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Kommentiert: Ab unter den Teppich

Ein Kommentar von Stephan Mohne

Vorweg: Die ethischen Grundsätze des Journalismus dürfen nie geopfert werden, um ein öffentliches Interesse zu befriedigen. Und sei dies noch so groß. Deshalb: Das Foto von dem schwarzafrikanischen Mann im Aachener Klinikum wäre in unserer Zeitung in keinem Fall erschienen – egal, ob verpixelt oder nicht verpixelt.

Aber: Bei der Entscheidung, ob für einen kritischen Bericht hinreichend Belege vorliegen und mithin ob man ihn veröffentlichen kann und will oder nicht, kann ein solches Foto eine wichtige Rolle spielen. Am Ende bleibt es eine Abwägung und redaktionelle Entscheidung. Aber man muss die Möglichkeit haben, überhaupt abwägen zu können.

In diesem Sinne ist das „kleine“ Urteil gegen den Aachener ZDF-Redakteur von enormer Tragweite. Denn wenn Fotografen oder Kameraleute solche Bilder nur noch verpixelt an Redaktionen schicken dürfen, weil es sich dem Gesetz nach sonst bereits um eine strafbare Verbreitung beziehungsweise Veröffentlichung handelt, dann ist eine Prüfung der Authentizität nicht mehr möglich.

Denn es liegt in diesem Moment bereits eine Manipulation vor. Die Redaktion muss aber je nach Sachverhalt selber die Möglichkeit haben zu entscheiden, ob sie eine derartige Manipulation eines Bildes vornehmen will oder auch nicht und ob sie dieses Bild veröffentlichen will oder auch nicht. Andere Variante: Solche Bilder werden wegen der Strafandrohung gar nicht mehr gemacht und geliefert. Dann würden gerade bei aufwendig recherchierten, kritischen, aufdeckenden Geschichten wichtige Mosaiksteine der Belegbarkeit fehlen.

Ein aktuelles Beispiel aus der Praxis: Drogenrazzia in Aachen, mehrere Festnahmen. Fotografen sind vor Ort, senden die Fotos an die Redaktion. Hier wird geschaut, was zu verpixeln ist. Auf jeden Fall die Gesichter der Verhafteten, denn die sind erstmal nur Verdächtige. Auch da gilt der Persönlichkeitsschutz. Die unserer Redaktion vorliegenden nicht veröffentlichten, weil unverpixelten Originalbilder führten in diesem Fall jedoch noch zu einer anderen Recherche: Anhand der Bilder ließ sich feststellen, dass es sich bei den Verhafteten teils um aktive Mitglieder der rechtsextremen Szene handelt.

Mit manipulierten Bildern – nur solche hätte der Fotograf dem Urteil nach weitergeben dürfen – wäre dies nie möglich gewesen. Selbst fest angestellte Fotografen, die Teil der Redaktion sind, dürften ihren schreibenden Kollegen im Zweifelsfall nur derlei manipulierte Bilder vorlegen. Ein Unding.

Transparenz ade

Insofern ist es wichtig, dass es die Verfassungsbeschwerde geben wird. Wenn sich die Verfassungsrichter der Sache annehmen und letztlich das Urteil ihrer Kollegen der ersten Instanzen für verfassungskonform halten, werden Redaktionen, wird aber auch die Öffentlichkeit mit den Konsequenzen leben müssen. Manche Enthüllung skandalöser Vorgänge wird es dann nicht geben. Das wird die freuen, die etwas unter den Teppich zu kehren haben – wo es dann auch bleibt. Für eine freie, kritische Presse und auch für die Transparenz wäre das hingegen eine Katastrophe. Alles eine Frage des Blickwinkels

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