Kohlegegner: Bis hierher und nicht weiter!

Von: Ingo Kalauz
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Bei Immerath ließen Kohlegegner am Rande des Tagebaus hunderte schwarze Luftballons steigen. Fotoi: epd

Erkelenz. Der Weg führt entlang der Felder, die durch goldgelb leuchtende, fließende Streifen der Rapsblüten im Kontrast zu den sattgrünen Flächen, auf denen im August das Getreide geerntet wird, durchaus eine pittoreske Wirkung haben.

Aus dem schweren, hellbraunen Lößboden werden in wenigen Tagen die ersten grünen Sprossen der Zuckerrüben herausbrechen. Die Zielrichtung der Demonstranten weist vom Startpunkt Keyenberg aus nach Südosten – bis es nicht mehr weiter geht. Bis sich das riesige Loch in der Landschaft ausbreitet, so weit das Auge blicken kann. Jeder, der die aus der Entfernung spielzeuggroßen Schaufeln der mächtigen dumpfmetallenen Bagger am Rande der durch die verschiedenen Brauntöne ein vertikales Muster bildenden Erdschichten entlangkratzen sieht, empfindet dabei so etwas wie Mitleid, sieht eine Wunde, die der Natur gerissen wurde.

Nur: Was kann man angesichts des Ausmaßes der Verletzung, des massiven und ungeheuer gewaltsam anmutenden Eingriffs überhaupt tun? Dieser Protest ist eine Form der Hilfe, die die Demonstranten glauben leisten zu können. Und Größe schaffen lässt sich nur gemeinsam, zusammen mit ganz vielen.

Deshalb fassen sich die Menschen hier entlang des Tagebaus von Garzweiler II an die Hand. Sie stellen sich nebeneinander auf, und sie bilden eine Kette. „Bis hierhin und nicht weiter!“ – das ist die Botschaft, die sie trotzig den Baggern und dem Konzern RWE Power entgegenrufen. Ohne dabei zu sprechen. Auch Schweigen kann zuweilen sehr laut sein.

Sprechchöre eingeübt werden dagegen ganz am Ende der 7,5 Kilometer langen Kette, bei der sich, wie BUND-Geschäftsleiter Dirk Jansen später bei der Abschlusskundgebung in Immerath stolz verkünden wird, rund 6000 Demonstranten die Hand gegeben haben: „Klima schützen – Kohle stoppen“ oder „Wind, Wasser, Sonne – Kohle in die Tonne“ wird da skandiert. Chris Bethmann vom Netzwerk compact gibt mit dem Megaphon in der Hand den Rhythmus vor. Als die Kette sich um 14.12 Uhr schließt, werden hunderte schwarzer Luftballons in die Luft gelassen.

Energiepolitik ist immer ganz große Politik. Die Bundesregierung hat sich der Energiewende verpflichtet, auch um die Ziele des weltweiten Kyoto-Abkommens (das im November in Paris auf einem Weltklimagipfel neu verhandelt wird) zu erreichen: Bis 2050 soll in Deutschland 80 Prozent weniger Kohlendioxid ausgestoßen werden als 1990 – dieses Ziel hat sich die große Koalition in Berlin gesetzt. Da ist für Kohle kein Platz mehr, für die klimaschädliche Braunkohle erst recht nicht. „Die Kohle ist von gestern: Die Zukunft ist erneuerbar“, so formuliert es Greenpeace-Energieexpertin Susanne Neubronner.

Das Unternehmen RWE Power hat mit den daraus resultierenden Folgen, vor allem mit den alten Kraftwerken, die sich wie Perlen an einer Kette an die Tagebaue im Rheinischen Revier reihen, schwer zu kämpfen. Für das Unternehmen, an dem viele Kommunen im Revier beteiligt sind und von dem sie bisher prächtig profitiert haben, geht es jetzt ganz offenbar darum, den Ausstieg einigermaßen unbeschadet zu überstehen. Der Strukturwandel darf nicht von oben nach unten gehen, also auf dem Rücken der Steuerzahler ausgetragen werden – auch das ist eine zentrale Forderung des Veranstalterbündnisses.

Was in den kommenden Wochen hinter den Kulissen ver- und ausgehandelt wird, das bleibt denen, die heute hier, so formuliert es BUND-Mann Dirk Jansen, „für den Ausstieg aus der Verstromung von Braunkohle bis zum Jahr 2030 und für den Ausstieg aus der gesamten Kohleverstromung bis zum Jahr 2040“ demonstrieren, verschlossen. Der Erkelenzer Bürgermeister Peter Jansen sagt quasi im Vorbeigehen: „Wenn der Gabriel mit seinen Auflagen durchkommt, wonach es aussieht, ist RWE pleite“. Und dann? Da zieht der Bürgermeister die Schultern hoch und die Mundwinkel herunter: Keine Ahnung, soll das heißen.

Aber das ist ein anderes Thema, das ist so aktuell, das es die Demonstranten an diesem Tag noch nicht beschäftigt, sie haben konkrete Forderungen auf den Fahnen stehen. Zum Beispiel: „Garzweiler II muss an der Autobahn 61 stoppen“, sagt Dirk Jansen. Das würde bedeuten, dass die rund 1600 Menschen in den Ortschaften Keyenberg, Ober- und Unterwestrich, Kuckum und Berverath in ihrem Zuhause bleiben könnten.

Für dieses Zuhause zwischen Borschemich (neu) und Rath-Anhoven hat die Stadt Erkelenz seit Jahren allerdings schon geplant: Das 56,7 Hektar große Areal ist bereits für den Umzug fest geplant. „Aber“, sagt Bürgermeister Jansen, „wir gehen für RWE nicht mehr in Vorleistung“. Den Konzern drücken 31 Milliarden Euro Schulden. Was also, wenn RWE Power den Tagebau noch weiter verkleinert und an der A 61 Schluss macht?

Das Unternehmen hat von der NRW-Landesregierung die Genehmigung zum Abbau in dem geplanten Umfang – eine Verpflichtung zur Ausbeutung des Gebietes im genehmigten Umfang ist es mit dem Vertrag nicht eingegangen. „Sollte der Tagebau tatsächlich an der A 61 gestoppt werden können, dann wäre die Sache in Ordnung. Wird aber die Autobahn durchschnitten und der Tagebau rückt nahe an Keyenberg ran, möglicherweise haben die ersten Umsiedlungen schon begonnen, und er würde erst dann gestoppt werden – dann wäre das für uns die denkbar schlechteste Variante“, sagt Hans Josef Dederichs.

Er ist dabei, seit sich im Erkelenzer Land Mitte der 1980er Jahren die ersten Proteste gegen den Tagebau Garzweiler II formierten; Dederichs wohnt in Kuckum, ist also selbst von der Umsiedlung betroffen. An diesem Tag steht er auf der anderen Seite: Dederichs ist Polizeibeamter, heute ist er zum Dienst eingeteilt. Die einen, sagt er, hätten sich schon mit der Umsiedlung abgefunden, mit dem Blick auf etwas Neues arrangiert; die anderen hoffen noch immer, bleiben zu können.

„Ja zur Heimat – Stop Rheinbraun“ – das Schild steht direkt hinter dem Ortsschild „Immerath“. Dort treffen sich die Teilnehmer der Menschenkette gegen 15 Uhr, um an der Abschlusskundgebung des Trägerbündnisses von Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), BUNDjugend, Campact, Greenpeace, Klima-Allianz Deutschland, Naturschutzbund Deutschland (Nabu) sowie der Bürgerinitiative „Stop Rheinbraun“ teilzunehmen.

Im Ort werden zurzeit die Fenster aller Häuser im Ort von Firmen, die im Auftrag von RWE-Power arbeiten, mit Spanplatten dicht gemacht. Schutz vor Plünderung. „Die holen alles aus den Häusern raus, was nicht niet- und nagelfest ist“, sagt einer, der nicht mit Namen genannt werden will. Der 125 Jahre alte Backsteinbau mit den beiden neuromanischen Kirchtürmen, den sie im Volksmund wegen seiner wuchtigen Gemäuer den „Dom von Immerath“ nannten, ist längst entwidmet und für die Abrissbirne leer geräumt.

Es ist schwer, an einem eigentlich leeren Ort ein Gefühl für eine Menschenmenge zu bekommen. An diesem eher verregneten Aprilsamstag haben sich so viele Menschen in Immerath versammelt, wie schon seit sehr vielen Jahren nicht mehr: Rund 3000 Frauen, Männer, Jugendliche und Kinder dürften es sein. „Die Menschen brauchen Klarheit“, sagt der Erkelenzer Bürgermeister Bernd Jansen. „Aber seit zwei Jahren ist nur eins sicher: die Unsicherheit“.

Er hat sich zur Abschlussveranstaltung in Immerath bei den Demonstranten eingereiht, auch um seine Zustimmung zu deren Forderungen zu demonstrieren. Jansen wirkt an diesem Tag entspannt. Und er dankt den Demonstranten, „die aus vielen Teilen Deutschlands und dem Ausland hierher gekommen sind, um uns und unser Anliegen zu unterstützen“, sagt er von Bühne herab. Und er fügt hinzu: „Wir brauchen diese Unterstützung“. Dann übernimmt da oben Purple Schulz das Kommando und die, wie Dirk Jansen stolz verkündet, „längsten Menschenkette, die das Rheinische Revier je gesehen hat“, nimmt endgültig Volksfestcharakter an.

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