Region - Kulturkampf im Karneval: Brauchtum oder Ballermann?

Kulturkampf im Karneval: Brauchtum oder Ballermann?

Von: Sonja Essers
Letzte Aktualisierung:
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„Die Leute müssen während des Programms auch mal runterfahren und sich erholen“: Torben Klein von den Räubern. Foto: Armin Zedler

Region. Es ist ein Phänomen, das sich immer mehr in den Karneval eingeschlichen hat: Sänger wie Olaf Henning, Tim Toupet und auch Peter Wackel treten längst nicht nur am Ballermann auf, sondern ziehen auch durch die Zelte und Säle der Region. Nicht jedem Gast und Veranstalter gefällt diese Entwicklung.

Als zu laut, zu schnell, zu unaufmerksam beschreibt sie so mancher Zeltbesucher. Und auch viele Musiker vertreten diese Meinung.

„In Köln gibt es keine Ballermannisierung. Dort gibt es genügend Bands, die in kölscher Mundart unterwegs sind. Im Umland ist das leider anders“, sagt Torben Klein. Der Frontmann der Formation De Räuber, die durch Lieder wie „Et Trömmelche“ oder „Dat es Heimat“ zu den Großen im Kölner Karneval gehören, weiß, woran das liegt. „Viele große Bands kommen in der Hauptsession kaum noch ins Umland raus. In der gleichen Zeit könnten sie nämlich locker zwei Auftritte in Köln spielen“, sagt er.

Außerdem müsse man rechtzeitig genug mit den Buchungen beginnen. „Ab Sommer laufen schon die Buchungen für die Sitzungen im Jahr 2019“, sagt Klein. Hinzu kommt: Regionale Bands seien bei den Vereinen oft Mangelware, weil sie keine Plattform bekommen. Da sei es kein Wunder, dass man zu Namen wie Peter Wackel oder Olaf Henning greife. Sie haben zwar wenig mit Karnevalsmusik im klassischen Sinn zu tun, machen aber trotzdem Stimmung.

Aber wo fängt Ballermann-Musik an, und wo hört Stimmungsmusik auf? Klein ist beispielsweise nicht davon angetan, dass man als Musiker, der in Mundart singt, automatisch als „Karnevalsband“ abgestempelt werde. „Unsere Texte sind auch kritisch, und wir spielen unsere Lieder nicht nur an Karneval, sondern das ganze Jahr über“, sagt der gebürtige Würselener, „aber man wird halt von den meisten Leuten im Karneval gesehen und deswegen auf diese Art der Musik reduziert.“

Dass der Trend zur Partymusik gehe, hat auch Dirk Trampen beobachtet. Er ist Vorsitzender und Kommandant der Prinzengarde Aachen und weiß: „Mittlerweile ist es wichtig, dass man Tradition und Moderne miteinander verknüpft, weil das Publikum auch immer mehr Wert auf den Spaßfaktor legt. Und da gehört Partymusik dazu.“ Man mache jedoch den Fehler, dass man Partymusik oft mit Ballermannmusik gleichsetze.

„Musiker wie Peter Wackel oder Michael Wendler treten nicht nur auf Mallorca auf, sondern auch auf Schlagerfesten“, sagt Trampen. Dem Publikum in Aachen sei es wichtig, dass auf Veranstaltungen namhafte Künstler auftreten würden. Gar keine einfache Aufgabe, sagt er. „Manchmal ist die Auswahl dann sehr begrenzt“, sagt Trampen. Ein Negativtrend sei dies für ihn jedoch nicht. „Es ist nur wichtig, dass man für jeden Geschmack etwas anbietet“, sagt er.

Doch nicht um jeden Preis. Torben Klein und seine Bandkollegen sind der Meinung, dass es in den Sälen und Zelten der Region nicht nur immer schnell und laut zugehen sollte. Aus diesem Grund haben sie sich mit dem Titel „Eijentlich“ in diesem Jahr für traditionelle Klänge entschieden. „Bisher wird er sehr gut angenommen, und das ist schön zu sehen“, zieht Klein Bilanz. Er ist der Meinung: „Die Leute müssen während des Programms auch mal runterfahren und sich erholen. Ruhige Lieder drücken auch die kölsche Mentalität aus. Man braucht sie genauso wie die schnelle Musik. Und das Schunkeln liegt dem Rheinländer ja sowieso im Blut.“

Unterstützt wird Klein in seiner Auffassung von Rolf Peter Hohn aus Düren, Vize-Präsident des Bundes Deutscher Karneval. Was er von der Entwicklung hält? „Der Partykarneval ist nicht nach meinem Geschmack. Mir ist es manchmal auch zu laut und zu viel. Ich bin Traditionalist“, sagt er. Seitdem die Gruppe Brings im Karneval mitmische, sei sowieso vieles anders geworden: „Es ist nicht schlechter, aber manchmal vermisse ich das Besinnliche. Der Karneval ist auch ein Spiel der Emotionen“, sagt er.

Diese Erfahrung hat auch Torben Klein gemacht. Seit sechs Jahren ist er bei den Räubern. 225 Auftritte von Anfang Januar bis Rosenmontag hat er mit der Gruppe. Er kennt die Stimmung in den Sälen der Region und weiß, was beim Publikum ankommt – und was nicht.

„Jetzt gibt es immer mehr Rock und Pop im Karneval. Gruppen wie Brings, Cat Ballou und Kasalla sind total angesagt und schreiben vor, was läuft. So will man die Jugend begeistern, was auch für den Nachwuchs auf den Sitzungen wichtig ist, damit die Tradition Karneval nicht ausstirbt. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Lieder, die immer überleben werden wie zum Beispiel das ,Trömmelche‘“, ist sich Klein sicher.

Ordentlich gefeiert wird auch in Vettweiß. Fünf Damensitzungen und eine Herrensitzung locken mit einem Programm voller Kölner Karnevalsgrößen. Mit Ballermannmusik habe das jedoch wenig zu tun. Nur einmal habe man auf der Herrensitzung einen Ballermann-Künstler gebucht.

Das sei „aus der Not heraus“ geschehen. „Besonders gut angekommen ist er nicht“, sagt Markus Maubach von der KG Vettweiß. „Es gibt aber schon Vereine, die auf diesen Zug aufspringen.“ Doch man dürfe nicht nur den Gesellschaften den schwarzen Peter zuschieben.

„Die Bläck Fööss haben Anfang der 1970er Jahre mit ihren Auftritten auch den Karneval revolutioniert, und heute ist der Karneval durch Gruppen wie Brings sehr rockig.“ Dass jedoch immer mehr Ballermann-Sänger und auch Comedians den Weg auf die Karnevalsbühnen der Region suchen, findet Maubach nicht gut: „Viele wollen nur in den Karneval, weil sie dort das schnelle Geld verdienen wollen. Der rheinische Karneval ist diesbezüglich an einem Punkt, an dem man die Entwicklung im Auge behalten muss.“

Dieser Meinung ist auch Norbert Weiland, Präsident des Karnevalskomitees der Stadt Eschweiler: „Es stimmt, dass sich die Art der Sitzungen geändert hat. Heute wollen die Besucher mehr feiern und mitmachen. Früher wollten sie sich mehr unterhalten lassen und größtenteils nur zuhören.“ Für Eschweiler könne er diese Entwicklung hin zur Ballermannmusik allerdings nicht bestätigen.

„Unsere Gesangsgruppen unterhalten die Besucher mit eigenen und zusätzlich mit aktuellen Karnevalsliedern aus dem rheinischen Raum. Auch bei den Trompetencorps habe ich bisher keine grundsätzliche Änderung in der Art ihrer Repertoires feststellen können. Ich hoffe, dass dies auch so bleiben wird, denn: alles zu seiner Zeit und am passenden Ort.“

Wer Traditionen gut finde, sei in Köln gut aufgehoben, meint Torben Klein. Nostalgie- und Rednersitzungen erfreuen sich wieder größerer Beliebtheit. „Sie sind heißt begehrt. Ich treffe viele Leute aus Aachen in Köln auf den Sitzungen. Die Entfernung zu Köln ist kein Problem, und dort spielen halt auch alle großen Bands, aber das macht den anderen Vereinen in der Region natürlich auch leider zu schaffen.“ Ein Teufelskreis.

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