Konferenz zu Tihange und Doel: „Vielleicht geben wir Electrabel Recht“

Von: Madeleine Gullert
Letzte Aktualisierung:
13163194.jpg
Prominente Person des Tihange-Widerstandes: Materialwissenschaftlerin Ilse Tweer gestern bei einer Expertenkonferenz in Aachen. Foto: Harald Krömer

Aachen. Das Aachener Aktionsbündnis gegen Atomenergie wappnet sich weiter für den Kampf gegen den umstrittenen belgischen Atommeiler Tihange 2. Nur „Tihange abschalten“ rufen reicht schließlich nicht.

„Wir wollen die wissenschaftlichen Erkenntnisse vertiefen und diese als berechtigte Grundlage für den Protest auf der Straße nutzen“, sagte Jörg Schellenberg, Sprecher des Aktionsbündnisses, am Dienstag zum Auftakt einer zweitägigen Konferenz.

Das Aktionsbündnis hat Wissenschaftler dazu eingeladen, über die Meiler Tihange 2, Doel 3 und den Meiler Beznau 1 in der Schweiz zu diskutieren. Schon 2014 hatte es solch eine Konferenz in Aachen gegeben. Die Ergebnisse wurden später im EU-Parlament vorgestellt und waren auch mit dafür verantwortlich, dass die Sorge um die belgischen AKW stieg.

Wissenschaft, keine Politik

In allen drei Reaktoren befinden sich Risse – Experten sprechen oft auch von Wasserstoffflocken – im Stahl des Reaktordruckbehälters. Doch wie gefährlich diese Risse sind und auch die Frage nach ihren Ursachen, darüber herrscht bei Fachleuten Uneinigkeit. Der Betreiber Engie Electrabel und die belgische Atomaufsichtsbehörde FANC vertreten die These, dass die Risse bereits bei der Herstellung des Stahls entstanden sind – und nicht später. Das würde dafür sprechen, dass die Risse ungefährlich sind, weil keine Gefahr der Vermehrung bestehen würde.

Diskutiert wird, das betonen die Organisatoren und Teilnehmer, ergebnisoffen. Natürlich sei es möglich, dass am Ende der beiden Tage die Erkenntnis steht, dass die Risse ungefährlich sind. „Es kann sein, dass wir der FANC und dem Betreiber Electrabel Recht geben“, sagte Dieter Majer, früherer technischer Leiter der deutschen Atomaufsicht. Allerdings sind eher ausgewiesene Kritiker der Meiler in Aachen versammelt. Einige Forscher wollen allerdings auch gar nicht namentlich in Zusammenhang mit der Konferenz genannt werden.

Majer würde es trotz aller Offenheit wundern, wenn die Experten am Ende nicht zu der Einsicht gelängen, dass die Risse gefährlich sind. „Wir haben erhebliche Zweifel an der Electrabel-These, dass während des laufenden Betriebs kein Wasserstoff in den Meilern produziert wird“, sagte er. Wenn nun aber Wasserstoff produziert werde, steige auch die Gefahr für weitere Risse. „Die Diskussion soll aber ganz wissenschaftlich, nicht politisch verlaufen.“

Materialwissenschaftlerin Ilse Tweer, prominente Kritikerin der Meiler Tihange bei Lüttich und Doel bei Antwerpen, freut es vor allem, dass eine immer größere Gruppe unabhängiger Wissenschaftler die Dokumente der FANC diskutiere. Schon im Januar hatte Tweer eine Analyse, die die Grünen bei ihr in Auftrag gegeben hatten, im Europäischen Parlament vorgestellt.

Sie kam darin zu dem Ergebnis, dass ein weiterer Betrieb der Reaktoren unverantwortlich ist, da der Ursprung der Fehler im Material noch immer nicht geklärt sei. Selbst ob es sich tatsächlich um Wasserstoffeinschlüsse handelt, sieht Tweer nicht als gesichert an. Die einzige Möglichkeit, dies zu prüfen, würde die Zerstörung des Druckbehälters erfordern. Das Hauptproblem: Es gibt keine repräsentativen Materialproben.

Neue Dokumente hat sie seitdem nicht untersuchen können, aber die bestehenden Unterlagen der FANC habe sie noch tiefergehend analysiert. „Das, was wir wussten, hat sich bestätigt.“ Der Teufel stecke häufig im Detail. Und, so ein Experte, dass das Typische an der Kernenergie ist, dass die Risiken so kompliziert sind, dass die Allgemeinheit die Probleme häufig nicht mitbekommt und auch nur schwer versteht.

Im Dezember sollen die Ergebnisse der Konferenz veröffentlicht werden. Florian Kasser von Greenpeace hofft darauf, wissenschaftliche Ergebnisse der Konferenz bei juristischen Auseinandersetzungen nutzen zu können. Schellenberg und das Aktionsbündnis wollen vor allem die Aufmerksamkeit erhöhen.

Leserkommentare

Leserkommentare (1)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert