Kommt bald Neuwarenverbot auf Flohmärkten?

Von: Stefan Schaum
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Auf Neuware setzt Mario Schiffeler.
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Auch Horst und Helga Breuer verkaufen auf Flohmärkten neue Produkte. Foto: Stefan Schaum
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Neuware oder Nippes? Auf Trödelmärkten findet man derzeit noch beides. Schätzchen aus dem Keller hat Andreas Frauenrath im Angebot. Foto: Stefan Schaum
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Das Kleid ist vom Flohmarkt: Überhaupt kauft Irmgard Bachhuber so ziemlich alles dort.

Aachen. Als Horst und Helga Breuer vor sechs Jahren ihren Laden in Herzogenrath-Kohlscheid eröffneten, waren sie zuversichtlich, dass der Verkauf von Tierzubehör sie gut über die Runden bringen wird. Doch von Beginn an lief es schleppend. Und so standen die beiden mit ihren Beißringen, Hundeknochen und Halsbändern schon bald auf den Flohmärkten in der Region. Sonntags machen sie ordentlich Kasse, gut 50 Mal pro Jahr. Bis jetzt.

Denn Neuware, wie das Paar sie anbietet, soll nach Plänen von NRW-Wirtschaftsminister Garrelt Duin (SPD) von den Trödelmärkten verschwinden. „Das wäre eine echte Katastrophe“, sagt Helga Breuer.

Zwar ist noch nichts beschlossen, doch fürchtet sie, „dass diesmal echt was Hartes kommt. Das war immer wieder im Gespräch, aber jetzt machen die wohl Ernst.“ Egal was passiert – ob die Menge der Neuware pro Markt eingeschränkt wird oder die Zahl der Tage an denen sie verkauft werden darf – für die Breuers wäre jeder Einschnitt einer zu viel. „Wir können nur zwei Wochen im Jahr Urlaub machen und planen immer so, dass wir Totensonntag weg sind – denn dann ist ja kein Flohmarkt.“

Ansonsten müssen sie am Ball bleiben. Selbst im dicksten Schnee bieten sie ihre Hundekuchen an. Weil sie sonntags auf den Parkplätzen in der Region das haben, was es in ihrem Laden kaum gibt: Stammkunden. Jüngst stehen sie auf dem Obi-Parkplatz in Aachen-Brand und haben gut zu tun. „Die Leute wissen, wann wir wo sind und kommen gezielt zu uns. Die freuen sich, dass wir sie beraten und Tipps geben“, sagt Helga Breuer. Ganz wie im Geschäft, nur eben draußen. Ob sie nachvollziehen kann, dass das manchem Einzelhändler missfällt? „Vielleicht.“ Doch was will sie machen? Etwa ihre Existenz aufgeben? „Wir bestellen unsere Ware doch ganz normal wie für den Laden und wir zahlen für alles unsere Steuern – warum soll das jetzt nicht mehr gehen?“

Auch Mario Schiffeler wird langsam unruhig. Der gelernte Koch steht seit 20 Jahren nicht mehr in der Küche, sondern auf Flohmärkten. Er lebt von Leuchtmitteln. Bevor die Glühbirnen vom Markt verschwanden, hat er ordentlich gebunkert: „Ich hab‘ damals eine Million Stück bestellt!“ Die verkauft er heute noch, dazu LED-Leuchten und Nagelpflegeprodukte. Einer wie er sei ein Zugpferd. „Glauben Sie, dass immer noch so viele Leute auf Flohmärkte kämen, wenn sie keine günstige Neuware bekommen?“

Ob da was dran ist? „Kann gut sein“, sagt Edith Zodet. Die 60-Jährige baut schon seit 30 Jahren ihren Verkaufstisch auf Flohmärkten auf. Nicht regelmäßig, denn für sie ist es eher ein Hobby. „Mit dem, was ich hier verdiene, leiste ich mir mal einen Urlaub“, sagt sie.

Auf ihrem Tisch stehen nur gebrauchte Dinge: Porzellantassen, Püppchen, Ketten. Kram aus dem Keller. „Freunde und Bekannte geben mir immer mal was, das sie nicht brauchen“, sagt die Aachenerin. Die Händler mit Neuware stören sie nicht. „Die wollen auch leben – und wenn dadurch ein paar Käufer mehr zu mir kommen, soll es mir Recht sein.“

Andreas Frauenrath sieht das ganz anders. „Die mit dem Neukram machen hier die Stimmung kaputt!“ Er stellt sich zwar nicht oft auf Märkte, aber wenn, „dann immer in die Ecke mit den echten Trödlern“. Dort, wo die Leute sich noch Zeit nehmen zu schauen, zu plaudern, zu handeln, wie er sagt. Dieses Flair sei im Zuge von Zelten voller Handyzubehör, Waschmitteln und Werkzeug verschwunden.

Ob auch die Läden da­runter leiden? Irmgard Bachhuber aus Baesweiler weiß das nicht. Wie auch? Sie kauft ja schon seit Jahren nicht mehr in Geschäften. „Ich hole mir alles auf dem Flohmarkt!“ Damit ist sie wohl ein lebender Beweis dafür, dass solche Märkte durchaus eine Konkurrenz darstellen. Für sie ist es vor allem das: günstig. Sie hat nie gearbeitet, ihr Günter war Bergmann, die Rente ist schmal. Vom Grillwürstchen bis zur Batterie für ihr Hörgerät – „ich finde sonntags, was ich brauche“.

Sehr zum Ärger von Manfred Piana, Geschäftsführer des Einzelhandelsverbandes Aachen-Düren-Köln. „Trödelmärkte haben viel von ihrem Charme verloren. Und es gibt so viele, dass es wettbewerbsverzerrend ist. Ich kann doch nicht zum Ladenbesitzer sagen: Du musst sonntags schließen – und auf dem Flohmarkt nebenan wird alles verkauft.“

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