FuPa Freisteller Logo

Lage in der Rockerszene ist hochexplosiv

Von: Claudia Schweda
Letzte Aktualisierung:
7380505.jpg
Drohgebärde: In Sittard treten die Hells Angels derzeit massiv öffentlich auf. Die Satudarahs machen ihnen ihr Revier streitig. Foto: Jungmann

Aachen/Alsdorf/Köln/Krefeld. Die Rockerszene ist seit einigen Monaten massiv in Bewegung. Und die Machtkämpfe sind zusehends öffentlich wahrnehmbar. Mit dem abgetrennten Unterarm eines Hells-Angels-Rockers, den im Februar ein Angler aus dem Rhein fischte, ist nach vier Jahren der erste Rockerstreit wieder tödlich geendet.

In einer Kölner Diskothek wurde in der Nacht zu Rosenmontag nach einer Schlägerei mit Hells Angels in die Decke geschossen. Aktuell ist die Stimmung im niederländischen Sittard hochexplosiv. Im Revier der Hells Angels hat sich der erste Satudarah-Club gegründet. Die Hells Angels reagieren massiv – nicht nur mit großer öffentlicher Präsenz in der Stadt. Ihnen wird der Sprengstoffanschlag auf das Haus eines Satudarah-Mitglieds zugeschrieben. Es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, wann es den nächsten Toten gibt.

Dennoch sind die Ermittler vorsichtig, wenn es heißt, die Rockerkriminalität habe eine neue Qualität erreicht. „Die Gewalt ist da, war aber immer schon typisch für Rockerkriminalität. Aber mit dieser These wäre ich vorsichtig“, sagt Thomas Jungbluth, Abteilungsleiter für Organisierte Kriminalität im Landeskriminalamt (LKA). Allerdings sei es richtig, dass in Ballungsräumen inzwischen bei Rockerrivalitäten schneller Schusswaffen eingesetzt würden.

Neu sei auch die starke Expansion der Clubs. Die Ermittler beobachten, dass die Auslese der Mitglieder weniger stark stattfindet. Es gebe einen starken Zulauf – auch von Migranten, häufig mit türkischem Hintergrund. „Das war früher undenkbar“, sagt Paul Kemen, Sprecher der Aachener Polizei – und sorgt auch innerhalb der Hells Angels gerade nach Angaben des LKA für „Meinungsverschiedenheiten“.

Unstrittig ist, dass die Zahl der der Clubniederlassungen bestimmter Gruppen derzeit stark wächst. Seit etwa einem Jahr drängen Satudarahs, eine niederländische Gruppierung, von Westen nach NRW hinein. Gleichzeitig versuchen die Black Jackets, eine besonders gewaltbereite rockerähnliche Gang aus Süddeutschland, an Rhein und Ruhr Fuß zu fassen. Die alte Revierregel jedenfalls – den Bandidos gehört das Ruhrgebiet, den Hells Angels das Rheinland – ist durch das Vordringen der Bandidos in andere Teile des Landes in dieser Form nicht mehr haltbar. In Sittard zeigt sich aktuell, dass sich die Bandidos auf ihrem Expansionszug offenbar selbst durch die Landesgrenze zu den Niederlanden und die dort bislang unumstrittenen Hells Angels nicht aufhalten lassen.

Logische Konsequenz ist die Zunahme von Gewalt. „Die Anzahl der Straftaten mit gravierenden Körperverletzungsdelikten hat zugenommen“, sagt Jungbluth. Die Rocker, ohnehin Gruppierungen mit starker Gewaltaffinität, sind durch die aktuellen Entwicklungen gezwungen, aktiver zu sein. Denn ihre Territorialansprüche, über die sie sich definieren, werden durch das Eindringen verfeindeter Rockergruppen verletzt. Sie reagieren – wie jetzt aktuell in Sittard bei den Hells Angels zu beobachten – mit einer massiven Machtdemonstration. Sie entwickeln ihr gesamtes Drohpotenzial, treten geballt auf, um ihren Gebietsanspruch durchzusetzen, und geben „Warnschüsse“ ab. „Ein Teil des Drohpotenzials wird über die Kutte ausgeübt“, sagt Jungbluth.

