Kurzzeit-Wohngruppe für behinderte Kinder und Jugendliche

Von: Sabine Rother
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Schaukeln ist toll: Michelle (11) ist gern Gast der Bunten Gruppe im Vinzenz-Heim Aachen. Das gemeinsame Spielen ist für viele behinderte Kinder eine neue Erfahrung. Foto: Harald Krömer
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Kathy (19) ist fasziniert: Mit ihrer Mutter Michaela Pohlmann erforscht das schwer mehrfach behinderte Mädchen das Farbenspiel der aufsteigenden Kugeln einer bunten Lampe. Foto: Harald Krömer
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Horst Thelen ist Fachbereichsleiter im Vinzenz-Heim Aachen. Foto: Harald Krömer
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Sozialpädagogin Annett Stachowski ist neu im Team. Foto: Harald Krömer

Region. Der dicke braune Teddy im Gastzimmer wird in den Schrank verbannt. „Bären mag ich nicht, ich habe Pferde viel lieber“, sagt die elfjährige Michelle, und wenn sie daheim zusammen mit der Mama den Koffer packt, um für ein paar Tage in die Bunte Gruppe des Aachener Vinzenz-Heims zu gehen, ist natürlich ein Plüschpferdchen dabei.

„Zeit für dich – Zeit für uns“ ist das Motto einer neuen Facette im Rahmen der Familien unterstützenden Angebote des Vinzenz-Heims, auf die man sehr stolz ist, denn bisher mussten Familien mit behinderten Kindern auf andere Bundesländer ausweichen, um etwas Vergleichbares wie diese Kurzzeit-Wohngruppe für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene zu finden. „Es ist das Puzzle-Teil, das uns noch fehlte“, sagt Horst Thelen, der den Fachbereich Kinder-Jugend & Internat/Berufskolleg leitet.

Um die Organisation der Bunten Gruppe, in der die Gäste bis zu sechs Wochen wohnen können, wird sich auch Sozialpädagogin Annett Stachowski kümmern. Sie gehört zum zehnköpfigen Team, das im Vinzenz-Heim ausschließlich für dieses Projekt neu eingestellt wurde. „Die Vorbereitung ist enorm wichtig, wir müssen ja möglichst viel über die Kinder und Jugendlichen wissen, damit sie sich bei uns wohlfühlen”, betont Annett Stachowski. Michelle, die bereits häufiger im bisher einzigen Gastzimmer gewohnt und längst Freunde im Haus gefunden hat, weiß genau, was sie will und was nicht. Das macht sie allen ganz schnell klar.

Bei Kathy (19) ist das anders. Die Vorbereitung ihres Gastaufenthalts gestaltet sich umfangreicher, denn sie ist schwer mehrfach behindert. Mutter Michaela Pohlmann (44) möchte auf die Atempausen nicht verzichten. „Ich bin alleinerziehend und arbeite als Physiotherapeutin, ich muss Familie und Beruf miteinander in Einklang bringen und brauche die Chance, immer wieder neu Kraft zu schöpfen, ohne mich um meine Tochter sorgen zu müssen.“ Ein entscheidender Aspekt, denn Eltern brauchen, wie Thelen betont, „Sicherheit und kein schlechtes Gewissen“, sie müssen in den wenigen freien Tagen durchatmen. Thelen: „Und sie üben sich im Loslassen.“

„Für ein schwer behindertes Kind ist die Familie das Wichtigste“, weiß Michaela Pohlmann, die Kathy bisher nur im Kinderhospiz Gelsenkirchen zu einer Kurzzeitpflege anmelden konnte – ein Aufenthalt, der zwar funktionierte, aber eher dem in einem Krankenhaus ähnelte. Hier im Vinzenz-Heim weiß man: Wenn Kathy sehr ruhig ist, fühlt sie sich nicht wohl. Sie mag alles, was klingt, und ist am liebsten „mitten im Trubel“, wie ihre Mutter sagt. „Wenn sie strahlt, kommt das direkt von innen, das berührt die Menschen. Sie kann viel geben!“ Ihr Traum für Kathy, die das Wasser liebt: eine Delfintherapie. Dafür wird kräftig gespart.

