Kunst zum Sehen, Hören und Nachmalen

Von: Thorsten Pracht
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Alles, nur nicht statisch: Rita Müllejans-Dickmann, Leiterin des Heinsberger Begas Hauses. Foto: Dettmar Fischer
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Die völlig neu konzipierte Ausstellung überzeugt auch durch ihr individuelles Farbkonzept. Foto: Dettmar Fischer

Heinsberg. Malen nach Zahlen, nur in der modernen Variante. Also nicht mit Papier und Bleistift, sondern per Touchscreen, sozusagen auf einer interaktiven Staffelei. Linien nachzeichnen, bis das Gesicht einer Frau erkennbar wird, die Haare, die Augen, die Schultern.

 Wer sich von dieser Aufgabenstellung unterfordert sieht, der ist herzlich ins Heinsberger Begas Haus eingeladen. Probieren Sie es aus, es ist nicht so leicht, wie man denkt!

Virtuell das eigene Talent als Maler auszuprobieren, ist nur eine der multimedialen Möglichkeiten im runderneuerten „Museum für Kunst- und Regionalgeschichte Heinsberg“ , wie das Begas Haus im Subtitel heißt. „Wir wollten so viele Vertiefungsebenen schaffen, wie es eben geht“, erklärt Museumsdirektorin Rita Müllejans-Dickmann.

Ob dezente akustische Untermalung einzelner Themenräume, Medienstationen zum Durchklicken oder audio-visuelle Erklärungen: „Wir sind auf dem aktuellen Stand dessen, was technisch ausgereift ist“, sagt Müllejans-Dickmann. Am 14. März wurde das Museum in seiner jetzigen Form wiedereröffnet. Der Weg dorthin war lang und voller Wendungen. „Wir müssen immer noch schlucken, wenn wir daran zurückdenken, wie groß dieses Projekt eigentlich war, dass wir mit wenigen Leuten geschultert haben“, sagt die Museumschefin.

Dieses „Projekt“ war die völlige Neukonzeption des ehemaligen Heinsberger Kreismuseums – inhaltlich, baulich, strukturell. Seit 1927 war der Kreis Heinsberg Träger des Museums, untergebracht war es im Torbogenhaus in der Heinsberger Altstadt, das sich wiederum im städtischen Besitz befand. Als die Stadt 2007 auch das benachbarte Gebäude erwarb, taten sich plötzlich neue Perspektiven auf. Denn beide Immobilien mussten dringend saniert werden.

Die Verantwortlichen von Stadt und Kreis machten Nägel mit Köpfen. Ein neuer Trägerverein wurde gegründet. Stadt, Kreis und Kreissparkasse Heinsberg teilen sich die Kosten. Fachfirmen wurden mit der Sanierung der historischen Bausubstanz beauftragt, Fördermittel beantragt. „Das war der Moment, wo ein Konzept für das neue Museum benötigt wurde“, erinnert sich Müllejans-Dickmann.

Kurz vor Weihnachten sitzt sie mit ihren Kollegen, Kurator Wolfgang Cortjaens und Assistentin Barbara Jacobs, im kleinen Museumsbüro. „Es kehrt jetzt eine gewisse Normalität ein, so etwas wie ein Museumsalltag. Das kannten wir bis zur Eröffnung und auch aus der Zeit unmittelbar danach überhaupt nicht“, sagt Cortjaens, der im Jahr 2011 nach Heinsberg kam. „Das Museum ist jetzt viel besonderer, als es jemals war. Meines Wissens nach ist die Sammlung einer ganzen Künstler-Dynastie einzigartig. Das gibt es sonst in Deutschland nicht, nicht in dem Umfang, nicht in der Qualität“, sagt Cortjaens, der wie seine Chefin an der RWTH Aachen studiert hat.