Fast überrascht beobachten die Ermittler, dass durch die rasche Expansion teilweise traditionelle Regeln wie das „Angel Forever, Forever Angel“ (AFFA) und die damit verbundenen Verhaltenskodizes der Clubs aufgeweicht werden. „Vor fünf bis zehn Jahren musste man sich noch mehr hochdienen“, sagt Jungbluth, das habe die Einhaltung interner Regeln gesichert. Dass die nun nicht mehr uneingeschränkt gelten, schwäche die Gruppen. Man kann sich nicht mehr aufeinander verlassen. Sogar die letzten Tabus sind gefallen: Im Januar hat ein Satudarah-Präsident den letzten Ehrenkodex gebrochen und vor Gericht andere Rocker verraten. Ein Jahr zuvor war zum Beispiel in Krefeld eine größere Gruppe Bandidos zu den rivalisierenden Hells Angels gewechselt. Das galt lange als Hochverrat.

Auch das Vorgehen der Polizei und die Verbote einzelner Clubs durch den Innenminister – darunter die Bandidos in Alsdorf – trage zur Verunsicherung in der Szene bei, sagt der LKA-Experte. Wo auch immer mehrere Rocker auftreten, sei die Polizei schon da. Bei Razzien werden ständig Waffen und Drogen beschlagnahmt. „Um dem Kontrolldruck auszuweichen oder einem Vereinsverbot zuvorzukommen, haben sich einzelne Ortsgruppen sogar schon selbst aufgelöst“, sagt Jungbluth. Er verschweigt aber nicht, dass sie sich anschließend teils unter neuem Namen wiedergefunden haben.

In Köln gründete sich nach dem Verbot der Hells Angels Cologne das Charter Rhine City. Nach Erkenntnissen des LKA sind allerdings andere Akteure beteiligt. Doch ruhig ist es in Köln nicht geworden. Der Chef der Kölner Kriminalpolizei, Norbert Wagner, räumte gegenüber dem „Stadtanzeiger“ ein, dass die verbotenen Hells Angels die Stadt weiterhin als ihr Revier betrachteten. Insider berichten demnach, dass sie zwar nicht mehr an ihrer Kluft und ihrem martialischem Auftreten erkennbar, aber weiterhin in ihren alten Geschäftsfeldern aktiv seien: Prostitution, Waffen- und Drogenhandel, Türsteher-Szene.

Doch die Polizei tritt ihnen wo sie kann auf die Füße. „Wir wollen verhindern, dass sich feste Strukturen etablieren“, sagt Jungbluth, „sie sollen ihren Geschäften nicht in aller Ruhe nachgehen können“. Nimmt man die Unruhe in der Rockerszene als Maßstab, ist das gelungen. Doch die damit einhergehende Gewalt ist nicht zu übersehen. Selbst in Aachen nicht – auch wenn das für die LKA-Experten nur kleinere Scharmützel sind.

Aktuell sitzen nach einem Vorfall in der Aachener Innenstadt drei Hells Angels Turkey wegen gefährlicher Körperverletzung in Untersuchungshaft. Ihnen wird vorgeworfen als Teil einer 20-köpfigen Gruppe Mitte Dezember einen Satudarah-Sicherheitsmann vor einem Club mit Baseballschlägern angegriffen zu haben. Nur wenige Tage später wurde ein Satudarah-Mitglied in einem Kiosk erneut von Hells-Angels-Turkey-Leuten angegriffen. „Er erlitt schwere Schlagverletzungen im Oberkörperbereich“, sagt Schützeberg. Doch die Festgenommenen mussten inzwischen wieder freigelassen werden, weil der Verprügelte seine Aussage zurückgenommen hat.

Natürlich, das gibt auch der LKA-Experte zu, sei das Problem mit den Rockern noch nicht gelöst. Doch er ist sich sicher: „Wir sind auf dem richtigen Weg.“

Leserkommentare

Leserkommentare (12)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert