Kunstprojekt „50days“: Bergfest mit Edgar in Uder bei Kilometer 441

Von: Bernd Müllender
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Begegnung auf einer ungewöhnlichen Wanderschaft durch Deutschland: der Essener Fotograf Andreas Teichmann (rechts) durchquert vor der Bundestagswahl die Bundesrepublik von West nach Ost. Im nordthüringischen Uder an der Leine trifft er Edgar Vardanyan. Foto: Andreas Teichmann

Unterwegs. Edgar Vardanyan, 33, stammt aus Armenien; 1999 ist er mit seinen Eltern geflüchtet wegen Perspektivlosigkeit in einem hochkorrupten Land. Jetzt führen er und seine Landsfrau die Pizzeria „Paradies“ im nordthüringischen Städtchen Uder an der Leine.

„Es läuft ganz gut“, sagt er, lieber aber hätte er als Autofan einen Gebrauchtwagenhandel, das liefe sicher besser. Mit leuchtenden Augen berichtet Edgar von der Schönheit seiner Heimat, von der alten Kultur, der eigenen armenischen Sprache und der neuen touristischen Aufmerksamkeit, seit auch in Deutschland viel über den Genozid der Türken an den Armeniern berichtet wurde. Wie er Erdogan finde? „Hitler II.“, sagt er sofort mit Abscheu im Gesicht. Elf der 13 Millionen Armenier lebten im Ausland, erzählt Edgar. Ja, es sei ein Land fast ohne Einwohner.

Man lernt viele Menschen kennen, wenn man auf Wanderschaft ist quer durchs Land. Vor allem, wenn man so kommunikativ ist wie der Essener Fotograf Andreas Teichmann. Der 47-Jährige, unterwegs zwischen dem Dreiländereck in Aachen und dem im sächsischen Zittau in Deutschlands Ostzipfel, würde wahrscheinlich von einem Hydranten noch wegweisende Antworten bekommen. Heute in Uder wird Bergfest gefeiert, der 25. Tag ist geschafft. Halbzeit nach bislang 441 Kilometern. Der erste Alkohol seit dem Start. Noch zwei Bier bitte, Edgar.

Die Visitenkarte zur Straße hin

Wie ist Deutschland? „Unfassbar groß, wenn man das erläuft“, hatte Teichmann schon nachmittags nach unserem Treffen berichtet. „Und wie bergig das ist; ab Köln, Königsforst ging es pausenlos rauf und runter bis hier in die Thüringer Wälder. Beim Laufen fühlst du alle Topographie. Zugstrecken und Autobahnen sind ja immer in die Landschaft gefräst. Wenn man so langsam unterwegs ist, begreift man die Dimensionen ganz anders.“ Und Deutschland sei viel menschenleerer als gedacht. „Manchmal bin ich stundenlang niemanden begegnet.“ So wie heute auch: Wir stapfen über Forstwege, keine Menschenseele. „Wie ländlich das Land ist. Manchmal hörst du nichts mehr, nur noch Wind und die Vögel.“

50 Tage jeden Tag wieder aufs Neue in eine unbekannte Welt loslaufen, manchmal bis an die physischen Grenzen. „Die Fortbewegungsart Wandern ist allen überall sympathisch, das finden alle toll. Du machst nix kaputt, bist leise, du störst nicht.“ Gleichzeitig hat Teichmann festgestellt: „Niemand in diesem Land läuft, sobald du aus den Städten rauskommst. Nur mit dem Hund Gassi gehen. Oder Eltern mit Kinderwagen. Mal ein Pilzsammler. Sonst Fahrrad vielleicht oder Moped, Traktor und Auto, Auto, Auto.“

Die Vorgartengestaltung quer durchs Land ist Teichmann aufgefallen. Was da investiert werde als Visitenkarte zur Straße hin: überall diese Drahtgeflechte mit Steinen. „Womit die alle gefüllt sind, immer neu.“ Dann der Trend: Steingärten, besser kein Grün mehr, möglichst pflegeleicht, und überall diese LED-Stecker im Boden. Teichmann nennt das zusammen „den allgegenwärtigen Baumarkteffekt“.

„Home Sweet Home“ hat Folgen: „Ich habe mehrfach in Gastwirtschaften gehört, es gebe kein kommunikatives Leben in Kneipen mehr.“ Viele machen zu: wegen Rauchverbots. Du musst wenigstens Sky haben, hätten die Gastwirte in ihren leeren Schankräumen gesagt. „Die Leute kaufen sich lieber einen Kasten Bier und gehen damit in die Gemeindehalle“ – die des Schützenvereins oder der Freiwilligen Feuerwehr.

Die Menschen seien ungeheuer patriotisch, überall. „Aber nicht national, sondern nach Regionen.“ Die Leute interessiere nicht Nordrhein-Westfalen oder Hessen, sondern Bergisches Land, Sauerland, Waldecker Land. „Irre Zugehörigkeitsgefühle gibt es da. Wenn du gesagt hast, ‚hier im Bergischen Lande_SSLq, kam die Antwort: ‚Nein, hier ist längst das Oberbergische. Da hinten ist doch die Grenze.“

Und Politik, Wahlkampf? „Fast null Interesse ringsum. Wir mögen die gebildeten Städter sein, aufgeklärt und wissend, dass wir was anderes erwarten. Das ist unsere Arroganz.“ Es gehe den meisten um den eigenen Ort, die Region. „Trump und Mexiko zum Beispiel, das wird am Rande wahrgenommen, auch die Wahl. Hier ist wichtig: wird der Bach wirklich gesperrt, tritt der dann über die Ufer und meine Heuernte ist hin?“ Und Wahlplakate? „Am meisten durchgehend überall diese FDP.“

Es sei politisch viel weniger los, „als die komprimierten Bilder in den Medien zeigen“. Wahlkampfveranstaltungen – nirgends. Er klappere aber auch keine Events ab, sagt Teichmann, sondern erlebe zufällig. „Und es geht ja immer nur vorwärts ohne große Umwege. Schon gar keinen Weg zurück, egal wofür.“ In Uder verpassen wir gerade den Seifenkisten-Cup 2017 um einen Tag. „Die Pegida-Demo in Dresden am Montag vor der Wahl“, rechnet Teichmann hoch, „das könnte genau hinkommen. Da bin ich sehr gespannt.“

Manchmal, erzählt Andreas Teichmann, gerate man unterwegs „in einen Flow von Nachdenken über dein Leben, über die Zukunft der Kinder. Und du kommst wie im Tunnel oben auf dem Berg an und fragst dich: Wie bin ich jetzt hierhergekommen? Aber solche Momente sind seltener als gedacht.“ Hier das Navigieren und dort die Aufmerksamkeit für Motive, für die kleinen, verrückten Momente am Rande. „Das ist immer Action unterwegs.“

Halbzeit ohne Halbzeitpause

Von einem Erlebnis vor zwei Tagen östlich von Kassel erzählt Teichmann noch. Ausgedürstet war er in der Spätsommerhitze und hungrig. Ein Flecken von Dorf taucht auf. Heureka! Gibt's hier ein Geschäft? Ach, habe eine alte Frau gesagt: „Schon lange nicht mehr, nichts.“ Aber genau da: Ist das Quellwasser? Ja, das können sie trinken, habe die Alte gesagt. „Es war so köstlich. Daneben eine Bank, ein leichter Wind und du denkst erschöpft: Das Leben meint es doch gut mit dir.“

Einen Moment später wurde es noch schöner, als habe eine Waldfee Erbarmen: „Plötzlich ein Bimmeln. Ich dachte an den Eiermann früher bei meiner Oma. Und tatsächlich, zehn Meter von meiner Bank hält so ein mobiler Wagen, wie hingezaubert.“ Der kommt nur alle zwei Tage für ein paar Minuten, habe der Besitzer erklärt. „Und der hatte wunderbaren Kuchen, Donauwellen, eiskalt. „Das war dann der Moment perfekten Glücks.“

Jeden Morgen die gleiche Routine: Bilder bearbeiten und hochladen, auf Instagram posten, dann in der komoot-Wanderapp die nächste Strecke und das Höhenprofil checken, einen Zielort in gut 20 Kilometern aussuchen. Pensionen anrufen, auch airb&b, auch über monteurzimmer.de.

