Köln protestiert auf seine ganz eigene Art

Von: Madeleine Gullert
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Viel Spaß, wenig Gewalt: Die Mehrheit der Demonstranten setzten ein Zeichen gegen rechts, indem sie zusammen feierten und humorvolle Parolen auf ihre Plakate schrieben. Foto: dpa/imago /Horst Galuschka
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Weniger gelassen nahmen es Anhänger der linksextremen Antifa: Sie bedrängten einige der AfD-Delegierten, zu Ausschreitungen kam es aber nicht. Foto: dpa/imago /Horst Galuschka
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Mirela und Fabio Martina ließen sich von den Demonstrationen nicht aufhalten: Sie heirateten am Samstagmorgen im Kölner Rathaus. Foto: Madeleine Gullert

Köln. Marie ist erst zehn Jahre alt, aber sie weiß schon ganz genau, dass ihre Lieblingsband Brings nicht einfach den Karneval in den April verlegt hat, sondern dass es einen Grund für die große Kundgebung im Grüngürtel gibt. „Wir sind heute hier und demonstrieren, weil es Leute gibt, die wollen, dass alle Ausländer weg müssen“, sagt Marie und schaut ihre Mutter Susanne fragend an.

Die nickt und erklärt auch, dass die Veranstaltung der Karnevalisten besonders für Familien praktisch sei. Zu einer reinen Protestkundgebung gegen den in Köln stattfindenden AfD-Bundesparteitag wäre sie mit Marie und deren kleinen Schwester nicht gegangen. „Hier kann man Karneval und Protest verbinden.“

Den Kölnern wird gern vorgeworfen, dass sie aus allem eine Feier machen. „Das ist eben die rheinische Art“, sagt Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker. Aber wer sagt denn eigentlich, dass Protest nur ernst sein muss? „Protest kann auch fröhlich sein und Spaß machen“, sagt Reker. Das beweisen Zehntausende Menschen am Samstag in der ganzen Stadt.

„Kein Kölsch für Frauke“, „Kein Kakao für die AfD“, „Bei Konfetti gibt es auch kein Braun“, solche Sprüche stehen auf den Plakaten vieler Demonstranten. Reker hatte es als Provokation gesehen, dass die AfD den Parteitag nach Köln gelegt hatte. Mehr Öffentlichkeit dank des starken Gegenprotestes, das halten viele für das Kalkül der AfD. Die beste Nachricht ist sicher, dass die Proteste gegen den Parteitag im Kölner Maritim-Hotel weitgehend friedlich verlaufen.

Die Polizei zieht nach dem größten Einsatz in Kölns Geschichte eine positive Bilanz. In Deutz hätten ein paar Autoreifen gebrannt, auch ein Auto, 100 Personen seien kontrolliert worden, sagt Polizeisprecher Wolfgang Baldes. Bei einem Angriff auf einen AfD-Vertreter mit einer Stange sei ein Polizist leicht verletzt worden. Ein weiterer musste ebenfalls ambulant behandelt werden. Am Rhein stehen sich Teilnehmer eines Sternmarsch und die Polizei mehrere Stunden gegenüber, kurz sieht es so aus, als könne die Lage eskalieren, aber es bleibt bei Provokationen und Schubsereien. Kölns Polizeipräsident Jürgen Mathies hatte noch zwei Tage zuvor erklärt, man erwarte Hunderte gewaltbereite Linksextremisten, doch zum Glück kommt es anders.

„Viele haben uns gefragt, warum wir das machen und ob wir keine Angst hätten“, sagt Leonie Schürmer. Die Erzieherin steht um sieben Uhr am Kölner Rudolfplatz. Es ist einer von fünf Treffpunkten der Sternmärsche, die auf den Heumarkt zulaufen. Dort finden zwei große Protestkundgebungen statt in Sichtweite des Maritim-Hotels, wo rund 600 AfD-Delegierte über die Zukunft ihrer Partei beraten. „Es lohnt sich auf jeden Fall, auf die Straße zu gehen“, sagt Schürmer. Aber es regnet mitunter stark, und es ist früh. Vielleicht finden sich deshalb zumindest an diesem Treffpunkt nur 50 Demonstranten ein. Eine kleine Fahrradblockade findet in Höhe des Dorint-Hotels am Rudolfplatz statt, in dem viele der AfD-Delegierten übernachten.

Trotzdem kommen sie alle, meist Männer mit Anzug und Aktenkoffer, mit Hilfe der Polizei ins Maritim. Buhrufe, „Scheiß AfD“- und „Nazis raus“-Sprechchöre müssen sie allerdings ertragen. Demonstranten bedrängen einige AfD-Delegierte, worauf es zu Laufspielen und kleineren Rangeleien mit Polizisten kommt.

Mirela und Fabio Martina sind derweil eins von 13 Hochzeitspaaren, die an diesem Samstag ab 8.50 Uhr im Rathaus heiraten. Acht andere Paare sind aus Sorge lieber nach Porz ausgewichen, erklärt Standesamtsleiterin Angelika Barg. Für viele Bräute wäre es vermutlich ein Alptraum, aber Mirela ist ganz „entspannt“, obwohl sie erst vor zehn Tagen über die Sperrungen informiert wurde und dann auch noch eine neue Location finden musste – eigentlich wollte das Paar in der Innenstadt feiern.

Auch um kurz nach neun ist es auf dem Heumarkt bei der Kundgebung von „Köln gegen Rechts“ noch sehr ruhig. Vielleicht 100 Menschen sind auf dem Platz. Rosemarie Nünning, die extra aus Berlin angereist ist, wirkt etwas enttäuscht. „Vielleicht hätte man statt Sternmärsche zu organisieren, alle auf den Platz sammeln sollen.“ In jedem Fall sei es wichtig, zu demonstrieren, weil die „AfD dabei ist, eine faschistische Partei zu werden“.

Vor dem Maritim stehen Wasserwerfer bereit, die aber nicht zum Einsatz kommen werden. OB Reker fragt sich, wie man frei im Kopf einen Parteitag abhalten könne, wenn man so abgeschottet sei. „Beängstigend“, findet ein hessisches AfD-Mitglied, das zum Rauchen vor dem Hotel steht, den Anblick. „Es ist doch nur der Parteitag einer Partei, die vielleicht nicht gern gesehen ist“, sagt der Mann mit Deutschland-Pin am dunkelblauen Anzug. Nicht wenige AfD-Parteimitglieder begeben sich gern in eine Märtyrerrolle der Unterdrückten. Gegen friedliche Proteste habe er nichts, gegen friedliche Blockaden auch nichts, es möge nur bitte friedlich bleiben, sagt er und muss dann auch wieder rein.

Mit etwas Verzögerung beginnt im Maritim der Parteitag, während der Demonstrationszug von „Köln gegen Rechts“ durch die Stadt zieht. Viele der 1500 Teilnehmer sind mehrheitlich schwarz gekleidet, vermummt oder tragen Sonnenbrillen, und rufen Parolen der linksextremen Antifa. Einige Geschäftsleute in der Innenstadt hatten Angst, dass es bei dieser Demo Ausschreitungen geben könnte und haben geschlossen. Die Sorge war wohl unbegründet, weshalb sich im Nachhinein viele Einzelhändler über Panikmache seitens der Polizei beschweren.

Und dann wechseln die bunten die schwarzen ab: Um 12.30 Uhr beginnt auf dem Heumarkt die zweite Kundgebung von „Köln stellt sich quer“. Mehr als 80 Organisationen und Verbände, Gewerkschaften und Parteien haben zum Protest aufgerufen und rund 25.000 Menschen kommen, um der kämpferischen Rede von Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker zuzuhören. NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) sagt in Richtung AfD: „Wahrscheinlich zählt für sie nicht mal die Würde von Lukas Podolski, weil dieser Ur-Kölner in Polen geboren ist. Das ist es, wogegen wir aufstehen.“ Der Applaus ist ihr sicher, das Wort Lukas reicht in Köln immer, um Beifall zu bekommen.

Eine Stunde später singen die Bläck Fööss, die Höhner, Brings, Kasalla, Cat Ballou, Bernd Stelter und viele andere auf einer Bühne im Kölner Grüngürtel das Lied „Stammbaum“. Mehr als 25.000 Menschen – darunter viele Familien mit Kindern – sind unter dem Motto „Mir all sin Kölle“ zusammengekommen, um für Toleranz zu werben. „Egal, wie man ist, lebt und liebt – in Köln ist jeder willkommen. Nur wer fremdenfeindlich ist, hat hier nichts zu suchen“, sagt Organisator Christoph Kuckelkorn, Präsident des Festkomitees Kölner Karneval.

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