Kölner U-Bahn-Bau: Neuer Verdacht auf falsche Protokolle

Von: dpa
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Kölner U-Bahnbau
Die Mängel beim Bau der Kölner U-Bahn sind noch weit schwerwiegender als bisher bekannt. Die Stadt Köln teilte am Donnerstagabend mit, dass in der innerstädtischen Baugrube Heumarkt zum Teil nur 17 Prozent der vorgesehenen Stahlbügel eingebaut wurden. Foto: dpa

Köln. Beim Pfusch am Bau der Kölner U-Bahn muss die Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen offenbar ausweiten. Walter Reinarz, Vorstand der Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) erklärte bei einer Sondersitzung des Hauptausschusses im Kölner Stadtrat am Donnerstag, dass es an zwei weiteren Stellen Auffälligkeiten bei Protokollen für U-Bahnbaustellen gegeben habe.

Dies stelle eine „neue Qualität einer möglichen Messmanipulation” dar. Die Staatsanwaltschaft sei über diese neuen Erkenntnisse informiert worden, betonte Reinarz. Bisher war von drei Baugruben die Rede, bei denen Protokolle gefälscht worden sein sollen.

Der unter Druck geratene Baukonzern Bilfinger Berger hatte zuvor eine „gründliche und schonungslose Ursachenforschung” in dem Fall zugesagt. Bilfinger-Vorstandschef Herbert Bodner räumte in Mannheim erstmals ein, der bisherige Umgang mit den Vorwürfen um falsche Bau-Protokolle sei „völlig inakzeptabel”. Für zahlreiche unterirdische Schlitzwände - sie dienen der Stabilität in einer Baugrube - sollen falsche oder manipulierte Vermessungsprotokolle angefertigt worden sein. Stabilisierende Eisenbügel fehlen mindestens in einer Baustelle in teilweise drastischen Ausmaßen. Die KVB prüfen noch, ob sie den Vertrag mit dem Baukonsortium um Bilfinger kündigen.

Kölns Oberbürgermeister Jürgen Roters (SPD) erklärte im Hauptausschuss der Stadt: „Ich will, dass dieses wichtige Bauwerk absolut sicher, hochkonzentriert und ordentlich zu Ende gebaut wird.” Die Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) intensivierten ihre Sicherungsmaßnahmen an einer gefährdeten Baugrube.

Roters widersprach Darstellungen, seit dem Einsturz des Stadtarchivs direkt an einer der U-Bahn-Baustellen sei nichts geschehen. Das Unglück vom 3. März 2009 habe sogar eine „Zeitenwende” eingeläutet, sagte er. Die Stadt als Auftraggeberin des Bauvorhabens, KVB, Staatsanwaltschaft und viele Experten hätten alles getan, um die Ursache des Unglücks aufzuklären, illegale Machenschaften aufzuspüren und die Sicherheit zu erhöhen.

Die erst jetzt aufgedeckten Mängel an unterirdischen Wänden stammen Roters zufolge nicht aus jüngster Vergangenheit. Der Pfusch liege vier bis fünf Jahre zurück: „Da holen uns heute Punkt für Punkt die Fehler, Versäumnisse und kriminellen Machenschaften der Vergangenheit ein.”

Bilfinger betonte, durch „enge Kooperation” mit den Behörden und einer „offenen Kommunikation” solle Vertrauen zurückgewonnen werden. Der Konzern nannte es „unbegreiflich”, dass stabilisierende Eisenbügel an den Schlitzwänden nicht eingebaut worden seien. Trotz falscher Messprotokolle an den Schlitzwänden sei es aber zu „keinen geometrischen Abweichungen gekommen”, die die Standsicherheit gefährden würden.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt im Zusammenhang mit dem U-Bahn-Bau in mehreren Fällen, darunter auch gegen Mitarbeiter von Bilfinger. Drei Mitarbeiter hatte der Konzern wegen der Vorwürfe freigestellt. Wer Schuld hat an den Missständen, ist noch unklar.

Die Stadt und die KVB haben unterdessen beschlossen, den Bauschacht Heumarkt in Rhein-Nähe ab einem Rhein-Pegel von 6,50 Meter kontrolliert zu fluten. Entsprechende Berichte der Zeitungen „Kölner Stadt-Anzeiger” und „Kölnische Rundschau” bestätigte ein Stadt-Sprecher. Schwere Stahlplatten sollen laut KVB dafür sorgen, dass bei steigenden Wassermassen der Druck von außen auf die Wände nicht zu hoch wird. Zudem werden Vorbereitungen getroffen für eine Flutung der Grube. Prognosen zufolge wird der derzeit mit 2,70 Metern unkritische Pegel am Wochenende steigen.

Die Linkspartei in Köln kündigte ein parlamentarisches Nachspiel in Berlin an. Die Abgeordnete Heidrun Bluhm werde das Thema in den Bundestags-Bauausschuss einbringen, um das System der Baukontrollen in Deutschland auf den Prüfstand zu stellen. „Man gibt nicht dem Fuchs die Aufsicht über den Hühnerstall - und nicht einem Privatunternehmen die Aufsicht über Sicherheitsstandards, wenn es durch deren Unterlaufen mehr Geld verdient”, kritisierte der Kölner Linken-Ratsherr Jörg Detjen. Auch Roters sagte, die politische Linie „Privat vor Staat” sei zu hinterfragen. Bei wichtigen öffentlichen Bauten dürfe sich der Staat „nicht weiter aus seinen hoheitlichen Aufgaben zurückziehen”.

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