Aachen/Düsseldorf - Kostenloser Nahverkehr: Kann das funktionieren?

Kostenloser Nahverkehr: Kann das funktionieren?

Von: Rebecca Boucsein
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Die Reaktionen in NRW-Städten auf den Vorstoß der Bundesregierung für einen kostenlosen Personennahverkehr sind ausgesprochen verhalten. Foto: Michael Jaspers

Aachen/Düsseldorf. Den Kaffeebecher eines Anzugträgers im Nacken, den Schulranzen eines Viertklässlers in der Kniekehle, eingekeilt zwischen der Tür und dem Rollator einer Seniorin: Wer morgens mit Bus oder Bahn pendelt, muss nicht selten mit wenig Platz auskommen.

Wer heute schon vom Gedränge genervt ist, dem dürften die Pläne der geschäftsführenden Bundesregierung gar nicht gefallen: Sie erwägt, den öffentlichen Personennahverkehr probeweise in fünf Städten zur Verbesserung der Luftqualität finanziell zu fördern und dadurch kostenlos anzubieten, damit mehr Menschen das Auto stehen lassen und stattdessen Bus oder Bahn nutzen. Das würde das morgendliche Gedränge wohl noch größer machen. Im Gespräch sind Reutlingen, Herrenberg und Mannheim; aus NRW sind Bonn und Essen dabei.

Weil die Finanzierung des Projekts und die Art der Umsetzung völlig offen sind, stieß der Vorstoß gestern auf breite Skepsis. Bundesweit schlugen Kommunen Alarm, die nach der Finanzierung fragten und die Machbarkeit mit Blick auf den Tarifdschungel, fehlendes Personal und Ausstattung infrage stellten. Der Deutsche Städtetag nannte die Überlegungen gar „etwas hilflos“. Auch die Länder wurden von den Plänen aus Berlin überrascht. Entsprechend abwartend gab sich gestern auch das NRW-Verkehrsministerium: „Grundsätzlich stehen wir der Idee positiv gegenüber, in der Umsetzung muss man sehen, wie es geht, sagte Minister Hendrik Wüst unserer Zeitung. „Der Bund wird sicherlich auf die Beteiligten zugehen.“

Deutlich kritischer äußerte sich der Fahrgastverband Pro Bahn NRW. Der ÖPNV in NRW verkrafte bereits jetzt keine steigenden Fahrgastzahlen, die Kapazitätsgrenze sei vielerorts zu Stoßzeiten längst erreicht. Der Verband forderte daher gerade in großen Städten „eine Investitionsoffensive in den ÖPNV“. In Nordrhein-Westfalen seien vor allem die Tunnel die Nadelöhre, durch die in Zukunft nicht noch mehr Züge fahren könnten, sagte Sprecher Lothar Ebbers unserer Zeitung. Besonders betroffen seien zum Beispiel Köln, Düsseldorf und Dortmund.

Dramatisch ist die Lage demnach in der als Modellstadt angedachten Stadt Essen: Der ÖPNV sei dort gerade in den Morgenstunden voll ausgelastet. „Die Stadt hat nicht die Voraussetzung, die Fahrgastzahlen zu steigern“, skizzierte Ebbers die Situation in der Ruhrgebietsmetropole. Ohne mehr Platz für Schienen, Haltestellen und Busse sei das Projekt nicht realisierbar. Zudem sei es in dicht besiedelten Gebieten, in denen Menschen von einer Stadt in die andere pendelten, nicht sinnvoll, kostenlose Tickets anzubieten, die nur begrenzt innerhalb einer Stadtgrenze Geltung hätten.

Nachdem Bund und Länder sich beim Thema ÖPNV jahrelang zurückgehalten hätten, wertete der Fahrgastverband den Vorstoß aus Berlin dennoch als richtiges Signal, warnte aber zugleich vor „falschen Versprechungen“, die sich am Ende als „Schuss, der nach hinten losgeht“ erwiesen.

Auch in Aachen dürfte sich die Umsetzung eines Tickets zum Nulltarif eher schwieg gestalten. Nicht nur, dass neue Busse angeschafft und mehr Personal eingestellt werden müssten – auch die Straßen sind längst zu voll: „Es gibt Stellen im Busnetz, an denen schon jetzt nichts mehr zu machen ist“, hieß es aus dem Presseamt. Konkret nannte ein Sprecher als Beispiel den Adalbertsteinweg.

Oberbürgermeister Marcel Philipp meldete sich gestern zurückhaltend in einer Pressemitteilung zu Wort: Darin wertete er die Initiative aus Berlin als richtiges Signal, ein komplett kostenloses Angebot in Aachen „wird aber kaum finanzierbar sein“, heißt es darin. Und: Bei „realistischer Betrachtung“ seien auch weiterhin Einnahmen aus dem Ticketverkauf nötig. Denn ohne zusätzliche Fördermittel vom Land oder vom Bund ist das Haushaltsbudget laut Stadt für den ÖPNV ausgereizt. 7,8 Millionen Euro sind für 2018 veranschlagt.

Auch beim Aachener Verkehrsverbund (AVV) hält man die Umsetzung des kostenlosen ÖPNVs für eher unrealistisch. Die Ticketeinnahmen belaufen sich laut AVV pro Jahr auf rund 110 Millionen Euro. Geld, das der Verkehrsverbund bei einem Ticket zum Nulltarif aus anderer Quelle erhalten müsste, um seine Kosten zu decken. Realistisch wäre laut AVV, Tickets mit Hilfe von Fördermitteln in Zukunft günstiger anzubieten.

Ähnlich wie andere Verkehrsverbünde in NRW würde auch der AVV bei zunehmenden Fahrgastzahlen an seine Kapazitätsgrenze stoßen. So müsste zum Beispiel die Strecke Aachen-Köln ausgebaut werden, um noch mehr Züge einzusetzen, gibt Sprecher Markus Vogten zu bedenken. Ohne das vieldiskutierte dritte Gleis, das seit Juni 2016 jedoch vom Tisch ist, sei da nichts zu machen.

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