Kunstprojekt „50days“: Die ersten Etappen

Von: Bernd Müllender
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Impressionen von Andreas Teichmanns Wanderung durch die Region: der Startpunkt am Dreiländereck mit Teichmann (Niederlande), Bernd Müllender (Belgien) und Etappengast, Teichmanns Freund Bodo. Foto: Teichmann
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Ein Mercedes-Diesel zum Abwracken naturverpackt. Foto: Teichmann
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Wahlwerbung mit sozialdemokratischem Schreikind: Eschweiler eröffnet den Stimmenkampf. Foto: Teichmann
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Der Fotograf und das Baggerbiest im Tagebau Inden. Foto: Teichmann
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Knappe Infos reichen: „Less is more“ an der Lothringerstraße. Foto: Teichmann
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Und deutsche Gründlichkeit: Auch den Abfall immer sauber machen an der Weststraße. Foto: Teichmann
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Immer geradeaus, immer Richtung Osten: Andreas Teichmann auf dem Weg von Aachen nach Zittau. Foto: Bernd Müllender

Aachen. Am Sonntag ging es los, Dreiländereck, Kilometer 0,0. „Dieser Trubel, schrecklich“, findet Andreas Teichmann. Dann plötzlich der Jubelruf. „Ich muss sofort da rein“, sagt er und verschwindet auf deutscher Seite im stillen Eichenwald. Euphorisiert kommt er eine halbe Stunde später zurück.

„Irre“ – erstmals fällt das Wort. Ein Wigwam-Ensemble aus Ästen und Stämmen hatte es ihm angetan. „Das war schon gut. Und wie ich meine Kamera aufgebaut habe, stellt sich eine Frau mit ihrer Tochter dahin, um von ihrem Mann fotografiert zu werden, türkises Kleid, dieser Kontrast zum Holz. Toll. Auf so etwas muss man manchmal warten. Großartig.“ Das Bild landete gleich als erste Aufnahme auf „50days.de“.

Knapp 1000 Kilometer will der Fotograf und Diplom-Designer aus Essen wandern, von Aachen nach Zittau, in 50 Tagen bis zum Wahlsonntag am 24. September. Teichmann will wissen: Wie ist dieses Deutschland, wie tickt das Land? „Durch Laufen nimmst du mehr wahr, ganz langsam, der Blick schweift. Die Bilder liegen auf der Straße.“ Geplant wird nur von Tag zu Tag. „Ich werde sehen, was auf mich zukommt. Im Wortsinn.“ Ansonsten: immer Richtung Osten.

„Wenn das nicht Deutschland ist!“

Wandern, nun ja, ist eigentlich nichts Besonderes, zumal in Deutschland. Dichter, Denker, Philosophen sind seit Jahrhunderten schon durch Wälder und Auen gestreift, den Musenkuss suchend und neue Erkenntnisse ums Dasein. Goethe sagte einst: „Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen.“ Gesellen hatten sich drei Jahre lang ihren Meistertitel auf der Walz zu erwandern. Vor gut 100 Jahren blühte die Wandervogelbewegung auf. „Das Wandern ist des Müllers Lust“ ist das beliebteste Volkslied.

Gut 15 Kilo hat Andreas Teichmann wasserdicht verpackt auf dem Rücken. Davon sind zwölf Kilo Foto-Equipment und das Laptop, um jeden Abend Bilder hochzuladen. Wäsche? Einmal alles zum Wechseln. Nur leichte Funktionskleidung. Waschen jeden Abend, in der Unterkunft. „Das trocknet über Nacht“, sagt der 47-Jährige. „Ich erhoffe mir durch das Laufen eine intensivere, langsamere Wahrnehmung.“ Er tut alles dafür: Wie oft so ein Fotograf stehenbleibt und guckt!

Und was der alles fotografiert. Einen verwachsenen kleinen Baumstamm in einem Maschendrahtzaun. Wegen der Strukturen, sagt Teichmann. Plötzlicher Stopp vor einem Altglascontainer: „Ist das nicht irre?“ Ein Berg von Gläserdeckeln liegt darauf, alle blitzeblank gespült. „Wenn das nicht Deutschland ist!“

Bei Inden ein weites Panorama mit Stoppelfeld und Rübenacker –banal, denkt man. „Die Weite, der symmetrische Feldweg. So viel flache Fläche. Typisch hier.“ Ein Reh tanzt durch die Szene. Bis die Kamera aufgebaut ist, ist es längst über alle Stoppeln. „Schade, hat nicht sein sollen.“ Als kleiner springender Punkt im Panorama.

Kaum sonst wo ist das Wandern so durchorganisiert mit Vereinen, Verbänden wie hierzulande. Sogar ein Bundespräsident gab dem Wandern seinen lustvollen Segen. Manche fanden den Rechtsaußen Karl Carstens verachtenswert – und schnürten selbst die Stiefel. Teichmann ist gerade am Braunkohle-Tagebau Inden. Bis an die Kante sind wir gegangen, illegalerweise. Kein Werkschutz nirgendwo. „Wahnsinn“, sagt er und baut das Stativ auf. „Steelbeast“ schreibt er auf 50days.de, damit meint er den Braunkohlebagger.

Man kommt schnell ins Gespräch, etwa in Düren-Merken im Eiscafé, Thema Tagebau. Umgehend bilden sich zwei unversöhnliche Lager. Die einen wollen „diese Protestierer da aus dem Hambacher Forst am liebsten...“ – nein, man möchte das nicht zitieren.

Eine Frau berichtet beim Spaghettieis von ihrer wissenschaftlichen Arbeit an der Uni Köln über die „geschlechtsspezifischen Sichtweisen“ der Zwangsumsiedlungen. Überraschendes Ergebnis: Frauen finden sich leichter damit ab, Männer kämpfen dagegen, weil Fußballclubs und Schützenvereine verschwinden sollen oder, noch schlimmer, durch Neusiedlungen zusammengelegt werden. „Irre“, sagt Teichmann.

Viele haben das Land schon durchwandert und dann Erfahrungsberichte verfasst, die „Quer durch“ heißen oder „Deutschland ab vom Wege“. Auch Prominente waren lang und weit unterwegs: Roger Willemsen etwa oder Hape Kerkeling. Manche querten das Land mittellos, andere wollten keinen Meter entlang eines Asphaltweges gehen. Derzeit versucht sich jemand an der „Barfußweltrekord Charity Pilgertour“.

Teichmann hat für seinen Job die Welt bereist. Für „Mare“ war er in Grönland bei der 1. Eisgolf-WM, für das „Zeit“-Magazin im Iran, für „Geo“ hat er ein halbes Dutzend der größten Schriftsteller an ihren Schreibtischen fotografiert. Und jetzt in die Forste, durch die Weiten, sich Blasen holen, nass werden, den Asphalt verfluchen. Sein Auslöser war vor 35 Jahren der Bestseller „Deutschland umsonst“ von Michael Holzach. „Das hat mich als Jugendlicher völlig fasziniert, da ist wer quer durch Deutschland gelaufen und hat den Gedanken in mir gepflanzt, das auch mal zu machen.“

2016 las er dann vom Spaziergangsforscher Bertram Weisshaar, der „einen weltlichen Pilgerweg, den Denkweg“ etablieren will. Teichmann sucht jetzt den Guckweg. Projektmotto: „Eine visuelle, entschleunigte Untersuchung Deutschlands vor der Wahl 2017.“ Gespannt sei er, „wie die Wahl langsam wahrnehmbarer wird, wie ich damit konfrontiert werde“.

Martin Schulz‘ Nachbar

In Würselen hatte Teichmann versucht, das Wohnhaus von Martin Schulz zu finden. „Wissen Sie, wo der wohnt?“, fragt er einen Mann. „Na da“, zeigt er wie selbstverständlich auf den Klinkerbau nebenan, „ich komm gerade von seiner Frau“. Mit „dem Martin“ sei er zusammen zur Schule gegangen, seit 2000 wohnen sie hier nebeneinander. Die ständige Polizeipräsenz nervt ihn. „Nachts kommst du nach Hause, zack, gehen manchmal Suchscheinwerfer an. Personenkontrolle.“ Sollte Schulz Kanzler werden, käme sogar noch ein Wachturm dazu, habe er gehört. „Und wenn er nur Außenminister wird wohl auch“.

Teichmann klingelt bei Inge Schulz. Nein, keine Bilder bitte, erwartungsgemäß nicht, aber sie ist sehr interessiert am Projekt 50days.de. Der Kandidat als Internet-Follower, hofft Teichmann. „Witzig.“

Nur eine Stunde später, Montag, 7. August, 17.17 Uhr: Der Wahlkampf beginnt optisch. Erstes Wahlplakat, CDU, Ortsrand Würselen. Der Kandidat heißt Helmut Brandt, das Plakat hängt am Willy-Brandt-Ring.

Um 19.16 Uhr in Eschweiler das erste Schulz-Plakat. Kurz dahinter ein „Sushi-Grill“ – ist das rheinische Japan-Kulinarik? Teichmann macht Stillleben der Weite für seine tagesaktuelle Website, auch für Instagram.

Teichmann arbeitet mit einer Spezialkamera, die Bilder mit 100-Millionen-Pixel-Auflösung machen kann. „Das ist schon irre: Ich gucke wie alle Wanderer auf jedes gesparte Gramm bis hin zum Klassiker abgesägte Zahnbürste, aber um die Acht-Kilo-Kamera komme ich nicht herum.“ Aus den hochauflösenden Bildern soll 2018 eine Ausstellung werden. Anfangs zickt das Teil auch mal. Bestzeit für Aufbau und Foto liegt nach einer Woche bei acht Minuten, einmal waren es andererseits auch 42 Minuten – für ein einziges Foto. Auch Technik sorgt manchmal für Entschleunigung.

Besuch im Hambacher Forst

Mittwoch im Wiesencamp am Hambacher Forst, wo etwa 20 autonome Widerständler gegen die RWE-Bagger leben. Teichmanns Skepsis vorab bestätigt sich im Spontaneindruck: „Das sieht ja aus wie im Township in Kapstadt.“ Nachher: „Ist nicht meine Welt. Aber die sind ja alle super nett.“ Ein Bewohner der Baumhaussiedlung Gallien sagt: „Hier in der Region findet die deutsche Klimapolitik statt, nicht in Berlin.“ Schade, dass der Dokumentator Teichmann nicht inszeniert. Gedankenexperiment: Wenn sich die Leute im Camp für ein Foto in zwei Gruppen hinstellen sollten, hier die Wähler und dort die Nichtwähler am 24. September, wie wäre das wohl verteilt? Im Geisterdorf Manheim, eine Wanderstunde weiter, wohnen kaum mehr 100 von einst 1700 Menschen. Ab Sindorf am Donnerstag nur noch Wasser von oben, in Köln Sintfluten. Drama: Teichmanns iPhone ist komplett ruiniert. Er kann die Fotos aber noch rekonstruieren, gestern Abend knapp vor Andruck dieser Ausgabe.

Wir werden das Wanderprojekt bis zur Wahl begleiten.

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