Bonn - Kopfrechen-Weltmeister: „Ein passables Gedächtnis für Zahlen”

Kopfrechen-Weltmeister: „Ein passables Gedächtnis für Zahlen”

Von: Marlon Gego
Letzte Aktualisierung:
Gert Mittring
Das ist Gert Mittring. Er ist Weltmeister im Kopfrechnen und hält 20 Weltrekorde. Foto: dpa

Bonn. Die Wohnung von Gert Mittring liegt 82 Stufen hoch, Dachgeschoss, Elfenbeinturm. Er sitzt am Esstisch und räumt verschiedene Stapel Papier beiseite. Jeans, Jeanshemd, Denkerfrisur. Mittring, 44, hält etwa 20 Weltrekorde im Kopfrechnen, ist Weltmeister und Großmeister der Mathematik und hat einen Intelligenzquotienten von 145 oder mehr, so genau kann man es in diesen Bereichen nicht mehr messen.

100 ist der Durchschnitt. Nächste Woche hält er an der FH Aachen einen Vortrag für Kinder und Jugendliche. „Nehmen Sie Platz” , sagt er, hustet, und deutet auf den Stuhl neben sich am Esstisch.

Danke für den Taschenrechner.

Mittring: Bitte.

Also gut, testen wir Sie mal: Herr Doktor, was ist die 13. Wurzel aus 4.925.307.961.002?

Mittring< (rechnet, zeichnet mit dem Zeigefinger Zahlen in die Luft und flüstert vor sich hin): Etwas weniger als 9,5 (rechnet kurz weiter). 9,4698 und ein bisschen?

So ist es, erstaunlich. Wie haben Sie das nur so schnell gerechnet?

Mittring: Ich habe eine Logarithmus-Schätzung gemacht, festgestellt, dass das Ergebnis weniger als 9,5 sein muss und habe dann die Wurzelberechnung anhand von Logarithmen durchgeführt. Ich habe das jetzt mal sehr verkürzt dargestellt...

...weil ich es ohnehin nicht verstehen würde.

Mittring: Es sei denn, Sie haben ein gutes mathematisches Verständnis.

Mir reicht Ihre Erklärung, sagen wir mal so. Warum können Sie so was rechnen?

Mittring: Ich habe vielleicht eine gute Grundausstattung und ein ganz passables Gedächtnis für Zahlen. Dadurch bedingt hatte ich schon ziemlich früh Spaß daran, Rechenverfahren zu entwickeln, die auch komplizierte Aufgabestellungen handhabbar machen. Ich bin aber nicht der Einzige, der mit solchen Talenten privilegiert ist.

Sie haben als Kind also zum Beispiel den Satz des Pythagoras entwickelt, ohne zu wissen, dass es der Satz des Pythagoras ist, kann man es sich so vorstellen?

Mittring: So ungefähr, ja. In gewissen Anteilen hab? ich Regelhaftigkeiten für mich entdeckt, die andere sicher schon vor mir entdeckt haben. Ich erhebe nicht den Anspruch, die Mathematik neu erfunden zu haben, sondern habe nach Wegen gesucht, leichter zu Ergebnissen zu kommen.

Fühlen sich die Menschen minderwertig, die mit Ihnen zu tun haben? Gibts da eine Distanz, weil Sie eben intelligenter sind als die meisten anderen?

Mittring: Das versuche ich zu vermeiden, weil das ungünstige soziale Folgen für mich hätte. Wer sich unterlegen fühlt, wendet sich meist ja ab. In einem Bereich kann man ein Unterlegenheitsgefühl noch verschmerzen, aber wenn der Eindruck entsteht, man sei jemandem allgemein unterlegen, ist das für viele schwierig.

Haben Sie die „Schachnovelle” von Stefan Zweig gelesen, in der jemand über Schachbegegnungen wahnsinnig wird, die er im Kopf nachspielt?

Mittring: Ja, habe ich gelesen. Sie meinen, mir würde es irgendwann wie Stefan Zweigs Protagonisten ergehen?

Es ist nur eine Frage.

Mittring: Ich bin nicht abhängig von der Rechnerei. Eine 13. Wurzel habe ich, bevor Sie mir eben Ihre Aufgabe gestellt haben, das letzte Mal vor etwa einem Jahr gezogen. Es ist wichtig, die Zahlen zu beherrschen und nicht von den Zahlen beherrscht zu werden.

Welche Talente haben Sie neben der Rechnerei noch?

Mittring: Ich kann schlecht über meine eigenen Talente reden.