Halbzeit in Uder, aber keine Halbzeitpause. Für die nächste Übernachtung kommt Leinefelde infrage. Ganz schlecht, sagt der erste Hotelier am Telefon, dort sei doch das neue Labor. „Was glauben Sie, was hier los ist!“ Teichmann lacht: „Aha, hab ich nur gesagt.“ Überall sonst nur Anrufbeantworter. „Pensionen ab 10 Uhr anzurufen, ist immer schlecht, dann sind die Leute oft einkaufen.“ Er hinterlässt mehrfach seine Kontaktdaten. Es ist schon nach 11 Uhr.

Erstmal lieber Kilometer machen? Später droht Regen. „Aber unterwegs hat man manchmal kein Netz.“ In die Zweifel hinein kommt die SMS einer kleinen Pension: „35 Euro inklusive Frühstück, okay?“ Gebucht. „Macht einen guten Eindruck.“ Auf geht’s. Teichmann hat schon viele Übernachtungsarten kennengelernt: Der halbe Puff in Baunatal, wie er sich ausdrückt, die zauberhafte alte Dame mit ihrer Pension, schöne und schmuddelige Zimmer, das düstere Haus auf einem Hügel, „bei dem ich sofort an Hitchcocks ‚Psychoe_SSLq dachte“.

Wir sind einig, dass sich mit dem Überschreiten der alten Grenze nach Thüringen (gleich beim Dreibundesländereck mit Hessen und Niedersachsen) sofort etwas geändert hatte: „Die Leute sind auffallend freundlich, hilfsbereit und zugewandt.“ Ja, und alle grüßen einen ständig, selbst megacoole Teenager. „Als ich heute morgen in der Ferienstätte Eichsfeld wegen einer Unterkunft telefonisch fragte, meinte die Dame, um 20 Uhr sei die Rezeption lange geschlossen. Dann sagte sie: ‚Ach, wissen Sie was, Sie haben so eine sympathische Stimme, ich lass einfach die Schlüssel an der Nr. 10 stecken.' Die hatte von mir nichts als die Handynummer.“

Edgar, der patriotische Armenier, hat auch gefragt, was Teichmann nach Uder verschlagen habe. „Ich wandere durch das Land“, antwortete er. „Wie, ganz allein?“ „Ja.“ „Haben Sie da keine Angst?“ „Nein, wovor?“ „Na, vor – Flüchtlingen“, sagte Edgar. „Oder vor wilden Tieren.“ Kurze Pause. „Welche Tiere? Welche Flüchtlinge?“, fragte Teichmann. „Naja“, sagte Edgar, vielleicht sei das auch Quatsch. Man lerne viel über Deutschland und seine Einwohner, sagt Teichmann. „Ist doch verrückt: der ehemalige Asylbewerber hat spontan Angst vor Asylbewerbern.“

Leckere Brötchen, freche Plakate

Bei einem Bäcker entdecken wir in der Auslage noch „DDR-Brötchen“. Staunen. Ein Passant erklärt ungefragt, die seien keine Fabrikware, sondern noch Handarbeit. „Probiernsemal: So was kriegen Sie bei Ihnen nicht.“ Exklusiv in diesem Stück Deutschland waren in Thüringen auch die unzähligen Wahlplakate von NPD und AfD an den Laternenpfählen, kaum, dass man die Landesgrenze überwandert hatte. Eines zeigt das Antlitz des armen Martin Luther. „Ich würde NPD wählen“, steht da frech, mit dem Hinweis, „ich könnte nicht anders.“ Aber die Brötchen waren wirklich lecker.

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