Knigge-Seminar: Benehmen will gelernt sein

Von: Katja Laska
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Andrea Sabina Hahn ist Expertin für gutes Benehmen. In ihren Seminaren rund um das Thema Knigge möchte sie den Teilnehmern klar machen, wie wichtig die Benimmregeln auch heute noch sind.
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Die zeitgenössische Abbildung zeigt Adolf Freiherr von Knigge (1751 - 1796), Verfasser des Standardwerkes über gutes Benehmen „Über den Umgang mit Menschen". Knigge, der vor 250 Jahren, am 16.10. 1752, in Bredenbeck bei Hannover geboren wurde, gilt als Erfinder der gesellschaftlicher Benimmregeln. Doch wenn der Adlige mitbekommen würde, was heute unter seinem Namen in Buchläden, Seminaren und Internetforen an Tipps rund um gutes Benehmen vermarktet wird, würde er seinen Namen wohl urheberrechtlich schützen lassen. Foto: dpa
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Bestecksprache: Sie dürfen abräumen.
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Besteckzeichensprache: Ich mache eine Pause.
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Bestecksprache: Bitte legen Sie nach.

Region. Die Gabel in der linken, das Messer in der rechten Hand, Älteren einen Platz anbieten, die Tür aufhalten, pünktlich sein – eigentlich simple Benimmregeln, die uns als höflich auszeichnen. Jeder kennt sie, viele legen Wert auf sie, doch immer weniger Menschen halten sie ein.

Zu diesem Ergebnis kam eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts „YouGov“. Die Deutschen würden immer unhöflicher. Insbesondere die jüngere Generation sei davon betroffen. Viele sähen sich untereinander als Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt. Doch es gebe noch Hoffnung. Benimmregeln könne jeder lernen, meint der Karlsruher Pädagogik-Professor Jürgen Rekus.

Das Lieblingsthema

Da ist er nicht der Einzige. Gerade in der Geschäftswelt ist das richtige Benehmen sehr wichtig. Das weiß auch Andrea Sabina Hahn von der Krankenkasse AOK. „Es gibt keine zweite Chance für den ersten Eindruck“, sagt sie und versucht das auch in ihren Seminaren weiterzugeben. Was für andere ein Graus ist, ist ihre Leidenschaft. „Knigge ist mein absolutes Lieblingsthema“, erzählt die gelernte Diplom-Kauffrau bei der Begrüßung. Auch dieses Semester hat sie zusammen mit dem RWTH-Career-Center und der Sparkasse Aachen einen Kurs rund um Knigge und Benehmen angeboten.

Unter dem Motto „Stil und Etikette (Der Businessknigge)“ geht es an diesem Nachmittag schnell ans Eingemachte. 13 Studenten der RWTH sitzen im S-Forum und wollen wissen: Wie komme ich am besten beim Professor, Chef oder den späteren Schwiegereltern an? Hahn hilft gerne, denn das Leben fällt leichter, wenn man bereits zu Beginn in eine „positive Schublade gesteckt wird“, sagt sie. Auf dem Stundenplan stehen Grüßen und Begrüßen, „Small Talk“, Restaurant-Knigge und die richtige Kleidung. Zum Schluss wird in einem „Knigge-Test“ samt Fragebogen das Gelernte überprüft.

Doch zuallererst zum Protagonisten Knigge. Jeder hat den Namen schon einmal gehört, aber wer war dieser Knigge eigentlich? Adolph Friedrich Ludwig Freiherr von Knigge hat im Jahr 1788 den Klassiker unter den Benimm-Büchern herausgebracht, ihn jedoch allgemein gehalten. „Im Grunde ging es darum, wie der Ehemann mit seiner Ehefrau umgeht und wie ich es schaffe, dass meine Mitmenschen sich in meiner Umgebung wohlfühlen“, erklärt Hahn. Das Falten einer Serviette oder das regelkonforme Benutzen des Bestecks seien Regeln, die später durch den Verlag ergänzt wurden.

Auch den Teilnehmern scheint es an diesem Nachmittag nicht um die genauen Richtlinien zu gehen, sondern eher um Grundlegendes. „Vieles weiß man schon, aber das Auffrischen schadet nicht“, sagt Tobias Elvermann. „Ich fange bald ein Praktikum an und möchte schon beim Begrüßen einen guten Eindruck hinterlassen“, ergänzt sein Sitznachbar Nils Neubert. Und das ist gar nicht so einfach. Wer denkt, mit einem „Hallo“ oder „Guten Tag“ sei es getan, liegt falsch. „Das Wirrwarr ist bei diesem Thema immer groß“, warnt Hahn die Kursteilnehmer, und schnell zeigen sich viele fragende Gesichter in der Runde.

Hahn beginnt mit dem Grüßen: erst der Rang, dann das Geschlecht und zum Schluss das Alter. Nach diesen Kriterien wird entschieden, wer wen grüßt. In der Praxis heißt das, der Angestellte grüßt seinen Chef, der Herr die Dame und die Schülerin ihren Lehrer. Verwirrend, aber es kommt noch komplizierter. Anschließend geht es ans Begrüßen, also um die Frage: Wer gibt wem die Hand? Und hier wird der Spieß umgedreht. Der Chef begrüßt seinen Angestellten, die Dame den Herrn und der Lehrer seine Schülerin.

Die Fragezeichen bei den Teilnehmern werden immer größer. Insbesondere als es an die praktischen Übungen geht. Die Studenten sollen sich in Gruppen Alltagssituationen überlegen und zeigen, ob sie das Wirrwarr durchschaut haben. Doch was passiert, wenn man sich in einer Gruppe vorstellt und darf überkreuz begrüßt werden? Trotz einiger Stolperfallen lautet die Devise Ruhe bewahren und auf das Bauchgefühl hören, denn es passiert oft genug, dass sich der Gegenüber nicht an die Regeln hält, und dann „kann man nichts falsch machen“. Wichtig sei der Händedruck. „Keiner möchte einen toten Fisch anfassen“, weiß Hahn und demonstriert einen festen Handschlag, der Selbstsicherheit und Durchsetzungsvermögen vermittelt.

Hürde „Small Talk“

Ist die erste Hürde genommen, kommt gleich die nächste. Das Szenario: Ein Montagmorgen im Büro und der Chef kommt zur Tür herein. Es kommt zum „Small Talk“. Direkt schießen Hände in die Luft: Worüber sollte ich auf keinen Fall sprechen? Die Frage, auf die Hahn gewartet hat. „Small Talk klingt leicht, ist es aber nicht. Auch hier gibt es einige Fettnäpfchen, die es auszulassen gilt. Diese lauern oft bei Politik, Religion, Krankheiten, tragischen Ereignissen und Geld. Besser kommen Themen wie Urlaub, Freizeit, Studienschwerpunkte oder größere Sportereignisse an. Und natürlich das Wetter. „Das Wetter verbindet die Menschen am meisten. Frauen ist beispielsweise ständig kalt. Von dort kommt man überall hin“, sagt Hahn. Das Rezept: öffnen, zuhören, etwas zu sagen haben und sich selbst zurückhalten, wenn der Gesprächspartner erzählt.

Das gilt auch beim offiziellen Geschäftsessen. Die Atmosphäre soll ungezwungen sein. Geschäftliches wird nach dem kulinarischen Teil besprochen, und wenn der Chef drei Gänge bestellt, obwohl man sich selbst mit dem Hauptgang begnügt, muss gewartet werden, und zwar „bis das letzte Stückchen Kuchen aufgegessen ist“, sagt Hahn.

Gab es bei den vorherigen Themen viele Zwischenfragen, so ist es jetzt ruhiger. Alle hören aufmerksam zu. Schließlich ist ein Geschäftsessen für die meisten Neuland und kommt erst nach dem Ende ihres Studiums auf sie zu. Und es gibt einiges, dass sich die jungen Leute bis dahin merken sollten. Das Wichtigste: Der Gastgeber fängt mit dem Essen an. Haben alle ihr Essen, „wird erst probiert und erst anschließend nachgewürzt“, sagt Hahn. Alles andere gilt als Beleidigung für die Küche.

Doch das ist erst der Anfang. Obwohl Hahn nicht allzu detailliert auf das Gedeck auf dem Tisch eingeht, ist die „Vorsichtsliste“ lang: Nur mit triftigem Grund aufstehen, Gläser am Stiel anfassen, da die Getränke sonst warm werden, Zuprosten, nicht anstoßen, die Suppe von innen nach außen essen und keinesfalls kaltpusten, die Speisen einzeln zu sich nehmen. „Sie sollten nicht die Kartoffeln mit der Gabel zerstampfen und dann mit der Bratensoße mischen“, bittet die Leiterin.

Zum Schluss des Kurses geht es zum Anfang zurück. Zum ersten Eindruck. Dabei hilft die Kleidung. Klar ist, keiner sollte in Jogginghose und Kapuzenpullover zum Vorstellungsgespräch kommen. Es sollte passend sein. Einige in der Runde können damit nicht viel anfangen. Schließlich gibt es unterschiedliche Branchen und somit auch unterschiedliche Ansprüche an die Kleidung der Angestellten.

Doch Hahn weiß Rat: „Hosenanzug, helle Bluse und bei Männern noch eine Krawatte. Damit machen Sie nichts falsch.“ Und sie rät zur Farbe dunkelblau, denn die sei vertrauenerweckend. Schlicht ist gut. Mit der Kleidung darf nicht von den eigenen Kompetenzen abgelenkt werden. Für Frauen heißt das: keine grelle Schminke und dezenter Schmuck. Männer sollten unauffällige, am besten schwarze Socken zum Anzug tragen. „Keiner möchte die bunten Socken sehen, die letztes Jahr unter dem Weihnachtsbaum lagen“, lacht Hahn und fügt hinzu: „Es gibt viele Regeln. Einige passen in den Moment, andere weniger. Am besten entscheidet jeder individuell und situativ, wie er sich verhält. Dann wird alles gut.“ Nach lehrreichen vier Stunden wird nun der ausgefüllte Fragebogen gezückt. Bei allen Fragen schnellen die Zeigefinger in die Höhe. Wer vorher nicht soviel wusste, ist jetzt sicherer und kennt die Antworten. Benimmregeln können also wirklich gelernt werden.

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