Region - Konsum, aber bewusst: Fastenzeit fürs Portemonnaie

Konsum, aber bewusst: Fastenzeit fürs Portemonnaie

Von: Von Andrea Zuleger
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Zwei Männer, die Menschen beim bewussteren Konsum helfen wollen, sind der Betriebswirt Apollo Mäling und der Unternehmensberater Markus Lücke. „Finanzfasten“ heißt ihr Konzept.
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Fasten einmal anders: Die Dozenten Apollo Mäling und Markus Lücke helfen beim Sparen.

Region. Niedrige Zinsen haben den Effekt, dass viele Menschen ihr Geld lieber ausgeben anstatt es zu auf die hohe Kante zu legen. 2013 haben die Deutschen so wenig gespart wie schon lange nicht mehr, hat das Statistische Bundesamt diese Woche herausgefunden. Doch wer gerne kauft, für den ist der Verzicht gar nicht so einfach.

Kaufen Sie gerne?

Lücke: Ja, durchaus, jeder von uns beiden auf seine Weise.

Das Kaufen hat manchmal die Funktion des Belohnens. Ist das in Ordnung?

Mäling: Nicht per se. Nämlich dann nicht, wenn die Belohnung zum Beispiel notwendig wird, weil die Befriedigung aus der vorherigen Leistung an sich nicht reicht, und das irgendwann zum Anhäufen unnützer Dinge führt.

Wie kamen Sie auf die Idee, das Kaufen einzuschränken?

Mäling: Die Idee zum Finanzfasten entstand beim Ausräumen einer geerbten Wohnung. Dort fanden sich etliche Hämmer, noch mehr Besen und noch mal mehr Rechen. Lauter Dinge, von denen jeweils ein Exemplar ausgereicht hätte und in denen eine Menge Geld steckte.

Konsumverzicht ist derzeit eine Art Gegenbewegung zum Wachstum. Manche Menschen üben Verzicht, indem sie nichts kaufen und sich teilweise sogar von den Resten der Wegwerfgesellschaft ernähren. Geht das für Sie zu weit?

Lücke: Wir verstehen sehr gut, dass Menschen die Verschwendung und das Wegwerfen in der Konsumgesellschaft schlimm finden. Finanzfasten ist aber kein simpler Konsumverzicht, sondern ein Weg zu bewusstem Konsum, der sicher auch Verschwendung reduziert. Und: Wirtschaftliche Tätigkeit und Konsum sind nichts Schlechtes. Ein Paar schöne Schuhe, gutes Essen, schicke Kleidung oder schöne Möbel sind Dinge, die das Leben angenehm machen können und die benötigt werden. Es gibt durchaus viele Produkte, die es wert sind, gekauft zu werden. Die Kunst ist, das für sich Sinnvolle zu entdecken.

Was tun Sie beim Finanzfasten?

Lücke: Es geht darum, eine Zeit lang auf allen Konsum zu verzichten, der nicht absolut notwendig ist. Für manche ist der Verzicht auf Benzin möglich, andere kommen ohne Benzin und Auto nicht zur Arbeit – die kaufen das dann weiter. Was absolut notwendig ist, wird vor der Finanzfastenphase geklärt.

Legen Sie Fastenzeiten ein und konsumieren in dem Rest der Zeit unbeschwert? Oder überlegen Sie immer sehr genau, was Sie kaufen?

Mäling: Finanzfasten führt zu überlegtem Konsum, es führt dazu, mit dem ersten Kaufimpuls umgehen zu können. Frust- und Spontankäufe nehmen ab, bewusste Auswahl nimmt zu. Das Portemonnaie geht einfach nicht mehr so schnell auf.

Welche Bedingungen müssen zutreffen, damit Sie das Kaufen als sinnvoll werten?

Lücke: Kaufen ist sinnvoll, wenn Sie etwas wirklich benötigen und sich für ein Produkt entscheiden, dass diesen Bedarf nachhaltig deckt. Das kann dann unter Umständen auch das teurere sein. Das macht dann auch lang Freude.

Wie war Ihr erstes Fasten? Welche Erfahrungen machten sie während dieser Zeit?

Mäling: Das ist schon eine Weile her – gute zehn Jahre. Es war schon sehr ungewohnt. Ich habe der Familie gesagt , was ich vorhabe und wozu. Ich habe mir auch erbeten, keine Geschenke zu bekommen. Es war nach einer Weile ein schönes Gefühl der Freiheit, an Läden – sozusagen im Schutze der Entscheidung zum Konsumverzicht – vorbeilaufen zu können. Und ich habe viele Dinge wiederentdeckt, die ich mir irgendwann kaufte und dann vergessen hatte wie das Fernglas oder die Videokamera. Der erste Kauf nach einem Jahr Finanzfasten war dann eine Jeans. Eine wunderbare Erfahrung.

Wie reagiert Ihr Umfeld auf Fasten? Partner, Freunde, Kinder?

Lücke: Kinder lassen sich wunderbar einbeziehen, wenn sie nicht gezwungen werden. Die nächsten Freunde haben eine Weile gebraucht, fanden es dann spannend. Mäling: Meine Kinder fanden das damals anfangs merkwürdig, später waren sie mit mir solidarisch und haben mich unterstützt.

Was sollen Teilnehmer lernen, wenn sie an den Kursen teilnehmen?

Lücke: Das eigene optimale Kaufverhalten zu finden und dadurch zu befriedigenderen Kaufentscheidungen zu kommen.

Was ändert sich, wenn man mal Finanzfasten gemacht hat?

Mäling: Es liegt weniger Unnützes herum, es bleibt Geld übrig, es kommen bessere Produkte ins Haus.

Unser Wirtschaft ist auf permanentes Wachstum ausgerichtet. Was passiert, wenn sich Konsumverzicht bei einer breiten Schicht durchsetzt und Menschen nur noch das kaufen, was sie wirklich brauchen?

Lücke: Das wäre eine große Chance auf weniger, aber dafür gute und nachhaltige, langlebige Produkte. Es wird für viele in der Zukunft darum gehen, mit weniger auszukommen, Finanzfasten ist eine Chance, damit aktiv umzugehen.

Was haben Sie für Rückmeldungen?

Lücke: Menschen berichteten von bewussterem Konsum und anderem Umgang mit Waren und zum Teil auch mit Menschen.

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