Tatsächlich stellt die Fokussierung auf die Werke der Familie Begas den Ausgangspunkt für das neue Museum dar. Ein Wandel, der nicht jedem im Kreis Heinsberg schmeckte. Schließlich wurde die Regionalgeschichte damit zwar nicht verdrängt, steht jedoch nicht mehr im Vordergrund. „Der Rundgang geht von der Regionalgeschichte zur Familie Begas und zurück. Es macht total Sinn, diese Sammlung hier in Heinsberg in diesem historischen Gebäude so zu präsentieren“, sagt der Kurator und verweist darauf, dass die kritschen Stimmen nach der Wiedereröffnung deutlich leiser geworden seien.

Der Besucher begibt sich unweigerlich auf die Spuren einer Familie, beginnend mit der Geburt von Carl Joseph Begas 1794 in Heinsberg. Acht Jahre lebt die Familie in der Stadt. Begas steigt zu einem der bedeutendsten Porträtmaler des 19. Jahrhunderts auf und gibt sein künstlerisches Talent an vier seiner Söhne weiter. Reinhold und Carl der Jüngere werden Bildhauer, Oscar und Adalbert Begas entscheiden sich wie der Vater für die Malerei.

Die Familie ist für das preußische Königshaus tätig und hinterlässt auch in Berlin ihre Spuren. „Wir bewegen uns in einem Zeitraum von 150 Jahren Kunstgeschichte. Von der Aufklärung bis in die 1930er-Jahre mit der letzten Vertreterin der Familie, Astrid Begas“, umreißt Cortjaens das Spannungsfeld, in das sich auch der Museumsbesucher begibt.

Der Themenrundgang war die zentrale Herausforderung bei der Neukonzeption. Die Position jedes einzelnen Exponats, jedes Bodentanks, jeder Lampe und die exakte Gestaltung der zehn Räume musste festgelegt werden, bevor die Sanierungsarbeiten ihren Lauf nahmen. „Nicht nur die Sammlung ist etwas Besonderes, sondern auch die Präsentation. Viele Gruppen melden sich, weil sie auf die Ausstellungsarchitektur aufmerksam geworden sind“, berichtet Barbara Jacobs.

Jeder Raum hat eine eigene Wandfarbe, die für eine spezielle Atmosphäre sorgt. Als „Grenzgang zwischen Autonomie der Exponate und einer peppigen Präsentation“ bezeichnet Cortjaens diesen Ansatz, von dem große Zuwendungsgeber wie der Landschaftsverband Rheinland, die NRW-Stiftung, die Ernst-von-Siemens-Stiftung oder die Kulturstiftung der Länder schnell überzeugt waren.

Suche nach Werken geht weiter

Jetzt steht es also, das schmucke neue Museum, die Rückmeldungen seien „zu 99 Prozent“ positiv, doch die Arbeit wird nicht weniger. „Die Forschung hört nie auf. Wir bekommen den Nachlass der Familie Begas kartonweise ins Haus geliefert“, sagt Cortjaens. Bevor Leihgaben das Haus wieder verlassen, sollen Lücken in der Sammlung frühzeitig geschlossen werden. Dafür geht die Suche nach Begas-Werken, die immer noch regelmäßig bei Auktionen auftauchen, trotz schmalen Budgets weiter.

Mit höchster Priorität aber will das Heinsberger Team die Vermarktung des Begas Hauses verbessern. „Schulen, Café, Tourismus – das sind unsere drei Baustellen“, bringt die Museumsleiterin es auf den Punkt. Man sei sehr interessiert an Kooperationen mit Schulen, auch wenn eine Stelle für Museumspädagogik bislang fehle.

Aktionen mit dem neuen Café im Museum und kombinierte Führungen durch das Museum und die benachbarte Pfarrkirche St. Gangolf sollen zusätzliche Besucher nach Heinsberg locken. „Uns wird langsam bewusst, welch großartige Chance wir erhalten haben. Wer kann schon ein Museum von der Pike auf im Team nach seinen Vorstellungen gestalten?“, fragt Rita Müllejans-Dickmann. Das Ergebnis dieser einmaligen Gelegenheit kann in Heinsberg begutachtet werden.

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