Kölner Einsturz: Archivfonds fehlt bis heute

Von: Christoph Driessen, dpa
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Feuerwehrleute bergen in Köln Dokumente in den Trümmern des Stadtarchivs. Foto: dpa

Köln. Dass sich plötzlich die Erde auftut und ein bestimmtes Gebäude verschlingt, gibt es eigentlich nur in Horrorfilmen wie „Poltergeist”. Außer am 3. März dieses Jahres in Köln, da wurde es in der Mittagszeit Realität.

Es traf nicht irgendein Gebäude, sondern das Historische Stadtarchiv. Zwei angrenzende Mietshäuser wurden mitgerissen - zwei junge Männer starben dabei. Völlig sicher ist man eben nirgendwo. Man kann auch zu Hause sitzen, im Stadtzentrum von Köln, und plötzlich bricht einem der Boden unter den Füßen weg.

Das alles ist nun schon ein halbes Jahr her, aber das Wie und Warum ist noch immer nicht klar. Natürlich, man weiß, dass es etwas mit dem Bau der neuen U-Bahn-Linie zu tun haben muss. Die Bauunternehmen hatten möglicherweise das Grundwasser nicht unter Kontrolle. Aber was genau geschehen und wer dafür verantwortlich ist, steht noch nicht fest. Der Fall sei sehr komplex, sagt die Staatsanwaltschaft. Die Ermittlungen werden noch Zeit brauchen - viel Zeit.

Es ist kurios, dass die breite Öffentlichkeit das Stadtarchiv erst in dem Moment wahrgenommen hat, als es nicht mehr da war. Stadtarchiv - das klingt ja zunächst einmal nach ein paar muffigen Büros mit altem Papier.

Aber das Stadtarchiv von Köln, so vernahmen jetzt nicht zuletzt die Kölner selbst mit großem Erstaunen, war das „größte kommunale Archiv nördlich der Alpen”, das „Gedächtnis einer der ältesten bürgerlichen Gemeinschaften der Welt”. Warum ausgerechnet Köln? Weil Köln schon zweitausend Jahre alt ist und während der ganzen Zeit praktisch immer eine bedeutende Stadt war.

Mittlerweile sind 85 Prozent der verschütteten Dokumente geborgen - allerdings großenteils in furchtbarem Zustand. Etwa 40 Prozent sind so zerschnipselt, als wären sie durch einen Schredder gedreht worden. Dennoch könnte das meiste wohl restauriert werden - wenn man dafür über Jahrzehnte hinweg viele Millionen Euro zur Verfügung stellen würde. Ob das geschehen wird, steht in den Sternen.

Die ersten sechs Monate waren gekennzeichnet von großer Hilfsbereitschaft in- und ausländischer Archivare. Aber einen Fonds mit Geldern hat die Stadt Köln bis heute nicht zustande gebracht. Nach dem Brand der Anna- Amalia-Bibliothek in Weimar sei das alles viel schneller gegangen, sagen Kritiker.

So muss sich die Kölner Politik denn auch massive Vorwürfe gefallen lassen. Den noch amtierenden Oberbürgermeister Fritz Schramma (CDU) hat der Einsturz sein Amt gekostet. Er war vorher entschlossen, bei der Kommunalwahl am vergangenen Sonntag wieder anzutreten, wurde jedoch so heftig kritisiert, dass er aufgab. Nun bekommt Köln in Jürgen Roters (60) wieder einen SPD- Oberbürgermeister. Doch der muss vor allem sparen: Im nächsten Haushalt klafft ein 351-Millionen-Euro-Loch.

Dass in der Klüngelstadt Köln ausgerechnet das Stadtarchiv mit allen Ratsprotokollen vom Erdboden verschwand, könnte fast zu Verschwörungstheorien Anlass geben. „In Köln neigt man ja auf wirklich unglaubliche Art zur Mythenbildung”, meint der Buchautor Frank Möller. „Das einzig verlässliche Korrektiv dafür war das Stadtarchiv, und das ist jetzt weg.”
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