Kraftwerk und die Kunst der Wiederverwertung

Von: Christian Rein
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„Wir fahr‘n, fahr‘n, fahr‘n auf der Autobahn“: Ralf Hütter, das einzig verbliebene Gründungsmitglied von Kraftwerk (von links), und seine Mitstreiter Henning Schmitz, Fritz Hilpert und Stefan Pfaffe beim Eröffnungskonzert der großen Retrospektive im K20 in Düsseldorf. Foto: Thomas Brill

Düsseldorf. Als zu Beginn des Konzerts der Vorhang fällt und der Blick auf die Mitglieder der Band Kraftwerk an ihren Pulten unter dem riesigen Bildschirm freigegeben wird, erfüllen die ersten Takte ihrer Musik längst den Raum. Und am Ende, als die Vier einer nach dem anderen die Bühne unter dem frenetischen Applaus des Publikums wieder verlassen haben, läuft die Musik einfach weiter.

Zumindest eine kurze Weile noch, ganz so, als hätte sie ein Eigenleben und nichts mit den Gestalten zu tun, die sich viel lieber als „Operator“ bezeichnen statt als Musiker. Ganz so, als wäre sie immer schon dagewesen. „Musik Non Stop“.

Dazwischen liegen zwei fulminante Stunden, die den Beginn eines großen Reigens markieren, mit dem Kraftwerk derzeit ihre Heimkehr nach Düsseldorf feiern. Die Konzertreihe in der Kunstsammlung NRW (K20) ist schlicht mit „Der Katalog – 1 2 3 4 5 6 7 8“ betitelt. An acht aufeinanderfolgenden Abenden präsentieren Kraftwerk in chronologischer Folge ihre acht herausragenden Alben, vom stilprägenden „Autobahn“ (1974) bis zu ihrem jüngsten Werk „Tour de France“ (2003).

Ergänzend zeigt das NRW-Forum unter dem Titel „Kraftwerk – Roboter“ noch bis zum 30. Januar eine Auswahl der Fotografien von Peter Boettcher, der die Band seit über 20 Jahren begleitet (siehe unten). Zudem gab es am vergangenen Freitag ein wissenschaftliches Symposium zum Schaffen von Kraftwerk.

Es sind die ersten Auftritte der Band in Düsseldorf seit Beginn der 90er Jahre. Dort hatten sich Kraftwerk 1970 gegründet. Dort befindet sich das sagenumwobene Kling-Klang-Studio, in dem Ralf Hütter, das einzig verbliebene Gründungsmitglied, und seine Mitstreiter an ihrer Musik tüfteln. Für die Konzerte im K20 gab es jeweils nur ein paar hundert Karten; sie waren in Minutenschnelle ausverkauft. Einige der Besucher haben weite Wege und hohe Kosten auf sich genommen, um dem kulturellen Großereignis beiwohnen zu können, um das es sich hier zweifelsohne handelt.

Zu Beginn der Reihe wird also „Autobahn“ geboten. Am Eingang erhält jeder Besucher ein kleines blaues Mäppchen mit dem weißen Logo, das auf dem Verkehrsschild basiert. Darin befindet sich eine 3-D-Brille für die Video-Projektionen. Es sieht ein wenig merkwürdig aus, wie alle mit den weißen Pappgestellen auf den Nasen in Richtung Bühne starren, als predige dort der Priester einer durchgeknallten Weltraum-Sekte.

Stattdessen winken vier deutlich jüngere Avatare der Musiker mechanisch mit ihren Armen. Dank des 3-D-Effekts hat man das Gefühl, man könnte ihnen die Hand reichen. Dazu sprechsingt Hütter ein metallisches „Wirr sind die Rroboterr“ durch den Vocoder. Das Stück stammt von einem anderen Kraftwerk-Album, ist aber so etwas wie die inoffizielle Erkennungsmelodie. Erst danach folgt die Platte des Abends.

„Autobahn“ ist nicht das erste Kraftwerk-Album, genau gesagt ist es das vierte. Aber es ist die Platte, mit der Kraftwerk zu Elektronikpio­nieren wurden. Synthie-Pop, Techno, House, Minimal – es gibt keine Spielart, die sich nicht irgendwie auf Kraftwerk zurückführen lässt. David Bowie, Depeche Mode, Pet Shop Boys oder New Order – alle berufen sich auf sie. Die „New York Times“ nannte sie einmal die „Beatles der elektronischen Tanzmusik“. Selbst Coldplay zitieren in ihrem Stück „Talk“ Kraftwerks „Computerliebe“.

Hütter und seine Mitstreiter stehen hinter nüchternen schwarzen Pulten. Gekleidet sind sie in dunkle Ganzkörper-Anzüge mit weißem Netzmuster, von denen man nicht weiß, ob sie ursprünglich mal für Taucher gedacht waren oder für eine neue Staffel von „Star Trek“.

Die „Operatoren“ bewegen sich kaum, man kann nicht erkennen, was sie an ihren Pulten machen. Sie werden Teil der Installation. Videos gehörten stets zu den Auftritten von Kraftwerk dazu, aber dank 3 D lösen sich die Musiker nun fast in ihren Projektionen auf. Die Bilder wiederum verschmelzen mit der Musik. Es geht eben immer um die Schnittstelle zwischen Mensch und Technik.

Der Zuschauer ist mittendrin. Er fährt mit einem VW Käfer durch das animierte Wirtschaftswunder-Deutschland oder darf als Astronaut durchs All gleiten, inklusive spektakulärem Blick auf die Erde. Es gibt abstrakte Animationen mit farbigen Quadern, die sich auflösen und neu zusammenfügen. Notenschlüssel, Zahlen und Buchstaben rauschen durch den Raum.

Ist das Konzert, Computerspiel oder Multimedia-Installation? Bereits 2005 traten Kraftwerk bei der Biennale in Venedig auf. 2011 zeigten sie im Münchner Lenbachhaus 3-D-Videoinstallationen, die Konzerte dazu fanden aber noch an einem anderen Ort statt, in der Alten Kongresshalle. Im vergangenen Jahr feierte „Der Katalog“ dann im New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) Premiere. Seitdem präsentieren sich Kraftwerk als Gesamtkunstwerk. Die nächste Station wird im Februar die Tate Modern in London sein.

Der Kulturkritiker Diedrich Diederichsen hat Kraftwerk anlässlich der MoMA-Konzerte in einem Essay für den „Tagesspiegel“ vorgehalten, sie hätten seit 1978 „nichts Wichtiges“ mehr veröffentlicht. Stattdessen arbeiteten sie an der ständigen Neu-Aufbereitung ihres Werks. „Kraftwerk wollen das, was die gesamte, von der Erinnerung an goldene Jahrzehnte lebende Branche tut – verwerten, verwerten und wieder verwerten“, schreibt Diederichsen. „Und sie wollen es an einem anderen Ort fortsetzen: als bildende Kunst.“

Tatsächlich entpuppt sich das Konzert im K20 als eine Art audiovisueller Re-Remix. Das erste Stück, das bereits erwähnte „Die Roboter“, stammt zum Beispiel vom Album „Die Mensch-Maschine“ (1978). Es wird aber dargeboten in der Variante von „The Mix“ (1991), das im „Katalog“ als Album Nummer sieben geführt wird, obwohl es streng genommen gar kein eigenes Studioalbum ist. Kraftwerk haben seinerzeit ihren Hits, die zum allergrößten Teil aus den 70er Jahren stammen, eine Art Frischzellenkur für die 90er Jahre verpasst.

Frischzellenkur für die 2010er Jahre

Die „Katalog“-Retrospektive ist nichts anderes als eine Frischzellenkur für die 2010er Jahre. Dazu passt, dass die acht Alben im Jahr 2009 neu gemastert wiederveröffentlicht wurden und bei den Konzerten nun in einer streng limitierten Box zum stolzen Preis von 120 Euro angeboten werden.

„Verwerten, verwerten und wieder verwerten.“ Hat Diederichsen also Recht? Kraftwerk mäandern nach der Darbietung von „Autobahn“ durch ihr Werk: „Radioaktivität“, „Trans Europa Express“, „Das Model“, „Neonlicht“, „Computerliebe“, „Tour de France“ – sie spielen tatsächlich alles, was man erwarten kann. Diesen Stücken ist ihr oftmals erhebliches Alter nicht anzuhören, sie sind absolut zeitlos. Gerade deshalb sind sie atemberaubend zeitgemäß. Und zumindest das muss man Kraftwerk zugute halten.

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