Doch, können Sie.

Mittring: Logische Regelhaftigkeiten erkennen, das funktioniert einigermaßen, nicht bloß auf nummerische Dinge bezogen.

Mit der Kopfrechnerei verdienen Sie im weiteren Sinne Ihr Geld. Pragmatismus? Oder würden Sie gern etwas anderes können?

Mittring: Ich mach ja auch einige andere Dinge, zum Beispiel Kinder- und Jugendförderung, die mir viel Freude machen. Ehrlich gesagt versuche ich immer, gerade das zu tun, was mir am meisten Spaß macht.

Sie können Dinge, die fast niemand kann. Fühlen Sie sich für Ihre Arbeit eigentlich angemessen bezahlt?

Mittring: Anerkennung gibt es ja nicht nur auf monetärer Ebene, sondern auch auf ideeller. Ein Kinderlachen etwa lässt sich kaum mit Geld aufwiegen.

Und finden Sie, Sie bekommen für Ihre Arbeit genug Geld?

Mittring: Ich will mich nicht beklagen.

Auf den Kern reduziert, ist die Hauptantriebsfeder jedes Mensch Anerkennung, Liebe eigentlich. Rechnen Sie, um geliebt zu werden?

Mittring: Schöne Frage. In der Tat ist es so: Es gibt vier Felder, die eine gute Kindheit ausmachen: Liebe, Vorbilder, Herausforderungen, Anerkennung. Diese vier Felder bilden eine faszinierende Entwicklungsdynamik. Wenn sie sich in gesundem Verhältnis zueinander konstituieren, können wir davon ausgehen, dass eine psychische Robustheit entsteht.

Rechnen Sie also, um geliebt zu werden?

Mittring: Natürlich, dafür schäme ich mich auch nicht.

Können Sie Begeisterung nachvollziehen, die viele Menschen bei Fußballspielen empfinden?

Mittring: Warum nicht?

Für was begeistern Sie sich?

Mittring: Ich bin ein Naturfreak, mich begeistern Landschaften. Spitzbergen, oder die Antarktis.

Sie rasten völlig aus, wenn Sie eine schöne Landschaft sehen?

Mittring (lacht): Die Qualität der Begeisterung ist nicht unbedingt eine andere, wenn sie sich nicht in wildem Jubel manifestiert. Geistige Freude ist mitunter genau so tief empfunden.

Was vermissen Sie in Ihrem Leben?

Mittring: Vielleicht fehlt mir noch mehr Harmonie?

Warum?

Mittring: Manchmal gelingt es mir nicht, dem Adressaten alles, was ich ihm vermitteln möchte, genau so zu sagen, dass er exakt versteht, was ich meine.

Sie meinen, es gelingt Ihnen nicht immer, sich auf das Niveau anderer herunterzulassen?

Mittring (lacht): Das habe ich nicht gesagt, und Sie wissen, dass ich es auch nicht gemeint habe.



Mittring: Ja, genau. Das ist eine Herausforderung, an der ich ständig arbeite. Fast jeder noch so komplizierte Sachverhalt lässt sich so darstellen, dass er auch von Kindern begriffen wird.

Sie wären ein zufriedenerer Mensch, wenn es Ihnen gelänge, die Photosynthese in vier einfachen Bildern mit einzeiliger Bildunterschrift darzulegen?

Mittring: Ja, richtig.

Dass die Distanz zwischen Ihnen und Ihren Mitmenschen nicht zu groß wird, ist eines ihrer Lebensthemen, oder?

Mittring: Durchaus, ja. Es ist wie ein Grundrauschen, das immer im Hintergrund mitläuft.

Wenn Sie Vorträge halten wie etwa nächste Woche in Aachen, wie nimmt Sie Ihr Publikum wahr? Als Freak, der eben etwas kann, das sonst niemand kann? Als Tanzbär, den man begafft? Oder als Menschen, von dem man ernsthaft etwas lernen kann?

Mittring: Wenn ich Letzteres nicht erreiche, habe ich schlechte Arbeit geleistet. Es gibt natürlich immer Restrisiken, dass man doch als Freak oder Tanzbär gesehen wird, aber das versuche ich natürlich zu vermeiden.

Würde ich Sie jetzt fragen, ob Sie sich manchmal wünschen, ein Durchschnittstyp zu sein, hätte ich Sie falsch verstanden, oder?

Mittring: So ist es. Mir würden einfach viele Facetten der Wahrnehmung fehlen.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert