Kölner Bühnen: Das nächste Baudrama in der Domstadt

Von: Madeleine Gullert
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Die Kölner Oper ist eine Baustelle: Im Frühjahr 2012 endete die letzte Spielzeit in der Oper am Offenbachplatz in der Innenstadt. Seitdem beherrschen Absperrgitter, Zäune, Bagger und Container das Bild. Wahrscheinlich auch noch etwas länger. Foto: dpa
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Die Kölner Oper ist eine Baustelle: Im Frühjahr 2012 endete die letzte Spielzeit in der Oper am Offenbachplatz in der Innenstadt. Seitdem beherrschen Absperrgitter, Zäune, Bagger und Container das Bild. Wahrscheinlich auch noch etwas länger. Foto: dpa
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Die Kölner Oper ist eine Baustelle: Im Frühjahr 2012 endete die letzte Spielzeit in der Oper am Offenbachplatz in der Innenstadt. Seitdem beherrschen Absperrgitter, Zäune, Bagger und Container das Bild. Wahrscheinlich auch noch etwas länger. Foto: Oliver Berg/dpa
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Die Kölner Oper ist eine Baustelle: Im Frühjahr 2012 endete die letzte Spielzeit in der Oper am Offenbachplatz in der Innenstadt. Seitdem beherrschen Absperrgitter, Zäune, Bagger und Container das Bild. Wahrscheinlich auch noch etwas länger. Foto: Marius Becker/dpa

Köln. Die Sanierung der Kölner Bühnen ist ein Drama in unzähligen Akten. Eigentlich hätte die Oper im Oktober 2015 groß Eröffnung feiern sollen. Doch auf dem Offenbachplatz in der Innenstadt zeugen Absperrgitter und Container davon, dass Köln auf die große Neueröffnung noch warten muss. Oper und Schauspiel sind eine Baustelle.

Die Stadt plant zurzeit mit einer Eröffnung frühestens zur Spielzeit 2018/19. Doch auch das ist nicht sicher. Und so ist es wenig verwunderlich, dass die Kölner Oper längst in einem Atemzug mit der Hamburger Elbphilharmonie oder dem Berliner Flughafen genannt wird. Noch eines dieser prestigeträchtigen Großprojekte, die partout nicht fertig werden.

Oft dilettantische Mängel

Für Köln ist es ein weiterer Baustein, der das Image der Stadt bröckeln lässt. Nicht zuletzt deshalb hat die neue Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) das Thema zur Chefsache erklärt. War es mal wieder ein bisschen zu viel „Et hätt noch emmer jot jejange“? Vermutlich. Zumindest ist die Geschichte dieser Baustelle eine Geschichte von vielen Fehlern, Mängeln und Fehlentscheidungen.

Mitte April spricht die Stadt von 8300 Mängeln. Eine Zahl, die sich nicht schönreden lässt. Hauptproblem ist die Haustechnik. Was das abstrakte Wort Mängel in diesem Fall bedeutet, weiß Ralph Elster, Kultur-Experte der Kölner CDU, der die Baustelle gut kennt. Oberhalb einer Brandschutztür habe er Löcher gesehen. Das sei doch nun mehr als absurd, das erkenne doch jeder. Auch mit den filigranen Kabelschächten aus den 50er Jahren gebe es Probleme. Das zuständige Planungsbüro habe sie mit Kabeln zu sehr vollgestopft.

Kompetenzproblem

Auch Bernd Streitberger bestätigt das. Er übernimmt ab Mai offiziell als Betriebsleiter die Funktion des Bauherren. Eine Aufgabe, um den ihn wohl niemand beneidet. Auch er gibt zu, dass der Zustand auf der Baustelle verheerend ist. „Wenn eine Wasserleitung direkt über eine Stromleitung montiert ist, erkennt doch jeder Laie, dass das nicht richtig sein kann“, sagt Streitberger im Gespräch mit unserer Zeitung.

Seine erste Aufgabe wird es sein, alle Mängel festzustellen: bauliche und vertragliche. Dafür benötigt Streitberger Zeit, das sagt er jetzt schon. „Es gibt keinen Big Bang, sondern alles wird stufenweise geschehen.“ Klar ist nur, und das sagt Streitberger ganz selbstbewusst: „Ich übernehme jetzt die Verantwortung nach innen und außen.“ Der Bauherr sei nun kompetent, sagt er. „Endlich“ – denken viele in Köln. Im Fußball nennt man solche wie Streitberger Feuerwehrmänner.

Und womöglich ist niemand so geeignet für diesen Job wie Streitberger. Der ehemalige Baudezernent selbst war mit Kulturdezernent Georg Quander für die Anfangsplanung der neuen Oper verantwortlich. Sie hätten eine saubere Baustelle hinterlassen, sagt Streitberger. Fehler seien danach passiert. Allerdings hat Streitberger das Konstrukt der Verantwortlichkeiten oder eher der Nicht-Verantwortlichkeiten mit auf den Weg gebracht.

Kompliziert war es von Beginn an. Ursprünglich gab es Pläne, die Oper und das Schauspiel, das direkt daneben liegt, neu zu bauen. Diese Idee wurde verworfen. Die im Jahr 1957 eröffnete Oper von Wilhelm Riphahn, einem der wichtigsten und prägendsten Architekten der Stadt, sollte erhalten bleiben – und nur saniert werden. Der Riphahnbau steht schließlich unter Denkmalschutz. Nur das Schauspielhaus sollte erneuert werden – so der Plan. Doch nachdem es Petitionen gegen dieses Vorhaben gab, schwenkte die Stadt auch hier auf Sanierung um. Vor beinahe vier Jahren, im Juni 2012, begannen die Sanierungsarbeiten.

Damals plante man mit einer Eröffnung 2015 und Kosten von 230 Millionen Euro – nun rechnet man mit dem Doppelten, einem Maximalvolumen von 460 Millionen Euro. Aktuell liegt das Budget aber schon bei 347 Millionen Euro. „Hamburg bekommt für die vielen Millionen die Elbphilharmonie. Bei uns sieht nach der teuren Sanierung alles so aus wie vorher“, sagt CDU-Politiker Elster.

Zum Vergleich: Ursprünglich sollte die Elbphilharmonie für 77 Millionen Euro gebaut werden, die Kosten belaufen sich mittlerweile jedoch auf 789 Millionen Euro. Elster glaubt nicht, dass es in Köln bei den 460 Millionen Euro bleiben wird. Er geht fest davon aus, dass die Halbe-Milliarde-Euro-Marke geknackt wird. „Es ist nicht fünf nach zwölf, sondern fünf nach 13“, sagt Elster sichtlich aufgebracht. Wie aber konnte es überhaupt so weit kommen?

Erst im Juli 2015 wurde bekannt, dass die Eröffnung im November platzen würde. Handwerker warnten aber schon lange vor Verzögerungen. Doch offenbar zog daraus niemand Konsequenzen.

Ein Hauptproblem bei der missglückten Opernsanierung ist die Verteilung der Kompetenzen. Projektleitung und Bauherrschaft waren getrennt. Das soll sich künftig mit Streitbergers Berufung ändern. „Die Trennung ist einer der Gründe, warum es in der Vergangenheit nicht so gut lief“, sagt er selbst. Die Bauherrschaft lag bei den Bühnen – dem geschäftsführenden Direktor der Bühnen Patrick Wasserbauer, Opernintendantin Birgit Meyer und Schauspielintendant Stefan Bachmann – also bei Künstlern, die nicht über Baukompetenz verfügen.

Und dann gab es eine Projektleitung bei der Gebäudewirtschaft der Stadt Köln, die nicht die Bauherrschaft innehatte. Es seien durchaus unterschiedliche Philosophien und Ansätze aufeinandergetroffen, sagt Streitberger recht diplomatisch.

Ein Eingeweihter, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, fand eine schöne Umschreibung: Bühnenleute seien darauf gepolt, alles zu schaffen, wenn der Vorhang aufgeht – egal wie. Getreu dem Motto: Je schlechter die Generalprobe, desto besser die Premiere. Nur dass sich so eine Attitüde nicht unbedingt auf Bauprojekte übertragen lässt.

Eine äußerst unglückliche Figur gab auch die Kölner Kulturdezernentin Susanne Laugwitz-Aulbach ab. Sie soll ebenfalls Druck auf Baufirmen ausgeübt haben, alles habe schnell fertig werden sollen – egal, was es koste. Eine Verschiebung der Eröffnung würde einen enormen Imageschaden nach sich ziehen, hatte sie befürchtet. Doch das Schnell-schnell hat es wohl nur noch schlimmer gemacht.

Weil die Bühnen zu lange an dem ursprünglichen Eröffnungstermin festgehalten hatten – wie einige glauben –, sei Geld verbrannt worden. Weil beispielsweise schon Verkleidungen im Gebäude angebracht worden seien, die später wieder abgerissen wurden. Elster forderte schon, die parteilose Laugwitz-Aulbach abzusetzen. Eine Mehrheit gab es dafür aber bislang nicht.

Laugwitz-Aulbach selbst betonte immer wieder, sie sei auf jeden Fall nicht Schuld an dem Desaster. „Ich hatte nie den Oberverantwortungshut auf.“ Tatsächlich erinnert ein Organigramm der Verantwortungen – vor der Installation Streitbergers – ein wenig an eine Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt. „Es gab mit Sicherheit Kommunikationsunterschiede und Entscheidungswege, die zu lang und zu umständlich waren“, sagt Streitberger.

