Kölsche Jecken: Hinten schneller als vorne

Von: Jens Meifert
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Jede Menge Stau-Potenzial und vermutlich kein ausschließliches Kölner Phänomen: Für den mehr als sieben Kilometer langen Rosenmontagszug in der Domstadt brauchen die letzten Wagen in der Regel eine Stunde weniger als die ersten. Foto: imago/Horst Galuschka
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Der Gruppendynamik auf der Spur: Prof. Michael Schreckenberg, Stauforscher von der Uni Duisburg.

Köln. Professor Michael Schreckenberg wird dieses Jahr im Kölner Rosenmontagszug ganz vorne mitfahren. Er macht das nicht zum Spaß, er ist im Dienst der Wissenschaft unterwegs. Der bundesweit bekannte Verkehrswissenschaftler wird dieses Jahr bei Zugleiter Christoph Kuckelkorn auf dem Wagen mitfahren – und sechs Stunden lang das Stauverhalten im Rosenmontagszug untersuchen.

 Parallel sollen zehn GPS-Geräte im Zug die Bewegungsabläufe der Jecken festhalten. Nach Aschermittwoch wird der Stauforscher die Werte analysieren.

Der Kontakt zum Festkomitee besteht schon länger. Nun hat der 56-jährige Wissenschaftler der Uni Duisburg-Essen den Auftrag bekommen, den Rhythmus des Zuges unter die Lupe zu nehmen. Zu erörtern gibt es ein seit Jahren zu beobachtendes Phänomen: Während die ersten der rund 200 Wagen und Fahrzeuge nach dreieinhalb Stunden ins Ziel kommen, brauchen die letzten eine Stunde (!) weniger. Der „Zoch“ trödelt vorne und ist hinten zu schnell.

Alle wollen ins Fernsehen

Schreckenberg hat die Daten der letzten fünf Jahre unter die Lupe genommen, das Ergebnis ist immer das gleiche: Der Prinz am Ende bewältigt die Strecke rund 60 Minuten schneller als die ersten Wagen des Zuges. Was für eine Verschwendung von Freude.

Die Richtgeschwindigkeit des Rosenmontagszugs liegt bei 2,3 Kilometern pro Stunde. Wenn sich aber mehr als 12 000 Menschen raderdoll auf den Weg machen, ist alle Theorie schnell grau. In der Praxis tut sich das erste große Loch schon nach wenigen Metern auf: vor dem Severinskirchplatz, wo die WDR-Kameras stehen. „Da winkt dann jeder, und die erste große Lücke ist da“, sagt Schreckenberg.

Das Theoriemodell des Verkehrsforschers: Im ersten Abschnitt des Zuges werden jede Menge Löcher gerissen, im zweiten Teil sind die Teilnehmer damit beschäftigt, diese wieder zu schließen. „Der Zug verläuft nicht gleichmäßig, sondern wie eine Ziehharmonika.“ Am Ende wird das Tempo immer höher.

Das wiederum ist einzigartig in der Stauforschung. Üblicherweise sorgt der „Trödelfaktor“ für eine Verstopfung der Straßen: Einer ist zu langsam, und alle anderen müssen bremsen, bis die ersten stehen bleiben. Im Rosenmontagszug gibt es das umgekehrte Phänomen: Eine Lücke wird gerissen und alle springen hinterher. Die Letzten müssen rennen. „Das habe ich noch nirgendwo anders erlebt“, sagt Schreckenberg, der sich auch ausgiebig mit dem Schwarmverhalten von Ameisen beschäftigt hat („Die kennen keine Staus“). Bei den Jecken sei „erstaunlich, dass der Zug überhaupt zusammenbleibt“. Vorläufiger Erklärungsansatz: von Euphorie getränkte Gruppendynamik.

In diesem Jahr wird der „Zoch“ in jedem Fall etwas länger brauchen: Mit dem neuen Weg über die Ringe wird die Strecke 500 Meter länger, insgesamt misst sie mehr als sieben Kilometer. Zugleiter Christoph Kuckelkorn hat großes Interesse an der Untersuchung. Schließlich ist der Fluss des Zuges ein stetiges Thema in der Nachbetrachtung. Zum Glück ist er dabei auf einen waschechten Rheinländer gestoßen: Der Inhaber des Lehrstuhls „Physik von Transport und Verkehr“ stammt aus Düsseldorf, hat Wurzeln in Köln und an der hiesigen Universität studiert. Außerdem war er elf Jahre Mitglied der KG Müllemer Junge und ist heute Mitglied des Schützenvereins Düsseldorf-Angermund.

Mehr als 200 Untersuchungen zu Stau und Verkehr hat Schreckenberg bereits erstellt. Am Rosenmontag wird er als Teil der Bewegung den Zug und nach Ankunft an der Mohrenstraße den weiteren Verlauf beobachten. Auf der Datenbasis will er Bewegungsmodelle erstellen ähnlich dem Verkehrsfluss auf den Autobahnen in NRW. „Wenn wir die GPS-Daten haben, wird das recht schnell gehen.“ Mit den Ergebnissen soll genau abzulesen sein, wo der Zug hakt und wo die Jecken flott unterwegs sind. Die Erforschung des jecken Treibens soll der Fachwelt später zur Verfügung stehen.

„Eine Extremsituation“

Schon an diesem Samstag kommt Schreckenberg zur Lagebesprechung nach Köln. Beim Treffen mit dem Zugleiter wird der Physiker auch gleich eingekleidet für den Feldversuch im Zoch. Bleibt die Frage, ob er im Rausch der Ereignisse den klaren Blick für die Forschung wird bewahren können. „Es wird schon eine Extremsituation“, sagt er, „aber ich werde mir Mühe geben.“

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