Kölner Attentäter löschte sein Vorleben

Von: Daniel Taab
Letzte Aktualisierung:
11087514.jpg
Tatort und Wohnort: Am Stand auf einem Wochenmarkt in Köln-Braunsfeld wurde die designierte Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker von Frank S. angegriffen. Foto: dpa
11087518.jpg
Er wohnte in Köln-Nippes. Foto: Taab

Köln. Keine Familie, keine sozialen Kontakte, introvertiert – Kölns Kripochef Norbert Wagner zeichnet ein Bild eines völlig zurückgezogen lebenden mutmaßlichen Attentäters (44) von Köln.

„Er ist ein Einzelgänger. Es gibt keinen Zweifel, dass er die Tat alleine geplant und durchgeführt hat“, betonte Wagner. Er leitet den Krisenstab im Kölner Polizeipräsidium zur Aufklärung des Angriffs auf Kölns gewählte Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos).

Die Ermittler werden in den kommenden Tagen weiter versuchen, alles über das Vorleben des Mannes herauszufinden – und dies könnte Erschreckendes zu Tage fördern. Es gibt Hinweise, dass Frank S. Ende der 1980er Jahre in der gewalttätigen Skinhead-Szene in Ostdeutschland aktiv war. Es wird überprüft, ob der 44-Jährige als Mittäter oder Mitläufer an der Vorbereitung und Durchführung von Straftaten gegen ausländische Mitbürger beteiligt war.

Bevor der 44-Jährige dazu von den Behörden befragt werden konnte, soll er „untergetaucht“ sein, wie ein Beamter sagte. Dies geschah 1989. Später soll er sich der rechtsextremen Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP) in Bonn angeschlossen haben, dort aber nach Angaben des Verfassungsschutzes nur eine Randfigur gewesen sein.

Es ist unklar, ob S. förmlich Mitglied der Partei war: Dies wird vom früheren Bonner FAP-Funktionär Norbert Weidner (einst Vorsitzender im „Gau Rhein-Sieg“) bestritten, wie Hans-Peter Killguss vom Kölner NS-Dokumentationszen­trum berichtet. In die Strukturen der FAP sei er aber eingebunden gewesen. Die militant neonazistische Partei wurde später verboten. In der jüngeren Vergangenheit, so war zu erfahren, wollte der Mann in die NPD eintreten – es kam allerdings nicht dazu.

Mit einem Codenamen soll der 44-Jährige rechtsradikale Inhalte „geliked“ haben. Auch im Verhör soll der Arbeitslose gesagt haben: „Die Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg.“

Insgesamt sei es „schwierig und mühselig“, die Lebensgeschichte des Mannes zu erkennen, sagte Kripochef Wagner. „S. wusste um seine Festnahme und war vorbereitet.“ Dass nach der Tat Fahnder seine Wohnung in Köln-Nippes auf der Suche nach Beweismaterial durchkämmen würden, sei dem Mann klar gewesen. Deshalb habe er dafür gesorgt, dass über sein Vorleben so wenig wie möglich bekannt werden würde.

Die Ermittler fanden am Samstagnachmittag eine Wohnung vor, die ein Beamter als „besenrein“ bezeichnete. In den Räumen sei alles vernichtet worden, „was auf seine Vergangenheit hindeutet“. Die Ermittler fanden weder einen Personalausweis, noch Schriftstücke, geschredderte Papiere oder Hinweise zur Tat. Bei zwei mitgenommenen Computern wurden die Festplatten vorher entfernt. „Der Angreifer hat die Tat mit Akribie vorbereitet“, sagte ein Ermittler.

Unterstützung bei ihren Recherchen erhält die Polizei vom Bundes- und Landeskriminalamt und vom Verfassungsschutz. Auch beim Bundeszentralregister fragten die Ermittler nach, doch dort wurden die Daten des Mannes zu seiner mutmaßlichen kriminellen Vergangenheit gelöscht. 1993 war S. nach Jugendstrafrecht wegen einer Messerattacke verurteilt worden. Unklar ist, ob das Delikt politisch motiviert war. Die Kölner Polizei nahm Kontakt zu Gefängnismitarbeitern auf, die Kontakt zu S. hatten. „Wir waren am Wochenende in vielen Kellern“, beschrieb Kripochef Wagner die intensive Spurensuche. Am Wochenende wurden zudem pensionierte Polizisten aus den 1990er Jahren und davor reaktiviert und gefragt, ob sie vielleicht etwas über Frank S. wissen.

Fest steht, dass S. 1997 wegen verschiedener Gewaltdelikte ins Gefängnis gekommen ist. Details kennt die Polizei aber noch nicht. „Die Taten sind verjährt. Die Daten zur Person werden nach zehn Jahren bei den Behörden komplett gelöscht“, sagte ein Polizeisprecher. Deswegen sei es schwierig, belastbares Material über den 44-Jährigen zu finden.

Vorstellig wurden die Fahnder auch bei der Mutter und der Pflegemutter des mutmaßlichen Attentäters. Doch diese beiden Personen aus dem engeren privaten Umfeld des Mannes konnten der Polizei nicht helfen. S. hatte seit Jahren keinen Kontakt zu seiner Mutter. Wagner sagte, der 44-Jährige komme aus einer „schwierigen Familie“.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert