„Körperwelten“-Ausstellung in Würselen: Wissenschaft, aber auch Kunst

Von: Rolf Hohl
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Rurik von Hagens im Atrium des „Plastinariums“ in Guben. Dort, wo die Plastinate hergestellt werden, gibt es auch eine große Dauerausstellung mit menschlichen und tierischen Präparaten. Foto: Rolf Hohl
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Umstritten: Plastinator Gunther von Hagens ruft mit seine „Körperwelten“ immer wieder Kritiker auf den Plan. Foto: dpa
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In einer ehemaligen Tuchfabrik im brandenburgischen Guben hat Gunther von Hagens 2006 das „Plastinarium“ eröffnet. Hier werden sämtliche Plastinate für die „Köperwelten“ und für wissenschaftliche Zwecke hergestellt. Einige der Arbeitsschritte und auch eine große Dauerausstellung sind hier im öffentlichen Teil zu sehen. Foto: Rolf Hohl
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Direkt nach der Anlieferung eines Körpers wird der Verwesungsprozess gestoppt, indem über die Arterien Formalin in den Körper injiziert wird. Anschließend werden das Fett- und Bindegewebe sowie die Haut entfernt und so bestimmte anatomische Strukturen freigelegt. Foto: Rolf Hohl
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In einem ersten Austauschprozess wird der Körper acht Wochen lang in einem Bad aus Aceton gekühlt aufbewahrt. Dabei wird sämtliches Körperwasser und Fettgewebe aufgelöst. Foto: Rolf Hohl
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Es folgt der zweite Austauschprozess, die sogenannte forcierte Imprägnierung. Dabei dringt flüssiger Kunststoff mit Hilfe eines Vakuums in die Körperzellen ein und konserviert das Plastinat dauerhaft. Bei besonders tief liegenden Partien wird, wie auf dem Bild zu sehen, zusätzlich Kunststoff eingespritzt. Foto: Rolf Hohl
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Im Anschluss werden die Körper dann in ihre endgültige Position gebracht und einzelne anatomische Strukturen fixiert, bevor der Kunststoff mittels Licht oder Wärme gehärtet wird. Foto: Rolf Hohl
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Besonders bei Ausstellungspräparaten werden noch einzelne Partien wie Muskeln oder Adern farblich leicht hervorgehoben. Eine weitere Art der Konservierung ist die Scheiben-Plastination. Dabei wird der Körper tiefgefroren und in wenige Millimeter dicke Scheiben geschnitten und mit einem harten Kunststoff beschichtet. Foto: Rolf Hohl
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Wie hier zu sehen, werden im „Plastinarium“ auch Echtknochenskelette hergestellt. Diese werden dann mit Draht etwa zu sogenannten Explosionsschädeln zusammengefügt, bei denen die einzelnen Knochensegmente deutlich werden. Foto: Rolf Hohl

Würselen/Guben. Es bedeutet das Ende eines Lebens, wenn sich weit im Osten Brandenburgs im Hinterhof einer alten Fabrikanlage der rostige Schlagbaum hebt und ein kleiner Bus in die Einfahrt einbiegt. Und es bedeutet den Anfang einer langen Prozedur.

Hier werden Körperspenden angeliefert, aus denen dann im Laufe eines Jahres plastinierte Objekte werden sollen. Es gibt Leute, die sagen, es sei eine Kunst, was hier geschieht. Für andere wiederum ist es Forschung. Für Gegner ist es schlicht eine Schändung von Toten. Die Einstellung der Menschen zur Plastination von Körpern ist so unterschiedlich wie die Einstellung zum Tod selbst. Zeit also, sich diese Arbeit einmal genauer anzusehen.

Es ist wahrlich kein prominenter Ort, an dem Gunther von Hagens vor zehn Jahren sein Plastinarium eröffnete. Die Stadt an der Grenze zu Polen wird von der Neiße in das deutsche Guben und das polnische Gubin zerschnitten. Ein passender Ort für den Mann, der in seinem Wissensdurst so ziemlich alles einmal halbiert hat, was ihm zwischen die Finger kam: Vom Schützenpanzer über Tintenstrahldrucker bis hin zum toten Elefanten. Und eben auch menschliche Leichen. Das hat ihn schließlich berühmt gemacht.

1993 gründete von Hagens an der Universität Heidelberg das Institut für Plastination, wo er sich zuvor bereits über Jahre hinweg mit der Imprägnierung anatomischer Präparate befasst hatte. Das von ihm entwickelte Konservierungsverfahren brachte schließlich den Durchbruch und schuf letztlich die Grundlage seines Schaffens bis heute.

Als drei Jahre später dann die erste „Körperwelten“-Ausstellung mit plastinierten Leichen gezeigt wurde, war die öffentliche Aufregung groß. Bis heute stoßen sich viele an der Vorstellung, echte menschliche Körper auszustellen. Auf der anderen Seite steht aber die Faszination, die an die 40 Millionen Besucher in die Dauer- und Wanderausstellungen gelockt hat. Ab dem 13. Juli wird sie in Würselen gezeigt.

Paar beim Liebesakt

Es gibt kaum Vorwürfe, die Gunther von Hagens Sohn Rurik noch nicht gehört hat, wenn es um die „Körperwelten“ geht. „Die Posen, in denen wir die Plastinate präsentieren, sehen manche Wissenschaftler kritisch. Aber Laien haben nun einmal einen anderen Zugang zur Anatomie als das Fachpublikum“, sagt er.

Wegen seiner fortschreitenden Parkinson-Erkrankung hat sein Vater Gunther die kaufmännische Leitung 2011 ihm, seinem einzigen Sohn, überlassen. Zuletzt sorgte ein Ausstellungsobjekt für Furore, bei dem ein schwebendes Paar beim Liebesakt gezeigt wurde. Flugs wurden von den Städten Eilanträge gestellt, dieses zu verbieten. Schließlich durfte das Plastinat nur noch in einem abgegrenzten Raum für Besucher ab 16 Jahren gezeigt werden.

Tatsächlich aber bekommt den allergrößten Teil der Körperteile und Organe, die in der ehemaligen Tuchfabrik an der Neiße plastiniert werden, nur ein kleines Fachpublikum zu sehen. „Etwa 90 Prozent der Präparate gehen danach an Universitäten und Forschungsinstitute in der ganzen Welt“, erklärt Rurik von Hagens. „Bis heute verkaufen wir nur an sogenannte qualifizierte Nutzer. Man kann sich so ein Plastinat also nicht ins Wohnzimmer stellen.“ Immer wieder sitzen in Guben auch Studenten, die in der Lernwerkstatt die Präparation menschlicher Körper lernen, weil viele Universitäten kein eigenes anatomisches Institut unterhalten.

Es gleicht einer kleinen Produktionsstraße, was in den einstigen Fabrikhallen geschieht. Überall sitzen die Spezialisten des Plastinariums in weißen Kitteln und sortieren Schädelknochen oder richten sorgfältig die Finger an einer Hand aus. Nachdem die Exponate gereinigt wurden und, je nach Kundenwunsch, entsprechende Organe oder Partien eines Körpers freigelegt sind, geht es zur Positionierung.

In filigraner Kleinstarbeit werden mit Nadeln selbst feinste Adern so fixiert, wie sie später dauerhaft halten sollen. „Das ist gleichzeitig eine Wissenschaft, aber auch eine Kunst“, sagt von Hagens. Dabei sei die Pose der einzige Unterschied zwischen den wissenschaftlichen Plastinaten und den Exemplaren für die „Körperwelten“-Ausstellungen, das Verfahren aber bleibe dasselbe.

Aus einem Katalog von rund 60 verschiedenen Variationen bestellen Universitäten aus allen Teilen der Erde ihre Präparate. Danach ist es vor allem eine Geduldsfrage: Je nach Größe und Komplexität des Plastinats dauert die Herstellung vom Azeton-Bad bis zur Endkontrolle etwa 1500 Arbeitsstunden, also ungefähr ein Jahr.

Gerade beim Gang durch die letzten Arbeitsschritte gerät leicht in Vergessenheit, dass es sich bei den mit Kunststofflösung fixierten Präparaten tatsächlich um menschliches Gewebe handelt. Besonders in religiösen Gemeinschaften keimt deshalb immer wieder Kritik an der Plastination menschlicher Körper auf. Lange waren deshalb „Körperwelten“-Ausstellungen etwa in muslimischen Ländern nicht denkbar, und auch heute noch wird die Präsentation von Leichen und einzelnen Teilen kritisiert.

„Hier sollte nur im Bereich dringlicher Notwendigkeit an menschlichen Körpern geforscht werden. Es gibt aber kein unbedingtes Verbot, solange ein erheblicher Nutzen für die Menschheit ableitbar ist“, sagt etwa Houaida Taraji, Beauftragte für Familie und Gesundheit beim Zentralrat der Muslime in Deutschland.

Es geht in der Diskussion um grundsätzliche Fragen wie den Umgang mit Toten und die Trennlinie zwischen den wirtschaftlichen Interessen einer Ausstellung und der Wissenschaft. In Brandenburg ist es zum Beispiel verboten, dass Schüler von Hagens‘ Ausstellungen besuchen. Doch die öffentlichen Proteste sind leiser geworden. Auch in Würselen, wo die Wanderausstellung ab Mittwoch haltmachen wird, blieb der Aufschrei aus – was aber längst nicht heißt, dass sich alle dafür erwärmen können.

„Durch die bloße Zurschaustellung von Leichnamen oder Leichenteilen, die nach Belieben modelliert werden, wird der Verstorbene zum Objekt wirtschaftlicher Aktivitäten. Der kollektive Nutzen ist für uns nicht erkennbar“, sagt Stefan Wieland, Sprecher der Bistums Aachen. Jedoch bleibe es natürlich die freie Entscheidung eines jeden, ob jemand seinen Körper nach dem Tod der Wissenschaft zur Verfügung stellen wolle. Die Gründe für die Ausstellung, wie das Informationsbedürfnis, seien nach Ansicht des Bistums aber zu schwach, um das Gebot der Totenruhe aufzuheben.

Auch Rabbiner Mordechai Bohrer von der Jüdischen Gemeinde in Aachen sieht enge Grenzen im Umgang mit menschlichen Leichen. „Wenn es um die Wissenschaft geht, um anderen zu helfen, dann ist das aus unserer Sicht erlaubt“, sagt er. „Für eine Ausstellung könnte man aber auch künstliche Materialien verwenden.“ Die Anatomie lerne man in der Grundschule ja auch nicht mit richtigen Organen.

Es bleibt letztlich eine persönliche Entscheidung, ob die Plastination mit den eigenen Vorstellungen der Menschenwürde vereinbar ist, und ob die Ausstellung dafür den richtigen Rahmen bietet. Über 16 000 Menschen antworten offenbar mit Ja. Sie werden die „lebenden Toten“ genannt und haben sich bereiterklärt, ihre Körper nach dem Tod zu spenden, um unter den Händen der Präparatoren selbst zu Plastinaten zu werden.

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