Thelen kennt Mütter, die wegen ihrer behinderten Kinder in zehn Jahren fast keine Nacht durchgeschlafen habe. „Hier gibt es einen Nachtdienst, der Rundgänge macht oder spezielle Bedürfnisse erfüllt“, erklärt der Fachbereichsleiter. Wenn etwa ein Jugendlicher einmal in der Nacht geweckt werden sollte, um zur Toilette zu gehen, damit die Windel trocken bleibt – oder um sie zu wechseln. „Wer sich aufopfert, ist bald ausgebrannt.“

Sechs Zimmer stehen ab sofort zur Verfügung. Der Landschaftsverband Rheinland (LVR), der die Erweiterung der Familien unterstützenden Angebote über Leistungen der Pflegekasse und der Eingliederungshilfen finanziert, sieht den Aufbau der neuen Gruppe als eine längst fällige Entlastung der Familien.

„Manchmal wollen Papa und Mama eben mit meinem Bruder in den Urlaub“, bringt es Michelle auf den Punkt. Sie nimmt schon länger am offenen Freizeitangebot „ViTa“ des Vinzenz-Heims teil. Das macht es leichter. Dennoch kostet es auch sie manchmal ein paar Tränen, wenn sich die Eltern von ihr für eine bestimmte Zeit verabschieden. „Eltern und Geschwister brauchen dringend etwas Abstand, die Betreuung eines Familienmitglieds mit Behinderung erfordert große Ausdauer und Nervenkraft“, weiß Thelen.

Die Kurzzeit-Wohngruppe hat für ihn eine große Zahl von Vorteilen. So erleben die behinderten Jugendlichen ihr Umfeld völlig neu, haben die Chance, Erfahrungen zu sammeln, Freunde zu finden, ihre sozialen Kompetenzen weiterzuentwickeln. „In der Bunten Gruppe bieten sich Anregungen und Reize, die die Jugendlichen zu Hause überhaupt nicht haben können. Dort sind sie mit den Eltern häufig allein, manchmal sogar isoliert“, sagt Thelen. Manchmal sind Familien erstaunt, wenn sie hören, dass sich ihr behindertes Kind zum Beispiel auf die Schaukel oder auf die Rutsche getraut hat und anderen sogar hilft, etwa beim Essen.

Vor einem solchen Aufenthalt sorgt ein langer Fragenkatalog dafür, dass man im Vinzenz-Heim möglichst viel über den Gast weiß. „Das hat Sinn, zum Beispiel bei den ärztlichen Verordnungen, aber auch bei alltäglichen Gewohnheiten“, sagt Annett Stachowski. Es kann ja sein, dass es ein Abendritual, eine Geschichte, oder eine Musik gibt, die beim Einschlafen hilft, oder ein Nachtlämpchen, das man mitbringen sollte. Besuchen die Kinder normalerweise eine Schule, tun sie das gleichfalls während ihres Aufenthalts. „Wir können allerdings keine intensivmedizinische Begleitung anbieten, etwa bei dauerhaft beatmeten Jugendlichen“, nennt Thelen eine Einschränkung.

Wie bei allen Bewohnern des Vinzenz-Heims wird der Tagesablauf der „Bunten Gruppe“ rundum organisiert. Und für die Freizeit lassen sich die Pädagogen etwas einfallen. Da gibt es Ausflüge in den Wald, ins Spieleland, ins Kino. „Wir fahren mit dem Bus, gehen zur Kirmes, und wir nehmen dabei ausnahmslos alle mit, auch die Schwerbehinderten“, versichert Thelen. Und was mag Michelle? Sie fährt am liebsten zum Reiterhof. Oder zum Eisessen.

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