„Körperwelten“: Anatomisches Kabinett der anderen Art

Von: Angela Delonge
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Ein Körper, zwei Präparate: Beim „Staffelläufer“ wurden zwei verschiedene Plastinate entwickelt – das Skelett und die Muskelmasse, die ihre Festigkeit durch Kunststoff erhält. Foto: Dagmar Meyer-Roeger
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Ihre Herzenssache: Angelina Whalley, Kuratorin der Körperwelten und Direktorin des Instituts für Plastination. Foto: Dagmar Meyer-Roeger

Würselen. Am Anfang ist Herzschlag zu hören, und dann, kaum ins Dunkle der Ausstellung eingetaucht, sieht sich der Besucher unvermittelt dem knallroten Plastinat eines Herzens in Hochglanzoptik gegenüber. Da geht es schon los mit der Fragerei: Ist das echt, ein echtes menschliches Herz?

„Ja“, sagt Ausstellungsmacherin Angelina Whalley, die Ehefrau von Gunther von Hagens, „es ist eigentlich ein krankes Herz, deshalb ist es größer.“ Und nicht nur das: Es ist vollgepumpt mit Kunststoff, alle Gefäße sind haargenau zu sehen, der rote Kunstharzüberzug macht es zu einem Hingucker, einer echten Schönheit.

Und schon ist der Besucher mittendrin im Thema: der Mensch, sein Körper und das, was durch die Kunst der von Hagens‘schen Plastination damit angestellt und dann ausgestellt wird. All dies ruft seit Jahren Fans und Kritiker gleichermaßen auf den Plan. Wer aber schon immer mal wissen wollte, was es auf sich hat mit den von Hagens‘schen Körperwelten, kann sich jetzt ein eigenes Bild davon machen. Die Wanderausstellung „Körperwelten – Eine Herzenssache“, die seit fünf Jahren durch die Welt tourt, gastiert den ganzen Sommer über im Aachener Event Center hinter dem TÜV in Würselen.

Am Mittwoch war Eröffnung, und da die „Körperwelten“ zum ersten Mal in der Region zu sehen sind, warteten Punkt zehn Uhr schon viele Besucher auf Einlass: Eltern mit Kindern, junge Leute vom Fach – Physiotherapeuten und Krankenpfleger –, aber auch der 30-köpfige Leistungskurs „Gesundheit“ eines Gymnasiums aus dem rheinland-pfälzischen Prümm waren angereist, um die aufsehenerregenden Körper- und Organplastinate aus der Werkstatt des Gunther von Hagens anzuschauen.

Thematischer Schwerpunkt ist das menschliche Herz mit seinem weit verzweigten Gefäßsystem, das beständig Blut durch unseren Körper pumpt, soviel Kraft und soviel Schwäche. Das Hochleistungsorgan des Körpers ist ein empfindliches Wesen, anfällig für Funktionsstörungen und Verschleiß. Auch das will die Ausstellung: zeigen, wie schon kleinste Veränderungen im täglichen Leben große Auswirkungen auf den Gesamtzustand des Körpers haben.

Dazu gibt es viele didaktische Mitmachstationen: ein kleines, selbst zu bedienendes Modell zum richtigen Heben, eine Animation zum richtigen Sitzen und Arbeiten des Homo computerensis, ein Plastikrumpf für die richtige Herzdruckmassage – das A und O der Ersten Hilfe.

Das rote Herz vom Eingang stimmt den Besucher jedenfalls gut darauf ein, was ihn in den Ausstellungsräumen erwartet: ein anatomisches Kabinett der besonderen Art. Nicht zum Gruseln, sondern zum Staunen – mit ein bisschen Show, viel Wissenschaft und ganz viel Wissenswertem. „Wir wollen die Aufmerksamkeit des Besuchers langsam steigern“, sagt Angelina Whalley, die als Medizinerin selbstverständlich jedes Detail des menschlichen Körpers wie aus der Pistole geschossen benennen kann und die „Körperwelten“ vor allem als „Selbstentdeckungsreise“ verstanden wissen will. „Der Blick auf sich selbst macht diese Ausstellung so wertvoll“, sagt sie.

So wartet hinter jeder Trennwand eine neue Überraschung. Plastinate und Querschnitte der inneren Organe wie Herz, Lunge, Niere in gesundem und krankhaft verändertem Zustand, das gesamte Nervensystem des Menschen als lebensgroße Präparation hinter Glas, Gebärmutter und Harnblase in einem Querschnitt des weiblichen Unterbauchs, die Prostata – in normaler und krankhafter Größe. Ach, so sieht das aus, denkt sich der Besucher, und versteht auf einmal so manche Beschwerden.

In der Abteilung „Leben beginnt“ sind präparierte Föten zu sehen – von der fünften bis zur neunten Woche, in der die winzigen Hände und Füße und der Kopf schon voll ausgeprägt sind, bis zum fertigen Säugling in der 36. Schwangerschaftswoche. Ob das etwa auch Körperspenden sind, fragt sich da der Besucher? Angelina Whalley verneint. Die meisten Exponate seien Geschenke anatomischer Institute, die ihre Präparatensammlung aus finanziellen Gründen nicht mehr aufrechterhalten können. In der Plastination werden sie dann aufgearbeitet. Abartig findet das niemand.

Im Gegenteil: Die Besucher sind fasziniert, beugen sich intensiv über jedes noch so kleine Detail. „Total authentisch“, sagen zwei Frauen aus Krefeld, die eine Ausbildung zur Krankenpflegerin machen. Angelina Whalley sagt: „Bei allem, was wir tun, stehen die anatomische Idee und die Ästhetik im Vordergrund.“

Am eindrucksvollsten zeigen dies natürlich die Ganzkörperplastinate, die hier dem Thema Bewegung und Sport gewidmet sind: der Staffelläufer, der Hürdenläufer, der Badmintonspieler, die Seiltänzerin. Sie stammen sämtlich von anonymen Körperspendern und haben Augenbrauen und Wimpern, Muskeln, Knochen, Sehnen und Nerven – alles ist zu sehen, teilweise in mehreren Schichten, die kunstvoll aufgeklappt sind. Das wirkt ganz anders als auf Bildern, viel Expression, auch überflüssiger Schnickschnack, wie die Sonnenbrille auf der Nase des Radfahrers.

Am Anfang der Plastination sei da eigentlich gar kein Gestaltungswille, sagt Whalley. „Die Expression ergibt sich einfach aus der menschlichen Form. Es ist das, was unsere Plastinate ausmacht – über die wissenschaftliche Aussage hinaus.“

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