Region - Kunstfälscher Beltracchi: „Ich war ein Krimineller. Nie wieder!“

WM Pokal Weltmeisterschaft Russland DFB Nationalmannschaft

Kunstfälscher Beltracchi: „Ich war ein Krimineller. Nie wieder!“

Von: Eckhard Hoog
Letzte Aktualisierung:
9688870.jpg
Der Angeklagte Wolfgang Beltracchi 2011 in einem Gerichtssaal im Landgericht Köln. Zu sechs Jahren Gefängnis wurde er verurteilt, 33 Monate leistete er davon als Freigänger ab, bis er vor zwei Monaten freigelassen wurde. Foto: dpa
9688628.jpg
Dieses Bild nach Heinrich Campendonk von Wolfgang Beltracchi war in einer Ausstellung in Halle ausgestellt: in einer Schau über Fäschungen. Foto: dpa
9688466.jpg
1992 haben sie sich kennen- und liebengelernt: das Ehepaar Helene und Wolfgang Beltracchi, hier im Atelier in Bergisch Gladbach. Foto: Thomas Brill

Region. Wolfgang Beltracchi streckt die Beine aus und räkelt sich auf dem gelben Sofa. „Ich bin müde“, sagt er und fährt mit der Hand durch sein schulterlanges, graues Haar. „Jeden Tag unterwegs zu sein – das schlaucht.“ Ehefrau Helene sitzt derweil über Papieren an ihrem Schreibtisch. „Wir haben noch schwer zu tun“, meint sie und erklärt, was gerade ansteht.

Ein Text muss noch aus dem Französischen übersetzt werden. Den hat ein Freund verfasst zu einem Ausstellungsobjekt. „Das ist gar nicht so einfach. Der schreibt in einer Sprache des 17. und 18. Jahrhunderts.“ Poesie trifft auf Malerei. Am 10. Mai ist die Eröffnung in einer Galerie in Bergsdorf bei Berlin, bis dahin muss der Katalog spätestens fertig sein.

Und dann kommt noch Schwabing, eben war Bern an der Reihe. „Das reicht dann aber auch für dieses Jahr an Ausstellerei“, stöhnt ihr Mann. Und lacht gleich im nächsten Moment: „Ich habe jetzt mehr Galeristen als Bilder! Und bin ausgebucht bis 2018.“

Termin reiht sich an Termin. Die Weltpresse reißt sich um den größten Kunstfälscher des Jahrhunderts. Wahrscheinlich sogar der letzten fünf Jahrhunderte. Mindestens. Viel Geduld und eine gute Portion Beharrlichkeit sind nötig, um die Beltracchis zu treffen.

Eine vermeintlich bevorstehende Lesung in Herzogenrath öffnete uns für eine Ankündigungsstory die Tür – und beinahe wäre wieder eine Absage gekommen: Der Lesungstermin ist nämlich erst für 2016 geplant. Aber dann hat es doch noch geklappt.

Und jeden Tag erreichen die beiden neue Anfragen: zu Interviews, Lesungen, Filmaufnahmen – die Fernsehteams stehen Schlange. Drei Trupps eines amerikanischen Senders waren neulich da – neun Mann. „Mit allem Schnickschnack.“ Und sie haben hier tagelang gedreht, in seinem Atelier in Bergisch Gladbach. „Für 14 Minuten Sendezeit.“ Der 64-Jährige schüttelt die Müdigkeit allmählich aus den ermatteten Gliedern – es gibt ja so unendlich viel zu erzählen. „50 Millionen Zuschauer haben das in den USA gesehen.“

33 Monate Freigänger

Das Atelier wirkt aufgeräumt – vergleichsweise. Quadratmetergroße Leinwände stehen an den Wänden, ein Sideboard voller Bücher teilt den riesigen Raum. Das Bild auf einer Staffelei erinnert ziemlich stark an die Südseedamen von Gauguin. „Das ist für Bern“, erklärt der Meister. Ein Originalgemälde, keine Fälschung. Damit ist es endgültig vorbei.

Seit zwei Monaten ist er frei, 33 Monate lang war er Freigänger. Vor dem Kölner Landgericht war es 2011 um 14 gefälschte Bilder gegangen. „Die haben mich bis zum letzten Tag schmoren lassen“, sagt er. „Das hat es in ganz Westeuropa noch nicht gegeben – einen Maler, einen Kunstfälscher so lange festzuhalten.“

Beltracchi fühlt sich ungerecht behandelt. „Das war schon heftig – und das, obwohl ich mich sehr gut geführt und auch noch viel für die Wiedergutmachung getan habe.“ Trotzdem: Zwei Drittel der sechsjährigen Strafe musste er in der Justizvollzugsanstalt Euskirchen absitzen. Bis zum letzten Tag. Zumindest nächtens.

„Das ist doch die Höhe, dass ein einzelner Richter darüber entscheidet!“ Beltracchi kann es immer noch nicht fassen, was ihm dieser Richter – „der war gerade mal 32 Jahre alt“ – auf seinen Antrag auf vorzeitige Entlassung hin entgegnete: „Ehe ich Sie hier rauslasse, müssen Sie dreimal einen Schlaganfall bekommen haben.“

Er hat es überstanden – mit übermäßig viel Arbeit. „Wir haben gerödelt wie die Blöden.“ Tagsüber hier im Atelier: gemalt und geschrieben, geschrieben und gemalt. Zwei Bücher sind entstanden: das „Selbstporträt“ mit seiner Lebensgeschichte und der „Einschluss mit Engeln“, ein Band mit Briefen aus ihrer 14-monatigen U-Haft. Da saßen beide in Köln-Ossendorf ein.

Per Luftlinie gerade mal 50 Meter voneinander getrennt. So nah und doch so fern. Das war hart. Und das wollen beide nicht noch einmal erleben. Kunst fälschen – die Zeit ist vorbei. „Das war schon gruselig im Gefängnis.“ Mit Mördern und Kinderschändern gleichgesetzt zu werden – er verstehe es bis heute nicht, meint Beltracchi.

25 Millionen geboten

25 Millionen Euro hat ihm danach ein Kunstfonds geboten – eine legale Firma, die Geld ihrer Kunden in Kunst anlegt und mit der Erwartung spielt, dass die Preise steigen. 25 Millionen für drei, vier Bilder im Stil alter Meister oder der klassischen Moderne, verbunden mit dem Versprechen: „Ihr Name taucht nirgendwo auf.“ Nach fünf Jahren, der regulären Geldanlagezeit, wäre die Fälschung womöglich herausgekommen – und als Verbrechen verjährt gewesen. Kein Risiko. Beltracchi hat trotzdem abgelehnt. „Nie wieder!“

Aber in der „Handschrift“ berühmter Maler der Kunstgeschichte Bilder zu fabrizieren – dieses ureigene geniale Talent, zu malen wie Rembrandt, Dalí, Matisse und wie sie alles heißen, das setzt Wolfgang Beltracchi weiter ein. Als Auftragsarbeit. Für das Schweizer Fernsehen, und ausgestrahlt wurden die ersten fünf Folgen auch auf 3sat. In Kürze folgen die Drehs für eine neue Staffel.

In der ersten malte er seine Tochter Franziska, die Fürstin Gloria von Thurn und Taxis, Harald Schmidt, Daniel Kehlmann und Christoph Waltz – im Stil von Botticelli, Lucas Cranach d. Ä., Otto Dix, Giorgio De Chirico und Max Beckmann. Jeweils munter dabei parlierend mit seinem „Modell“.

„Das fing an mit einem regelrechten Casting“, amüsiert sich Beltracchi. „Die wollten vorher wissen, ob ich das überhaupt kann.“ In fünf Stunden den Produzenten so malen, wie es Rembrandt getan hätte, das war die Testaufgabe. Und dann hat er es ihnen gezeigt. „Ich hab’ ihn gleich vier Mal gemalt in der Zeit: wie Rembrandt, van Gogh, Matisse und Derain. ‚Und? Sind Sie einigermaßen zufrieden?‘, habe ich ihn dann gefragt. ‚Ich bin erschüttert‘, hat er gesagt.“

100 Maler hat Beltracchi drauf. Aber im Prinzip könnte er jeden nachmachen, sagt er – Expressionisten, Impressionisten, alte Meister, völlig egal. Und mancher Zeitgenosse weiß das wohl zu schätzen. Christoph Waltz zum Beispiel. Den traf er zufällig in Berlin.

„Ich wünsche mir ein Bild von Ihnen“, hat sich der Oscar-Preisträger sogleich als Beltracchi-Fan geoutet – und überhaupt keine Berührungsängste gezeigt gegenüber dem Meisterfälscher, im Gegenteil. Nicht im Entferntesten wie die deutschen Museumsleute, die meiden Beltracchi wie der Teufel das Weihwasser.

„Die müssen das wohl“, meint er und hat auch ein gewisses Maß an Verständnis für deren Verhalten. Obgleich: „Das war eigentlich gar kein deutscher Fall. In Deutschland habe ich nur fünf Bilder verkauft. Fünf von 300.“ Fast alles ging nach New York, Japan, vor allem nach Paris. „Und immer nur an die teuersten Galerien und an die größten Auktionshäuser der Welt.“ Dennoch: Die deutsche Kunstwelt ist auf Beltracchi nicht gut zu sprechen.

