Kolumba in Köln: Ein Museum, das schwebt

Von: Martin Thull
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Kolumba
Typisch Kolumba: Moderne Kunstwerke sind im Museum des Erzbistums Köln ebenso zu sehen wie sakrale Kunst in anderen Ausstellungssälen. Foto: Kolumba
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Das Kolumba in Köln: Peter Zumthor vereint Modernes mit Altem auf geniale Art und Weise. Foto: Kolumba
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In Raum 15 wird der Blick frei auf den Kölner Dom und die Minoritenkirche. Foto: Kolumba

Köln. Das ist ein Museum der besonderen Art. Weil es bei jedem Besuch neue Überraschungen birgt. Wie eine Wundertüte. Das Kunstmuseum Kolumba des Erzbistums Köln in Sichtweite des Doms ist etwas Besonderes wegen seiner inzwischen vielfach ausgezeichneten Architektur von Peter Zumthor.

Auch deshalb, weil es keines der sonst üblichen Cafés beherbergt, stattdessen aber eine Marienkapelle. In vielerlei Hinsicht ist Kolumba ein Solitär. Nach Aussage des Architekten will das Museum „einladende Heiterkeit“ ausstrahlen. „Die wechselnden Proportionen der Räume, Licht und Schatten sowie die Haptik der Materialien schaffen einen eigenen Erlebnishorizont“, ist in dem kleinen Heft zu lesen, das jeder Besucher mit seiner Eintrittskarte erhält.

Diese 16 eng bedruckten Seiten im Postkartenformat bieten Orientierung. Denn das Museum selbst verzichtet auf jegliche Erläuterung zu einzelnen Exponaten, eine weitere Besonderheit. Gelegentlich hat man das Glück, dass eine der freundlichen „Wärterinnen“ einen Hinweis gibt oder einen Tipp. Ansonsten ist der Besucher sich selbst und seiner Fantasie überlassen. An anderer Stelle ist von einem „Ort des Nachdenkens“ die Rede. Wie wahr.

Um erst bei der Architektur zu bleiben: Peter Zumthor nimmt Einfluss auf den Besucher, indem er ihn zunächst drei schmale Treppen hinaufführt zu den Ausstellungsräumen. Erst sechs, dann zehn, schließlich 30 Stufen mit einer Unterbrechung. Das schafft Distanz zum Alltag, zum Trubel der Innenstadt mit ihren Einkaufspalästen. Der Besucher kann sich sammeln und auf die Überraschungen konzentrieren, die ihn erwarten. Denn dieses Treppenhaus ist calvinistisch karg, ohne jede Dekoration, nicht einmal die Wand hat eine Oberflächenstruktur. Die blanken Stufen und der geradezu elegante Handlauf schaffen Konzentration, jegliche Ablenkung verschwindet.

Domblick

Hohe Räume, die jede normale Dimension sprengen, bieten weite Flächen zur Präsentation der Museumsschätze. Sie haben wandhohe Fenster, die ohne jeden Abschluss im Boden zu versinken scheinen und den Besucher schwindeln lassen, wenn er zu nahe an diesen Ausdruck von Offenheit und Durchschaubarkeit tritt. Die Fenster geben Ausblick auf die umliegenden Dächer und den Dom.

Die Übergänge von den großen Sälen in die kleinen Kabinette wirken wie Ausrufezeichen, weil Aufmerksamkeit gefordert ist: Das Personal weist zusätzlich auf diese Stolperfallen hin. Eine Verbindung zwischen dem glatten Boden und der glatten Wand ist eine „Luftfuge“, der Untergrund scheint zu schweben. Es mag vermessen klingen – aber dieses Museum würde allein schon durch die Architektur Eindruck machen, selbst dann, wenn kein einziges Kunstwerk ausgestellt würde. Kein Wunder, dass der Bau, 2007 eingeweiht, mehrfach ausgezeichnet wurde.

Kolumba ist das Kunstmuseum des Erzbistums Köln. Wer aber annimmt, jetzt bewege er sich durch Räume voller liturgischer Geräte sowie Marien- und Heiligendarstellungen, der irrt sich. Das gibt es auch. Die Kuratoren wollen aber moderne Arbeiten aktueller Künstler zeigen und sie in ein Spannungsverhältnis zu den alten Kostbarkeiten der Museumssammlung setzen. Etwa wenn in Raum sieben drei Andachtsbildchen gezeigt werden und diagonal gegenüber eine Videoarbeit von Birgit Antoni mit dem Titel „Schmetterling“.

