Kramp-Karrenbauer: „Das Lampenfieber ist enorm hoch!“

Von: Bernd Mathieu
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Annegret Kramp-Karrenbauer: Ministerpräsidentin des Saarlands (CDU) und neue Ritterin des Ordens „Wider den tierischen Ernst“ des Aachener Karnevalvereins. Foto: dpa
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Als „Putzfrau Gretel“ steigt die Ministerpräsidentin regelmäßig in die Bütt. Inspiration für ihre Reden sammelt sie das ganze Jahr lang. Foto: dpa

Saarbrücken. Donnerstagnachmittag in der Staatskanzlei Saarbrücken. „Ich feile noch an meiner Rede“, sagt Annegret Kramp-Karrenbauer. „Und das sehr intensiv.“ Dieses „intensiv“ beschreibt die saarländische Ministerpräsidentin und 65. Ordensritterin wider den tierischen Ernst so: „Wenn heute Nacht jemand bei mir am Haus vorbeigekommen wäre, hätte er sich wahrscheinlich gewundert, bestimmte Klänge aus dem Arbeitszimmer zu hören.“ Mit ihr sprach Bernd Mathieu.

Sie haben also in der Nacht schon relativ laut Ihre Rede gehalten?

Kramp-Karrenbauer: Ich habe einige Textpassagen ausprobiert – so rum oder so rum!

Wird das eine sehr politische Rede, was dürfen wir erwarten?

Kramp-Karrenbauer: Es ist eine durch und durch politische Rede, die sich mit vielen aktuellen Themen befasst. Natürlich muss die Frauenquote eine Rolle spielen, aber auch Fragen wie Maut oder die jüngsten Bewegungen, die wir auf der Straße erleben.

Wann haben Sie angefangen, die Rede zu schreiben? Und wie: mal spontan zwischendurch oder konzentriert über Stunden?

Kramp-Karrenbauer: Ich habe relativ spät angefangen, weil es in der Weihnachtszeit und über den Jahreswechsel emotional schwierig ist, sich mit Karneval auseinanderzusetzen. Hinzu kamen die Ereignisse in Paris. Und es gab jede Menge Anlässe hier, zum Beispiel Demonstrationen, bei denen ich zu dem Thema geredet habe. Dann ist der Kopf nicht frei. Ich sammele aber schon über das ganze Jahr die eine oder andere Stilblüte.

Das sind meistens Stilblüten aus der Politik?

Kramp-Karrenbauer: Ja, klar. Erfahrungen aus der Politik und das eine oder andere, das man liest oder in einer Karikatur sieht. Zum Glück habe ich einen humoristisch sehr begabten Kollegen in der Staatskanzlei. Er sammelt, ich sammele. Er formuliert aus, ich mache den Feinschliff. Das ist für mich so eine Art Steinbruch. Da ich frei vortrage, muss ich das in meine eigene Sprache übersetzen, sonst wirkt es nicht authentisch. Diese Abstimmung läuft in solchen Zeiten permanent. Ständig fällt uns etwas ein. Man hat immer das Gefühl, man ist noch nicht fertig.

Von wem stammen die meisten Steine in dem Steinbruch, von der eigenen Partei?

Kramp-Karrenbauer: Das geht quer durch die gesamte Parteienlandschaft. Aber ich schätze es sehr, sich selbst und die eigene Truppe auf den Arm zu nehmen. Dann macht es umso mehr Spaß, auch über den politischen Gegner zu lästern.

Sie treten im Karneval als „Putzfrau Gretel“, die in der Staatskanzlei für Sauberkeit sorgt, auf. Welches Verhältnis hat Gretel zu „AKK“, wie Sie sich da selbst abkürzen?

AKK: Sie betrachtet AKK durchaus mit einem gewissen Wohlwollen, aber auch mit einer sehr bodenständigen Distanz. Das ist die Mischung, die es möglich macht, selbstironisch all das zu kommentieren, was man in seiner politischen Arbeit das ganze Jahr so treibt.

Und diese bodenständige Distanz haben Sie auch im politischen Leben?

AKK: Auf jeden Fall versuche ich das. Man kann hier nur erfolgreich Ministerpräsidentin sein, wenn man diese Bodenhaftung nicht verliert.

Wer kümmert sich um Ihre Bodenhaftung?

AKK: Besonders meine Familie, nicht nur meine unmittelbar eigene, sondern die gesamte Großfamilie. Gefragt oder ungefragt bekomme ich permanent Rückmeldungen, die auch mal kritisch sind und mir helfen, das Ganze mit einer anderen Brille zu betrachten.

Welche kritischen Rückmeldungen gibt es denn?

AKK: Da müssen Sie mal meine Mutter fragen! Je nachdem, was in der Zeitung steht, kommt morgens der Anruf, was ich mir eigentlich dabei gedacht habe. Das reicht dann bis zu Stilfragen nach dem Motto: Das Kleid geht jetzt aber gar nicht.

Hatten Sie vor der Rolle der „Putzfrau Gretel“ bereits karnevalistische Auftritte?

AKK: Zum Ende meiner Schulzeit und in der Anfangsphase meines Studiums habe ich mich auf der Bühne im Tanzbereich betätigt.

Betätigt?

AKK: Ich habe Showtanz gemacht. Vorher, in der Schulzeit, habe ich Texte und Glossen geschrieben, Sketche entworfen. Dieses Schlüpfen in andere Rollen liegt mir. Die Rolle der Putzfrau ist zuerst im eigenen Ministerium aufgetaucht. An Weiberfastnacht bin ich im Ministerium damit in die Bütt‘ gegangen.

Hat Ihre Familie eine enge Beziehung zum Karneval?

AKK: Ja, ein gutes Beispiel ist meine älteste Schwester und ihre gesamte Familie. Sie sind sehr aktiv im Karnevalsverein – vom Prinzenpaar bis zum Gardetanz ist alles vertreten. Bei uns hat Karneval immer eine Rolle gespielt.

Bei der Mitteilung, dass Sie den Aachener Orden bekommen, waren Sie zuerst sprachlos, dann „aus dem Häuschen“. Was kann man sich bei Ihnen darunter vorstellen?

AKK: Ich habe die Nachricht per Post hier an meinem Schreibtisch erhalten.

Platz genug, um aus dem Häuschen zu sein, haben Sie ja hier.

AKK: Stimmt. Also: Erst war ich sprachlos, dann habe ich mich sehr gefreut, bin hier durchs Büro getanzt und dann durch die ganze Zimmerflucht bis vorne zum Büroleiter, der einigermaßen verwundert war.

Sie sind erst die fünfte Ritterin. Mit welchen Erwartungen begegnen Sie den ehrwürdigen Herren in der Ritterrunde, etwa einem Kaliber wie Konstantin Freiherr Heereman?

AKK: Mit der gebührenden Achtung. Aber trotzdem: Da muss sich und wird sich einiges ändern. Mitte Februar bin ich zur altehrwürdigen Schaffermahlzeit in Bremen eingeladen. Das war bis vor kurzem auch eine Männerbastion. Diese Veränderung wird vor dem AKV nicht Halt machen.

Wen nehmen Sie – außer sich selber – gerne auf den Arm, Angela Merkel, oder ist das schon zu despektierlich?

AKK: Bei meinen Büttenreden geht das querbeet: Das bin ich selbst, das sind die Kollegen aus der eigenen Landesregierung, aus dem Landtag, das sind die Bundespolitiker und auch unsere Kanzlerin. Angela Merkel lacht gerne, auch über sich selbst.

Wie ist Angela Merkels Humor?

AKK: Staubtrocken. Eine Art von Humor, bei dem man mitdenken muss. Ich schätze ihn sehr.

Haben Sie Lieblingsfiguren für Ihre Büttenreden?

AKK: Es gibt eine Reihe von Kollegen im Land, die besonders närrisch unterwegs sind. Aus meiner Sicht sind die natürlich in den Reihen der Opposition verortet, aber auch in der Regierung.

Sie halten Ihre Reden frei, ohne Manuskript. Auch jetzt in Aachen?

AKK: Das werde ich auf jeden Fall versuchen. Das Lampenfieber ist enorm hoch, die Messlatte liegt ebenfalls hoch. Ich weiß, was für ein toller Redner Christian Lindner ist. Es wird ein freier Vortrag, es kann sein, dass ich einen kleinen Spickzettel mit ein paar Stichworten mit in den Käfig nehme. Ich versuche eigentlich immer, das zu vermeiden. Mal sehen, wie sicher ich mich fühle.

Wie haben Sie sich bei Ihrem Auftritt vor zwei Jahren auf der Öcher Bühne gefühlt, gab es einen großen Unterscheid zu Ihrer Heimatbühne im Saarland?

AKK: Ja, einen sehr großen, und der lag in der Sprache. Hier halte ich die karnevalistischen Reden im saarländischen Dialekt. Das schafft eine unmittelbare Herzensbindung. Die Büttenrede in Hochdeutsch halten zu müssen, war ein zusätzlicher Stressfaktor. Das war meine erste Büttenrede in Hochdeutsch und das vor einem Publikum, das ich nicht kannte. Ich war sehr aufgeregt. Da gab es die alte Urangst, man geht auf die Bühne, macht den ersten Witz und niemand lacht.

Das Problem hatten Sie nicht.

AKK: Die erste Reaktion des Aachener Publikums war so grandios, dass von dem Moment an das Lampenfieber weg war. Und dann hat alles nur noch Spaß gemacht.

Mit guten Politikerreden war man bis zu Ihrem Auftritt lange Zeit in Aachen nicht mehr verwöhnt worden. Sie waren ein Highlight mit riesigem Beifall und Jubel. Haben Sie damals gedacht: Ich komme noch mal zurück und dann als Ritterin?

AKK: Eigentlich nicht. Gefreut haben mich die vielen Rückmeldungen der gestandenen Karnevalisten. Das habe ich schon ein bisschen als Ritterschlag empfunden. Ein Jahr später gab es die Anfrage, ob ich wieder im Programm auftreten könnte, was aber leider nicht ging.

Aber jetzt!

AKK: Ja, aber an die Ritterin hatte ich nicht gedacht. Für mich ist der Orden wider den tierischen Ernst eine tiefe Kindheitserinnerung. Bei uns zu Hause hat die Fernsehfastnacht immer eine Rolle gespielt. Das waren die Übertragungen aus Mainz, und das war der Orden wider den tierischen Ernst. Für mich hat das etwas von einer Ikone. Dass das jetzt für mich Realität wird, ist etwas ganz Außerordentliches.

Haben Sie sich bei den Übertragungen aus Aachen auch mal gelangweilt?

AKK: Ja, das gab’s immer wieder mal. Man behält aber die grandiosen Figuren und Auftritte in Erinnerung. Besonders eingeprägt hat sich bei mir der Auftritt von Norbert Blüm mit der Schlafmütze auf dem Kopf und der Kerze in der Hand.

Gibt es Parallelen zwischen Politik und Karneval?

AKK: Im Karneval ist Humor unerlässlich, und wenn man ehrlich ist: in der Politik auch, sonst würde man das gar nicht aushalten. Im Karneval wie in der Politik geht es darum, Dinge sehr pointiert zu betrachten, um sie den Menschen nachvollziehbar und verständlich zu machen.

Welcher Politiker oder welche Politikerin hat besonders viel Humor? Auf wen möchten Sie im nächsten Jahr in Aachen die Laudatio halten?

AKK: Das ist natürlich eine Fangfrage, die ich auf keinen Fall beantworte.

Dann beantworten Sie nur den ersten Teil.

AKK: Da gibt es sicherlich eine ganze Reihe, die mir da einfallen würden und mit Blick auf das Thema fünf Frauen bei 65 Ordensrittern sicherlich eine Menge an Kolleginnen. Es wäre doch schön, wenn der AKV zwischen den einzelnen Frauen, die den Orden bekommen, nicht immer so viele Jahre verstreichen ließe…

Der AKV stellt Ihnen im Programm die Linke Sahra Wagenknecht und Ihre CDU-Parteifreundin Julia Klöckner an die Seite. Was erwarten Sie von den beiden?

AKK: Von Julia Klöckner erwarte ich beste rheinland-pfälzische Fastnachtstradition. Bei Sahra Wagenknecht bin ich sehr gespannt. Ich habe sie bisher nur als sehr ernsthafte und sehr intensiv diskutierende und in ihren Positionen festgelegte Politikerin kennengelernt. Wenn ich sie mir in anderen Kontexten vorstellen würde, dann sicher am allerwenigsten im Kontext Karneval.

An diesem Samstag wird es außer Ihnen noch einen zweiten neuen Ordensritter geben, Philipp zu Guttenberg. Was sagen Sie denn zu dieser Art AKV-Männerquote?

AKK: Ich freue mich für ihn. Gewissermaßen verbindet uns ja unsere Karriere: Ich habe mich hochgeputzt als Putzfrau, er hat sich hochgearbeitet als Plagiat.

Im Kölner Rosenmontagszug darf der Motivwagen zu „Charlie Hebdo“ nicht mitfahren. Was sagen Sie dazu?

AKK: Gerade mit Blick auf den Kölner Karneval konnte ich in der Vergangenheit nie wahrnehmen, dass es eine besondere Zurückhaltung bei Motivwagen rund um das Thema Kirche gegeben hat. Das ist auch gut so. Ich sehe überhaupt keinen Grund dafür, dass man dann mit Blick auf andere Glaubensrichtungen anders vorgeht. Das ist nicht das Zeichen für Presse- und Meinungsfreiheit, das eigentlich nach den Anschlägen auf „Charlie Hebdo“ in Europa gegeben werden sollte.

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