Der Fan Christoph Waltz: Stundenlang saß er still, um im Stile Beckmanns verewigt zu werden, gefilmt vom Schweizer Fernsehen. Das Gemälde war am Ende das Honorar für die Sitzübung. „Wer kann sonst schon einen Christoph Waltz für zwei Tage bezahlen?“ Der hatte sich extra in London von Dreharbeiten mit Quentin Tarantino losgeeist, um sich von Wolfgang Beltracchi in Berlin porträtieren zu lassen.

Während den Lesungsveranstaltungen geht es mitunter hoch her. Nicht jeder Besucher ist ein Fan, im Gegenteil. „Sie sind ein Krimineller!“ Das hat Beltracchi oft genug zu hören bekommen. „Sie haben Recht: Ich war ein Krimineller“, pflegt er stets zu antworten.

Gewissensbisse hat er gegenüber Experten, die nach bestem Wissen und Gewissen handelten, sagt er. Das Gewissen bremst den Jahrhundertfälscher aber eigentlich nicht. Nur die Härte der Haft. Es traf ja keine armen Rentner. Und – wer weiß: Womöglich mag mancher Sammler gar nicht wissen, dass er auf einer Fälschung sitzt – damit lässt sich doch noch eine Menge Geld machen...

Wie funktioniert der internationale Kunstmarkt? Wolfgang Beltracchi plaudert bei der Frage gerne aus dem Nähkästchen, er hat am eigenen Leib erfahren, wie der Hase läuft. „Das Schlimmste, das ist die Gier und die Eitelkeit“, sagt er. Und: „Der gesamte weltweite Markt wird nur von einer Handvoll Menschen gema-nagt.“

Die „Katze in Berglandschaft“ nach Heinrich Campendonk, für gerade mal 25.000 Dollar in New York verkauft, ging kurze Zeit später schon für 100.000 Euro weg und wurde immer teurer: Auf der Art Basel 2009 kostete das Bild schon 2,2 Millionen Euro. Ein anderes Gemälde nach Campendonk, „Rotes Bild mit Pferden“, wurde für 2,8 Millionen Euro in Köln versteigert.

Für Beltracchi steckt ein ausgeklügeltes System dahinter: Auktionen werden getürkt. „Die Bieter bleiben ja meist anonym.“ Da wird schon mal geboten – ohne dass es einen Käufer gibt. Plötzlich stehen hohe Preise im Raum, die irgendwann womöglich tatsächlich jemand bezahlt. „Irgendein Käufer greift dann zu.“ Ein Ahnungsloser, der auf das böse Spiel hereingefallen ist. Und der Preis, durch nichts Reales begründet, der bleibt.

Beltracchi muss lachen, wenn er feststellt, dass seine Fälschungen von Campendonk und Ernst die Preise für die Künstler in Höhen getrieben haben, wie es sie vorher nicht gegeben hat. „Und die Preise bleiben! Tatsächlich! Maler wie Max Ernst und Heinrich Campendonk sind unglaublich teuer geworden. Durch meine Bilder!“

Übers Ohr hat er sie alle gehauen – die Experten, die Profis. Der Höhepunkt: Um ein selbst gemaltes Stillleben als Original ausweisen zu können, produzierte er selber ein Foto von Alfred Flechtheims Düsseldorfer Galerie aus den zwanziger Jahren, auf dem sein Bild zu sehen ist.

Beltracchi baute den Ausstellungsraum originalgetreu nach, hängte sein Gemälde hinein, nahm das Ganze mit einer alten Kamera auf und belichtete originales Fotopapier. Selbst die Fußleisten der Galerie baute er nach. Beltracchi, lachend: „Alles umsonst, die waren auf dem Foto gar nicht mit drauf.“ Kein Mensch hat die Fotofälschung entdeckt. War das nicht schon ein guter Schuss Übermut? Beltracchi: „Na klar! Aber Spaß hat es gemacht.“

Bei den Lesungen geht es immer wieder darum: „Die Leute wollen wissen, wie der Kunstmarkt funktioniert“, sagt Helene Beltracchi. „Wir lesen ja nicht einfach aus unseren Büchern vor. Da wird intensiv diskutiert.“ Und sie bekommen neben Kritik durchaus auch große Zustimmung zu hören. „Neulich hat einer total begeistert eine Lobrede gehalten.“ In Chemnitz zum Beispiel lief es so: „Da freute sich das Publikum möglicherweise richtig, dass wir es denen da oben mal gegeben haben. Die sahen uns wohl mehr als Eulenspiegel.“

Leserkommentare

Leserkommentare (1)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert