine Patienten kommen, weil sie ihn kennen. Andere, auch Freunde, kommen aus dem gleichen Grund nicht. So ist das in einem Dorf, in dem jeder jeden kennt.

Die Jungen arbeiten meist in Aachen, Simmerath oder Roetgen. Dort gehen sie einkaufen, dort suchen sie sich ihre Ärzte. Schneider hat deshalb 18 Prozent weniger Patienten als ein vergleichbarer Hausarzt im Bereich der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Nordrhein.

Weniger zu tun hat der Arzt deshalb aber nicht: Er absolviert täglich Hausbesuche. Er hört Patienten zu, nimmt sich Zeit, auch am Abend, auch an Wochenenden. „Das gehört dazu, das ist wichtig, nicht nur für die älteren Patienten”, sagt Schneider und zitiert einen seiner Universitätslehrer: „Wenn ihr merkt, dass eine Akte immer dicker und dicker wird, dann macht sie zu - und hört dem Patienten einmal zu.”

Das klingt gut und hat gleichwohl einen Haken: Im Regelwerk der Arzthonorierung ist diese Behandlungsform nicht viel wert - trotz aller Lippenbekenntnisse über die Bedeutung der „sprechenden Medizin”.

„Gebührenordnungsposition 01100 - unvorhergesehene Inanspruchnahme des Vertragsarztes durch einen Patienten zwischen 19 und 22 Uhr.” Schneider blättert wieder in diesem Regelwerk.

Es ist sein ständiger Begleiter - ein Wust aus Zahlen und Buchstaben, den selbst Fachleute kaum noch durchschauen. 55 bis 60 Stunden arbeitet Schneider nach eigenen Angaben pro Woche.

Mehr als ein Drittel dieser Zeit gehe für Verwaltungsaufgaben und Honorarfragen drauf. Immer wieder muss er Patienten erklären, warum jenes Medikament nichts kostet, das andere aber eine Zuzahlung von 1,35 Euro erfordert. „Die KV arbeitet inzwischen so, wie man sich eine deutsche Behörde vorstellt”, sagt er vielsagend.

Praxis-Schließungen absehbar

Mehr Geld erhofft sich der Landarzt von der zum Jahreswechsel inkraftgetretenen und schon wieder reformbedürftigen Neuregelung der Honorare nicht. Im Gegenteil: Nach aktuellem Stand seien Einbußen wahrscheinlich.

Immerhin kann Schneider nach der Neuregelung wieder mehr Patienten aufnehmen, was bislang an der strikten Budgetierung scheiterte. Das ist allerdings auch bitter nötig: Altersbedingt werden wohl mehrere Ärzte in der Eifel ihre Praxen in den kommenden Jahren schließen.

„Weil schon heute überall Mediziner fehlen, ist fraglich, ob sich Nachfolger dorthin wagen”, sagt Schneider.

Er selbst hat das „Wagnis Kalterherberg” trotz unbestreitbarer Nachteile bislang nicht bereut. Und auch wenn ihn seine Nachbarn in der Kneipe demnächst ein bisschen aufziehen werden, weiß Schneider: „Die Menschen brauchen mich hier, vor allem die Alten. Das ist ein so schönes Gefühl, über das man manchen Ärger wieder vergisst.”
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