Kraemer will Alemannia-Zeit hinter sich lassen

Von: Christoph Pauli und Marlon Gego
Letzte Aktualisierung:
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Der neue Tivoli am 24. November 2012, einen Tag nachdem Alemannia Aachen den ersten Insolvenzantrag stellte: Damals gab es die Hoffnung, dass der Verein irgendwie zu retten, dass der Wiederaufstieg in die 2. Liga irgendwie zu organisieren sei. Im Frühjahr 2017 stellte die Alemannia als Viertligist den nächsten Insolvenzantrag. Foto: Ralf Roeger
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„Lassen wir es dabei“: Frithjof Kraemer könnte viel aus seiner Zeit am Tivoli erzählen. Doch er vermeidet es, in irgendeine Richtung nachzutreten. Foto: imago/osnapix, Ralf Roeger

Aachen. Es war nur ein kurzer Moment. Einen Moment lang sah es so aus, als wolle es aus ihm herausbrechen wie Lava und Asche aus einem Vulkan. Dann war der Moment vorbei, weil seine Anwälte für ihn reagierten. „Wir haben uns darauf verständigt, dass wir das Urteil nicht kommentieren wollten“, sagte Tido Park.

 Die Juristen wissen, dass jede Reaktion eine Gegenreaktion auslösen, dass es ein mediales Nachspiel geben kann. Sie raten ihrem Klienten zu schweigen. Es soll vorbei sein.

Zuvor war Kraemer zu einer Haftstrafe von 18 Monaten verurteilt worden, die allerdings zur Bewährung ausgesetzt wird. Wenn Kraemer innerhalb der nächsten zwei Jahre nicht wieder straffällig wird, muss er nicht ins Gefängnis. Zudem wird er 50.000 Euro Geldstrafe und die Kosten des Verfahrens bezahlen müssen, eine Summe, die auch einem Besserverdienenden wie Kraemer wehtun dürfte. Auf diese Eckpunkte hatten sich Gericht, Kraemer, seine Verteidiger und Staatsanwalt René Seppi während der Verhandlung verständigt. Als Gegenleistung legte Kraemer ein Geständnis ab.

Das späte Geständnis

Jahrelang hatte Kraemer behauptet, er habe keinen Fehler gemacht, er habe immer zum Wohle des Vereins gehandelt. Das mag auch stimmen, aber irgendwann, als der sportliche Erfolg und der Fan-Zuspruch ausblieben, wurden die Löcher immer größer. Kraemer hat dann versucht zu stopfen. Gelder der Alemannia GmbH wurden im Frühjahr 2012 zur bereits zahlungsunfähigen und überschuldeten Stadion GmbH verschoben, per Banküberweisung, 39 Mal. Gesamtwert der Überweisungen: etwa 750 000 Euro. Das Gericht hat diese 39 Überweisungen nun als 39 Fälle von Bankrott gewertet.

Niemand hat Kraemer im Laufe des Ermittlungsverfahrens und des Prozesses Bösartigkeit oder gar persönliche Bereicherung unterstellt. Er selbst hat immer für sich reklamiert, dass der Verein damals von vielen Wirtschaftsprüfern begleitet wurde. Strafbar war das Verhalten dennoch.

Viel ist nicht mehr übrig geblieben von den in der Anklageschrift erhobenen Vorwürfen, die auch mit einer Gefängnisstrafe hätte enden können. Von Untreue in besonders schweren Fällen war die Rede, von Betrug, auch von Steuerhinterziehung. Doch all diese Vorwürfe wurden im Prozess fallengelassen, weil Kraemer gute Argumente für sein damaliges Handeln fand – und Mitte Juni schließlich ein Geständnis ablegte, ein „von ehrlicher Reue getragenes Geständnis“, wie Richter Matthias Quarch in seiner Urteilsbegründung lobend hervorhob. „So etwas erleben wir in diesem Saal eher selten.“ Kraemer hat seine Not geschildert, er hat die 39 strafbaren Überweisungen eingeräumt und hat dann doch noch Verantwortung für sein Handeln eingeräumt. Spät, aber offenbar nicht zu spät.

