Kunstgewebe, das Löcher im Körper stopft

Von: Berthold Strauch
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Der Leiter des Deutschen Wollf
Der Leiter des Deutschen Wollforschungsinstituts: Martin Möller in seinem Labor in Aachen. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Das Ziel ist ehrgeizig: Die Erweiterung des Deutschen Woll- forschungsinstituts (DWI) in Aachen soll nicht nur der wissenschaftlichen Arbeit des Teams um Professor Martin Möller und Professor Alexander Böker neue Entfaltungsmöglichkeiten eröffnen.

Gehofft wird im Schatten des Uniklinikums auch auf fachlich höchste Anerkennung der bisherigen Resultate. Denn gehofft wird an der Pauwelsstraße auch auf einen wissenschaftlichen Ritterschlag: Das DWI arbeitet neben seinen Forschungsprojekten zielstrebig an der Aufnahme in die renommierte Leibniz-Gemeinschaft.

Das würde neuen Fördersegen bedeuten, sagte Sprecher Josef Zens. Denn neben dem Land NRW würde der Bund sein gewichtiges finanzielles Scherflein beisteuern. Doch bislang, fügte Zens an, befinde sich das Institut noch nicht in dem formalisierten Aufnahmeverfahren, „sondern in einem Stadium davor”. Gespräche zwischen dem DWI und der Leibniz-Gemeinschaft seien aufgenommen.

Das Institut betreibt anwendungsorientierte Grundlagenforschung. Ein Kernelement der Suche nach neuen Lösungen ist das Design „Interaktiver Materialien”. Sie sollen fähig sein zur „Selbstorganisation, programmierten Strukturbildung oder Steuerung biologischer Reaktionen von Zellen und lebendem Gewebe”.

Einer der DWI-Wissenschaftler, der sich auf dem Gebiet Meriten erworben hat, ist Jürgen Groll. Bei ihm geht es um ein Projekt, das kleinen Kindern helfen soll, die ohne Zwerchfell oder mit einem Zwerchfellloch zur Welt gekommen sind. Clou der Aachener Entwicklung ist künstliches Gewebe, das menschlichem Gewebe nachgeahmt wird und keine Abstoßungsreaktionen bei den Patienten provoziert. Dann kann es auf lange Sicht zu einem stabilen, sicher und dauerhaft funktionierenden „Ersatzteil” im Körper werden. Solche Defekte der fehlenden Trennung zwischen Brust- und Bauchhöhle, die mit dem Know-how des DWI behoben werden sollen, sind selten. Etwa drei Fälle pro Jahr mit Problemen an dem wichtigsten Atemmuskel tauchen am Uniklinikum auf.

Das Wachsen von Zellen steuern

Denkbar sind solche flexiblen „Ersatzteile” aber auch bei Leistenbrüchen oder Beckenboden-Insuffizienzen. Traum der Forscher ist es, statt mit Kunststoffen mit Biomaterialien zu arbeiten, um zu steuern, wo welche Körperzellen anwachsen. Dabei sind breite medizinische Anwendungspaletten denkbar. Zudem könnten Wirkstoffe eingebaut werden, die positiv die Bildung von Narbengewebe beeinflussen und den Heilungsprozess verbessern. Und am Ende könnte sich die künstliche Stütze gar in Wohlgefallen auflösen.

An Grolls Seite arbeitet Gabriele Böhm von der Chirurgischen Klinik des Aachener Uniklinikums daran, die gewonnenen Erkenntnisse in Tierexperimenten zu überprüfen. Das Medizintechnik-Unternehmen Ethicon aus Norderstedt ist mit von der Partie, um die gewonnenen Erkenntnisse in praxisfähige Produkte umsetzen zu können. Bis dieses Stadium erreicht ist, wird aber wohl noch viel Forscherschweiß fließen müssen, sagt Groll. Er wird die Entwicklung künftig von Würzburg aus begleiten. Dort ist der 33-Jährige auf eine Professorenstelle berufen worden.
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