Oder in Raum 16, dem Nordkabinett, vor einer goldenen Wand ein Garderobenständer mit Hut und Mantel. Und gegenüber der Holzkern des mittelalterlichen Anno-Schreines. Einerseits hinterlassene Alltagsgegenstände, auf der anderen Seite der Ausdruck der Verehrung vorbildlicher Persönlichkeiten. In Raum neun kann der Besucher selbst die Form des Werkes von Mario Tsangaris bestimmen, indem er verschiedene Schalter einer Bedienung umlegt und so Bewegung und Geräusch provoziert. Seine Guckkastenbühne aus Sperrholz steht in Kontrast zu den ausgestellten kostbaren Handschriften.

In Raum 13 ist eine übermannsgroße Röhre installiert, die aus vier Dutzend Lautsprechern Texte von Novalis, einem deutschen Schriftsteller der Frühromantik und Philosophen, rezitiert. Und der Besucher hört dies jeweils anders, je weiter er sich in diese „Serpentiata“, eine „Raum-Ton-Komposition“ von Bernhard Leitner, begibt. Und im Durchblick entdeckt der Besucher ein Kruzifix mit einem Elfenbeinkorpus aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Das Kruzifix ist eines der ständig ausgestellten Exponate, während anderes jeweils Jahresausstellungen vorbehalten ist, die jährlich am 15. September beginnen.

Madonna

Zu den Schmuckstücken von Kolumba zählt sicher auch Stefan Lochners „Madonna mit dem Veilchen“ (siehe Bild erste Magazinseite oben rechts). Das Gemälde, bei dem Maria in ihrer linken Hand eine Veilchenblüte hält und betrachtet, während auf ihrem rechten Arm das Jesuskind sitzt. Es sieht aus, als würde es die winzige Blüte segnen. Unten rechts ist die Stifterin zu sehen, Elisabeth von Reichenstein. Dieser Raum 15 ist auch deshalb so bemerkenswert, weil von hier aus der Blick über die Dächer der Innenstadt über die Minoritenkirche zu den Domtürmen möglich ist.

Der Bau des Museums war nicht unumstritten, immerhin kostete er knapp 40 Millionen Euro. Die Entscheidung zum Bau fiel in einer Zeit, als andernorts Kindergärten geschlossen und katholische Krankenhäuser aufgegeben werden mussten. In einem eindringlichen Diskussionsprozess in den Gremien des Erzbistums wurde die Entscheidung, die letztlich der damalige Erzbischof, Kardinal Joachim Meisner, fällte, bekräftigt: 1995 sprach sich der Priesterrat fast einstimmig für einen Neubau aus. 1996 stimmte der Kirchensteuerrat dem Neubauprojekt zu.

Dreiklang

Nach Ausgang des Architekturwettbewerbs stimmten 1998 Diözesanpastoralrat und Diözesankirchensteuerrat für die Durchführung des Projektes – Peter Zumthor gewann den Architektenwettbewerb und erhielt den Bauauftrag. Der Neubau in der Innenstadt, für den seit Kriegsende Rückstellungen gebildet worden waren, ist seit dem 15. September 2007 geöffnet. Ein Dreiklang von Ort, Sammlung und Architektur. 2000 Jahre abendländischer Kultur sind in diesem Haus zu erleben. In der Kunst mit Werken der Spätantike bis zur Gegenwart. In der Architektur im Zusammenwirken der Kriegsruine der spätgotischen Kirche St. Kolumba, der Kapelle „Madonna in den Trümmern“ (1950) sowie der einzigartigen archäologischen Ausgrabung (1973-1976), die über einen Holzsteg erschlossen wird.

Zumthor hat nicht das komplette Grundstück bebaut, sondern den ehemaligen Kolumbakirchhof als Museumshof mit Blick auf die Nordwand der Ruine gestaltet. Die „Große Liegende“ des 1920 in Königsberg geborenen Schweizer Bildhauers Hans Josephsohn ist eines der wenigen permanent ausgestellten Werke der Sammlung. Ihre Anwesenheit in dem mit elf Bäumen bepflanzten Hof greift die verloren gegangene Tradition der Museumsgärten auf, die zum Verweilen, Ausruhen und Nachdenken einladen.

Noch eine Besonderheit: Im Gegensatz zu anderen Museen, ist Kolumba montags geöffnet, dem Ruhetag der Museen bundesweit. Ruhetag hier ist der Dienstag!

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