„Jeder wollte, dass Alemannia am Leben bleibt: die Stadt, das Land NRW, die Kräfte im Verein“, sagt Staatsanwalt René Seppi. Kraemer war als Geschäftsführer derjenige, der die drohende Insolvenz verhindern sollte. „Er wollte Alemannia retten“, sagte sein Verteidiger. „Und jetzt ist er der einzig verbleibende Angeklagte vor einem Strafgericht.“ Das ist der Moment, in dem klar wird, wie Kraemer und seine juristischen Begleiter die Lage einstufen. „Er sieht sich ein bisschen als Sündenbock.“ Es klingt wie: Kraemer wird angeklagt, er räumt Fehler ein, aber wo sind all’ die anderen Männer, die sich im Laufe der Jahre am Verein versündigt haben? „Er ist wie eine Sau durchs Dorf getrieben worden“, sagte sein Verteidiger, „als öffentlich nach einem Sündenbock gesucht wurde.“

Das große Puzzle

Als Staatsanwalt Seppi 2012 das erste Mal vor dem neuen Tivoli stand, sagte er am Mittwoch, spürte er „die Aura der Alemannia, das Besondere“ des Vereins. Ihm war klar, was die Hausdurchsuchung in der Öffentlichkeit auslösen würde, und ihm war auch klar, wie gespannt die gesamte Region auf die Ergebnisse seiner Ermittlungen warten würde. Es wurde „eine mühevolle Kleinarbeit“, Puzzlestück um Puzzlestück musste zusammengesetzt werden, sagte Seppi. Die Akte umfasste am Ende 25.000 Seiten.

Heute, fast fünf Jahre später, ist der Fall vollständig aufgeklärt. So sieht es Seppi, und so sieht es auch Richter Quarch. Seppi stellte heraus, dass er während seiner Ermittlungen durchaus nicht übersehen habe, wie viele Beteiligte bei der Alemannia mitgemischt hätten, Institutionen wie Personen. „Die Lage war undurchsichtig“, sagte Seppi. Doch es fehlten Belege, Hinweise und Zeugenaussagen, die auf weitere Straftaten, auf weitere Verdächtige hätten schließen lassen.

Seppi attestierte in seinem Plädoyer der Stadt Aachen, die mit der Übernahme eines Teils der aus dem Stadionbau resultierenden Schulden der Alemannia übernommen und durch die spätere erste Insolvenz damit etwa 23 Millionen Euro Verlust gemacht hatte, sich korrekt verhalten zu haben. Kraemers Anwälte hatten am ersten Prozesstag der Stadt noch vorgeworfen, sich nicht ausreichend über die finanzielle Lage des Vereins informiert zu haben, bevor sie die Schulden übernommen hatten. Auch dieser Vorwurf ist nun vom Tisch.

Das Ergebnis des Prozesses vor der 1. Großen Wirtschaftsstrafkammer des Aachener Landgerichts war keine Überraschung mehr. Die Emotionen sind lange verpufft. Im Gerichtssaal lauschten am Mittwoch mehr Medienvertreter als Zuschauer den Plädoyers und der Urteilsverkündung. Eher professionelle Zuhörer, erkennbare Alemannia-Fans waren nicht auszumachen. Im Atrium des Justizzentrums erkannte ein langjähriger Anhänger von Alemannia Aachen im Vorbeigehen den ehemaligen Geschäftsführer. „Guten Morgen, Herr Kramer“, rief er Kraemer zu. Selbst die Erinnerung an den Namen ist im Laufe der Jahre verblasst.

Auf der anderen Seite des Tisches

Inzwischen arbeitet der 44-jährige Kaufmann für die Bodenseebank. Das Institut hilft europaweit Vereinen mit Liquiditätsproblemen. Das Bankhaus setzt dabei primär auf erstklassige Adressen. Je niedriger die Liga, desto größer die Gefahr, dass das Risikokapital nicht zurückgezahlt werden kann. Kraemer sitzt nun also auf der anderen Seite des Verhandlungstisches. „Ich kann mich gut in die Situation der Gesprächspartner hineinversetzten“, sagt er vor der Urteilsverkündung im Gespräch mit unserer Zeitung. Wer wüsste besser als er, unter welchem Druck die Verantwortlichen stehen, wenn Vereine in ihren Grundfesten erschüttert sind?

Kraemer könnte viel erzählen von seiner Zeit am Tivoli damals, von dem Druck, unter dem er stand, unter den er vielleicht auch gesetzt wurde. Er könnte – aber er will oder soll nicht. Kraemer zuckte mit den Schultern und lächelte unsicher. „Lassen wir es dabei bewenden“, sagte er zum Abschied und verlässt Aachen.

Vermutlich für immer.

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