Sotschi - Kroatien: Ein Finalist mit Problemen auf Rechtsaußen

Kroatien: Ein Finalist mit Problemen auf Rechtsaußen

Von: Norbert Mappes-Niediek, Holger Schmidt und Thomas Brey
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Kroatien und der Nationalstolz: Eine Verbindung, die dem Land in der vergangenen Zeit wohl mehr schadet als nutzt. Foto: Colourbox

Sotschi. Immer leidenschaftlich, oft ästhetisch – aber sympathisch? Mit ihrem Fußball bei der WM in Russland begeistert die kroatische Nationalmannschaft derzeit die Fans weltweit. Ein Korruptionsskandal im großen Stil und das Singen eines fragwürdigen Liedes in der Mannschaftskabine werfen aber Schatten auf die „Feurigen“.

Die Identifikation mit dem teilweise begeisternd spielenden Finalisten um Superstar Luka Modric fällt deshalb nicht leicht – wobei dies wohl eher für den Rest der Welt gilt, weniger für die Menschen in Kroatien.

Denen verhilft der Sport zu Selbstbewusstsein. Seit jeher ist das so. Und gerade durch den Einzug ins Finale der Fußball-Weltmeisterschaft in besonderem Maße. Kroatien, ein kleines Land im Südosten Europas, in dem kaum mehr Menschen leben als in Sachsen oder Rheinland-Pfalz: Im Fußball aber, und das ist im Moment die Botschaft, ist Kroatien eine Weltmacht. Und nicht nur im Fußball.

Legendär sind die Kroaten im Basket-, Hand- und Wasserball, wo sie regelmäßig ganz vorn mitspielen. Nationalsport Nummer eins ist traditionell Handball. Und Im „Vaterpolo“ können dem amtierenden Weltmeister nur die Nachbarn Serbien und Ungarn das nasse Händchen reichen. Die Basketballer Draen Petrovic und Krešimir Cosic sind in den USA auch mehr als 20 Jahre nach ihrem Tod Legende. Aber auch mit kleinen Bällen sind Kroaten erfolgreich – wie Goran Ivaniševic im Tennis.

Die Meisterschaft im Basket-, Hand-, Wasser- und auch Volleyball ist ein Erbe aus der jugoslawischen Ära: Auch Serbien, Bosnien und sogar das winzige Montenegro bestehen erfolgreich internationale Turniere. Das untergegangene Jugoslawien holte im Basketball zu seiner Zeit nicht weniger Goldmedaillen als die USA. Dem Erfolg kommt auch zugute, dass in den dinarischen Bergen im Hinterland der Adria ein hochgewachsener Menschenschlag gedeiht. Die Statistik führt die Bosnier als größte und die Montenegriner als drittgrößte Menschen der Welt auf; dass Kroatien nicht unter den ersten zehn ist, muss es dem mitteleuropäischen Bevölkerungsanteil im Norden und Osten zuschreiben.

Es läuft rund in Kroatien – auf dem Feld. Abseits des Sports haben die Kroaten wenig zu feiern. Allein im vergangenen Jahr haben 90.000 Menschen dem jüngsten EU-Mitgliedsland Lebewohl gesagt – mehr als die fünftgrößte Stadt des Landes Einwohner hat. Ohne Parteibeziehungen haben gerade junge Leute kaum eine Chance, im Beruf Fuß zu fassen. Kein Jahr vergeht ohne einen großen Korruptionsskandal. Der letzte dreht sich um den Konzern Agrokor des Tycoons Ivica Todoric, der mit 6,5 Milliarden Euro verschuldet ist – mehr als ein Drittel des kroatischen Staatshaushalts. In die Affäre sind etliche Politiker verwickelt.

Ein Boxring namens Politik

Und ganz grundsätzlich: Mit einem Schachbrett, wie die Nationalflagge es zeigt, hat die politische Szene Kroatiens keine Ähnlichkeit – mehr mit einem Boxring. Die Regierungspartei HDZ versteht sich als Avantgarde des Volkes, trägt permanent interne Konflikte aus und hat sich in den vergangenen Jahren weit nach rechts geöffnet.

Auch international sind die Ambitionen des Landes enttäuschend. In der EU hat sich Zagreb seit dem Beitritt vor fünf Jahren kaum bemerkbar gemacht – außer durch einen Konflikt mit dem Nachbarn Slowenien um die Seegrenze in der Adria.

Was das Funktionärswesen angeht, sind Politik und Fußball im jüngsten EU-Land eng – und unschön – miteinander verbunden. Nur eine Woche vor dem Anpfiff des WM-Eröffnungsspiels in Moskau wurde der starke Mann des kroatischen Fußballsports, Zdravko Mamic, von einem Zagreber Gericht zu sechseinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Der Ex-Präsident von Dinamo Zagreb und Vize des kroatischen Fußballverbands, für seine Brutalität und seine Ausfälle berüchtigt, hatte ausgerechnet beim Transfer der beiden Superstars Luka Modric und Dejan Lovren 15 Millionen Euro abgezweigt.

Was es insbesondere Modric nicht leichter machen dürfte, auf dem Platz befreit aufzuspielen. Der Mittelfeldstratege von Real Madrid ist im Bestechungsprozess vom Nebendarsteller zu einer Hauptfigur geworden. Er ist nämlich wegen Falschaussage angeklagt. Ihm drohen bis zu sechs Jahre Haft. Modric hatte als Zeuge ausgesagt, 2008 mit Mamic die Teilung des Transfererlöses nach dem Wechsel von Dinamo Zagreb zu Tottenham Hotspur vereinbart zu haben. Später zog Modric diese Darstellung zurück.

Rund um das kroatische Team ist dieser eigentlich erschütternde Fall aber überhaupt kein Thema. Egal, ob Spieler, Funktionäre, TV-Experten oder sogar Medien: Das Thema Mamic ist für alle Luft. Ein ausländischer Journalist hatte es vor dem ersten Spiel gewagt, Modric zu fragen, ob die Wirren des Prozesses ihn beeinflussen. Worauf der sonst eher leise sprechende Kapitän laut und wütend würde. „Wie lange haben Sie darauf gewartet, diese Frage zu stellen“, schimpfte er: „Das hier ist eine WM, nur darum geht es.“

Fakt ist: Entweder schaffen es Modric und sein Team, die Sache genau so zu behandeln. Oder aber sie schöpfen besondere Kraft daraus. Ein Jetzt-erst-recht- und Wir-gegen-alle-Gefühl in der kroatischen Wagenburg. Damit würden sie auf den Spuren der Italiener wandeln, bei denen 2006 nach dem Manipulationsskandal in der Liga auch viele einen negativen Einfluss vermuteten. Am Ende holte die Squadra Azzurra in Deutschland den Titel.

Wo es um Geld und Fußball geht, ist die Politik nicht weit: Staatspräsidentin Kolinda Grabar Kitarovic, die in diesen Tagen so fröhlich mit ihren „Vatreni“, den „Feurigen“, feiert, ließ sich vom zwielichtigen Mamic im Wahlkampf finanzieren und sogar eine Geburtstagsfeier ausrichten. Als die Kommission für Interessenkonflikte den Fall untersuchte, warf die nervös gewordene Präsidentin deren Leiterin vor, sie führe einen „Privatkrieg“ gegen sie.

Extremismus bis in die Kabine

Schwierigkeiten hat der kroatische Fußball seit jeher auch mit extremistischen Fans. Die „Bad Blue Boys“, die Zagreber Ultras, feiern sich noch heute für ihre „Schlacht von Maksimir“, dem Zagreber Fußballstadion, wo am 13. Mai 1990 beim Spiel Dinamo gegen Roter Stern Belgrad angeblich der Krieg mit den Serben begann. Extremisten entbieten gern den Faschistengruß „Für die Heimat bereit“ und strecken nach Nazi-Art den Arm in die Luft. Die Szene ragt bis in den Kroatischen Fußballverband hinein; wirklich unternommen haben die Funktionäre gegen die Wahnsinnigen wenig.

Und so wie es aussieht, ragt diese Szene sogar bis in Kroatiens Nationalmannschaft hinein. Das zumindest legt ein von Abwehrchef Lovren erstelltes kurzes Video von den Kabinenfeierlichkeiten nach dem 3:0 gegen Argentinien nahe.

Dort sang nicht nur Lovren das Lied „Bojna Cavoglave“ der für die Verherrlichung des kroatisch-faschistischen Ustascha-Regimes aus dem Zweiten Weltkrieg berüchtigten Band Thompson. Es enthält die Textzeile „Za dom spremni“ – „Fürs Vaterland bereit“ – Wahlspruch und Gruß der Ustascha, eines 1929 gegründeten Geheimbundes, der sich zu einer faschistischen Bewegung entwickelte.

Auch das macht es nicht leichter, die Kroaten, die am Sonntag im WM-Finale (17 Uhr, ZDF) auf Frankreich treffen, im Fall des Falles einen würdigen Weltmeister zu nennen.

 

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