Klirrende Kälte oder gar ein arktischer Sommer?

Von: Nicola Gottfroh, Sarah Sillius und Robert Flader
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Klimaforscher Christoph Schnei
Klimaforscher Christoph Schneider (rechts) und seine Kollegen müssen sich bei ihren Forschungsreisen in Nordaustlandet, der zweitgrößten Insel um das Spitzbergen Archipel, immer richtig kleiden. Kein bisschen Haut darf zu sehen sein - sonst gibt es Erfrierungen. Dagegen bietet unsere Kältewelle fast angenehme Temperaturen. Foto: Geographisches Institut der RWTH

Aachen. Es ist wie ein Sommer in der Arktis. Minus sieben Grad messen nicht nur die Wetterstationen in der Arktis, sondern auch unsere. Was sich für die Bewohner der Arktis angenehm warm anfühlt, nehmen die Menschen in Deutschland als bittere Kälte wahr.

Hoch Cooper garantiert der Region auch in den kommenden Tagen eisige Tagestemperaturen bis minus sieben Grad. „Das ist kühl, aber nicht sensationell”, sagt Uwe Kirsche vom Deutschen Wetterdienst.

Dennoch habe man allen Grund zum Frieren, Ursache dafür sei der Windchill-Effekt. Dieser beschreibt den Unterschied zwischen der gemessenen Temperatur und der gefühlten Temperatur in Abhängigkeit von der Windgeschwindigkeit. Einfacher gesagt: Die eisige Luft fühlt sich wegen des scharfen Windes noch kälter an als das Thermometer anzeigt. Kirsche: „Die gefühlte Temperatur kann dann auch mal im zweistelligen Minusbereich liegen.”

Temperaturen, bei denen tatsächlich kein Mensch mehr freiwillig vor die Tür geht, haben die Meteorologen Wolfgang Seifert und Thomas Schmidt schon häufiger am eigenen Leib zu spüren bekommen. Bereits sieben Mal war Wolfgang Seifert, Leiter der Regional- und Seewetterzentrale des Deutschen Wetterdienstes, zu Forschungszwecken in der Antarktis.

Thomas Schmidt befindet sich zurzeit in der Arktis, an der deutschen Neumayer Station III des Alfred-Wegener-Instituts. „Für uns ist gerade Sommer”, sagt Schmidt. Mitte Januar hatten er und sein Team noch mit einem heftigen Schneesturm zu kämpfen. „Die meisten haben ihre Häuser nicht mehr verlassen, aber wir mussten weiterarbeiten”, sagt Schmidt. „Der Himmel war weiß, der Schnee war weiß, die Sicht gleich Null. Das nennt man den White-out-Effekt. Da hilft nur noch ein GPS-Gerät.”

Auch die Kleidung muss gut gewählt sein. „In der Antarktis setzt man auf das Zwiebelschalenprinzip”, sagt Seifert. Dabei werden viele Schichten übereinander angezogen. „Kommt man dann in wärmere Unterkünfte, kann man die Kleidung Schicht für Schicht ablegen. Dieses Prinzip ist sehr effektiv.” Geschützt werden müssen aber auch die Stellen, die sonst eher selten dick verpackt werden. Insbesondere das Gesicht. „Bei richtig eisigen Temperaturen muss das Gesicht mit Fettcreme eingerieben werden”, sagt Seifert.

Das allein reiche jedoch nicht. Die Augen müssen von Skibrillen geschützt werden. Jeder Flecken Haut müsse verhüllt sein. In wirklich eisigen Regionen schützen die Menschen ihr Gesicht mit den sogenannten Balaklavas, einem Gesichtsschutz, der wie eine Sturmhaube aussieht.

Christoph Schneider, Klimaforscher am Geografischen Institut der RWTH Aachen, ist ein echter Kälte-Routiniers. Doch bei seiner letzten Expedition nach Spitzbergen im Mai 2010 - das Thermometer zeigte minus 18 Grad, der Wind pfiff ihm mit 70 Kilometern pro Stunde um die Ohren - war ein winziges Stückchen Haut an der Wange nicht richtig bedeckt. Und schon nach kurzer Zeit war diese Stelle schwarz: eine oberflächliche Erfrierung. „Nach ein paar Tagen ist an der erfrorenen Stelle aber dann neue, rosige Haut hinterhergekommen”, sagt Schneider. Aufwärmen am Abend ist in Spitzbergen allerdings nicht drin: Domizil des Forschers bei den zehn Tage bis zwei Wochen dauernden Touren sind Zelte, in denen es nicht wärmer als minus sechs Grad wird. Schneider: „In einem guten Schlafsack lässt sich das aber aushalten.”

Einen solchen Schlafsack besitzt Michael S. (Name von der Redaktion geändert) nicht. Michael S., 26, aus Aachen ist obdachlos. Meistens hat er einen Schlafplatz im Café Plattform, manchmal bleibt er draußen. „Von Schlafen kann dann keine Rede sein”, sagt er, während er auf dem Aachener Kaiserplatz steht, die Kapuze tief ins Gesicht und den Schal bis zur Nase hochgezogen.