Er hat künftig täglich die Baustelle vor Augen. Sein Büro ist ein Container auf dem Offenbachplatz. Zahlen wird er länger nicht nennen können, also wann die Oper öffnet und was sie dann gekostet haben wird. Ende des Jahres möchte er einen Zeitplan vorlegen. „Ich bitte um Verständnis“, sagt er. Zunächst einmal müsse er eine Bestandsaufnahme dessen machen, was geleistet wurde.

Im Opernsaal ist bis auf die neuen Polster alles fertig für Aufführgen. Für die Bühnentechnik war eine Spezialfirma verantwortlich. Die habe gut gearbeitet und sei rechtzeitig fertig geworden, sagt Elster. Das Sorgenkind ist die Haustechnik: Klimaanlagen, Lüftungen, Brandschutz.

Verantwortlich für die Planung dieses Bereichs war das Ingenieurbüro Deerns. Das Unternehmen sei „wesentlich verantwortlich für das Scheitern der Wiedereröffnung der Bühnen“, teilte die Stadt im November 2015 mit – und gab bekannt, dass man sich von Deerns trenne. Und weil auch die ausführende Firma Imtech – ja, die vom Berliner Flughafen! – insolvent ist, steht die Baustelle seit Monaten weitgehend still.

Weitergehen wird es erst, wenn ein neues Planungsbüro gefunden ist. Aber auch das könnte komplizierter werden. Auf die erste Ausschreibung der Stadt vom Dezember hatten sich zwar zwei Büros beworben. Ein Angebot wurde von Deerns Deutschland abgegeben, das andere von Deerns Niederlande. Man bewirbt sich absurderweise auf die eigene Nachfolge.

„Da das neue Planungsbüro allerdings auch die Mängel feststellen muss, hat das wenig Sinn“, sagt Gregor Timmer, Sprecher der Stadt Köln, die Deerns übrigens wegen der vielen Mängel verklagt. Nun gibt es also eine neue Ausschreibung. In der werden das Büro Deerns und mit ihm verbundene Büros ausgeschlossen, teilte Timmer mit. Das aber wird die Fertigstellung der Bühnen weiter verzögern. Elster geht davon aus, dass das neue Planungsbüro erst in einem Jahr mit seiner Arbeit beginnen wird.

„Deerns war zwar billig, aber der Aufgabe nicht gewachsen“, sagt Elster. Ein Nachfolger werde es schwer haben. Dutzende Firmen hätten aufgrund falscher Pläne etwas gebaut. Niemand habe das Ergebnis kontrolliert. Die Verantwortlichen seien nie auf der Baustelle gewesen, kritisiert Elster. Auch diese Spitze geht gegen die ehemaligen Bauherren, die Bühnen der Stadt Köln. Sie seien auch schuld an dem Chaos mit der Ersatzspielstätte.

Einnahmenverluste

Denn nach Bekanntwerden der geplatzten Eröffnung mussten die Bühnen mehr als spontan ein neues Ausweichquartier für die Oper finden. Nach dem Palladium und dem Musicaldome am Hauptbahnhof dient nun das Staatenhaus in Deutz als Ersatzspielstätte. Nicht unbedingt gut zu erreichen, monieren CDU und FDP. Und die Qualität leidet, weil in dem kleinen Saal Akustik, szenische Möglichkeiten und die Sicht auf die Bühne schlecht sind.

Doch das ist nicht der einzige Schönheitsfehler: Weil im Sommer Konzerte im Tanzbrunnen, direkt neben dem Staatenhaus, stattfinden, bleibt die Oper an zehn Wochenendtagen – traditionell publikumsstarke Tage – zu. Die Konzerte würden den Operngesang schlichtweg übertönen. „Wir verlieren Publikum und Einnahmen“, klagt Elster.

Außerdem stellt die Firma BB, die eine Musicalbühne im Staatenhaus bauen soll und will, das Gebäude lediglich für zwei Spielzeiten zur Verfügung, Stand heute. 3,45 Millionen Euro Entschädigung bekommt BB dafür von der Stadt. Noch mehr Kosten. Ein weiterer Umzug der Oper sei nicht zu stemmen, sagen viele. Die Zukunft der Oper bleibt also ungewiss, auch wenn die Spielzeit 2018/19 schon im großen Haus geplant wird. Immerhin das Schauspiel wird im Ausweichquartier im Stadtteil Mülheim bleiben.

In der Stadt gibt es eine unglaubliche Unzufriedenheit, sagt Elster. Verständlich, schließlich hat man sich deutschlandweit blamiert. Nicht selten werden nun Stimmen laut, die fragen, ob denn mit dem vielen Geld nicht andere wichtigere Dinge, soziale Projekte, angegangen werden könnten. Die Stimmung in Köln droht zu kippen. Streitberger kann nur eins versprechen: „Wir bekommen das wieder hin.“ Mal sehen.

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