„Wenige bleiben bei der Kälte noch draußen”, sagt Simone Holzapfel, Leiterin des Café Plattform, einer Aachener Anlauf- und Schlafstelle für Obdachlose. „Bei diesen eisigen Temperaturen kommen die Menschen früher und bleiben länger.” Alle 20 Betten und auch die zehn Notbetten seien dann stets belegt. „Ein Platz zum warmen Übernachten findet sich immer. Keiner muss draußen schlafen”, sagt Holzapfel. Die Obdachlosen könnten im Notfall in städtischen Notunterkünften ein warmes Bett finden.

Michael S. weiß, wie es sich anfühlt, wenn der Körper fast erfriert. „Selbst wenn man ins Warme kommt, spürt man den Unterschied zwischen Warm und Kalt nicht mehr. Man taut gar nicht mehr auf”, erzählt er und reibt sich die Hände. Auch wenn Michael S. die Gefahr kennt: Manchmal hat er einfach keine Lust darauf, im Obdachlosenheim zu schlafen. Dann legt er sich irgendwohin, zum Beispiel in eine Einkaufspassage. „Man wartet dann einfach nur noch darauf, dass wieder Tag wird und man sich irgendwo aufwärmen kann.”

Martin Mönch, 25, kann die Kälte nichts anhaben. Mönchs Arbeitsplatz ist ein Tiefkühlhaus. Er ist als Techniker bei der Firma Rosen Eiskrem in Heinsberg beschäftigt und dort Temperaturen um minus 28 Grad ausgesetzt. Er schützt sich mit einem speziellen Tiefkühl-Overall, der aus Baumwolle und einem Luftpolster besteht. Er trägt gefütterte Stiefel mit dicker Gummisohle und eine Art Sturmhaube. „Was viele nicht wissen”, sagt Mönch: „Die meiste Kälte entweicht über den Kopf.” So hält es Mönch ein bis zwei Stunden im Kühlhaus aus. „Ohne die Kleidung nur zehn Minuten.”

Nach über fünf Jahren in der Tiefkühlhalle weiß er, wie er sich auf die Kälte einstellen muss. „Viel trinken ist wichtig”, sagt er. „Und ein gesundes Frühstück mit Kohlenhydraten, Obst und Joghurt. Der Körper braucht etwas zum Verbrennen.” Einmal wurde Mönch in der Nacht in die Kühlhalle gerufen und hatte den Fehler begangen, vorher nichts zu essen. „Wenn der Kreislauf heruntergefahren ist, dann geht die Kälte direkt an den Mann.”

Den Kreislauf in Schwung halten, das müssen auch die Zweitliga-Fußballer von Alemannia Aachen, sagt Mannschaftsarzt Alexander Mauckner. „Die Kälte an sich ist für uns kein Problem.” Angst und Bange wird dem für die Fitness der Profis Verantwortlichen auch bei minus sieben Grad nicht, dennoch erhebt er mahnend den Zeigefinger. Für Benni Auer, Bas Sibum und Co. gehe es jetzt mehr denn je darum, sich ausgiebig warm zu machen, nach dem Training ausreichend Kohlenhydrate aufzunehmen (Mauckner: „Bei Kälte ganz wichtig nach großer Anstrengung im Freien”). Auch das Verletzungsrisiko ist bei Kälte höher. „Die harten und gefrorenen Böden auf den Trainingsplätzen sind durchaus ein Problem.” Vor allem der Rasen auf dem Tivoli ist in ausgesprochen schlechtem Zustand. Überhaupt sei Frost für Sportler besser als „chaotisches Wechselwetter”, auf das sich Mannschaft und Betreuerstab schlechter einstellen und entsprechend vorbereiten könnten. Ein Patentrezept gegen Verletzungen und Erkältungen gebe es aber auch im tiefsten Winter nicht, sagt Mauckner. Na ja, vielleicht doch: „Warmer Tee vor, während und nach dem Training hilft viel.” Er scheint vorerst recht zu behalten: Noch hat sich kein Spieler verletzt oder erkältet.

Sascha Koullen braucht weder spezielle Kleidung noch warme Getränke. Das mag verwundern, immerhin ist Koullen der Betreiber der Tivoli-Eissporthalle in Aachen und dreht jeden Tag mit der Eismaschine seine Runden. Aber in der Halle ist es warm. Sobald die Außentemperaturen sinken, muss der Betreiber der Eissporthalle die Heizung aufdrehen, damit die Rohre nicht einfrieren.

Besser auf die Kälte ausgerichtet ist die Skihalle in Neuss. „Ich habe alle Kühlmaschinen ausgestellt”, sagt Dzemal Dzaferovic, technischer Leiter der Skihalle. Nun herrsche in der Halle die gleiche Temperatur wie draußen. Eine Ausnahmesituation, die den Betreibern aber durchaus willkommen ist: „Je kälter es draußen ist, desto besser ist das für uns.”
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