Klimaschutz mit aller Gewalt und Sonnenblumen

Von: Daniel Gerhards, Thorsten Pracht und Marlon Gego
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Impressionen eines Tages: Beim Durchbrechen der Polizeiblockaden schenkten sich Polizisten und Aktivisten nichts. Als die Aktivisten gab die Polizei ihre konfrontative Strategie weitgehend auf. Foto: Gerhards (4), Roeger, Gego
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Impressionen des Protests: Beim Durchbrechen der Blockaden schenkten sich Polizisten und Aktivisten nichts. Als die Aktivisten in den Tagebau kamen, gab die Polizei ihre konfrontative Strategie auf. Foto: Gerhards (4), Roeger, Gego
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Impressionen des Protests: Beim Durchbrechen der Blockaden schenkten sich Polizisten und Aktivisten nichts. Als die Aktivisten in den Tagebau kamen, gab die Polizei ihre konfrontative Strategie auf. Foto: Gerhards (4), Roeger, Gego
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Impressionen eines Tages: Beim Durchbrechen der Polizeiblockaden schenkten sich Polizisten und Aktivisten nichts. Als die Aktivisten gab die Polizei ihre konfrontative Strategie weitgehend auf. Foto: Gerhards (4), Roeger, Gego
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Impressionen eines Tages: Beim Durchbrechen der Polizeiblockaden schenkten sich Polizisten und Aktivisten nichts. Als die Aktivisten gab die Polizei ihre konfrontative Strategie weitgehend auf. Foto: Gerhards (4), Roeger, Gego
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Das Foto zeigt die Demo in Erkelenz-Immerath. Foto: Gerhards (4), Roeger, Gego

Erkelenz/Titz/Merzenich. Der grauhaarige Rentner ist noch gar nicht richtig wach, als er am Samstagmorgen um kurz nach acht in der Haustür steht. In Sandalen schlurft er zur schmalen Straße, vielleicht hat der Lärm ihn neugierig gemacht, vielleicht will er auch nur die Zeitung aus dem Briefkasten holen.

 Knapp 300 Menschen laufen an seinem Haus vorbei, sie pfeifen und sie singen, sie rufen „So sieht Demokratie aus“, manchmal knarzt die Stimme einer jungen Frau aus dem Megafon: „Wir werden schneller“ oder „enger zusammenbleiben“, ruft sie. „Guten Morgen“, sagt der grauhaarige Rentner, dreht sich um und geht wieder ins Haus.

Am Samstagmorgen waren gegen 7.30 Uhr bis zu 1500 Anhänger des Aktivistenbündnisses „Ende Gelände“ in fünf Gruppen aus dem Klimacamp in Erkelenz-Lützerath aufgebrochen, um den Tagebau Garzweiler wie angekündigt zu besetzen. Obwohl viele Polizisten im Einsatz waren, hielten sie dem Druck der Menschen an mehreren Stellen nicht stand. Als am Samstagabend alle Aktivisten wieder aus dem Tagebau gebracht worden waren, stand fest: 805 Menschen sind in den Tagebau gelangt, die mit weitem Abstand größte Zahl von Menschen, die je einen der drei Tagebaue im Rheinischen Revier unerlaubt betreten haben. Die größte Protestaktion in der Geschichte des Rheinischen Reviers.

Die Aktivisten laufen aus Jackerath heraus, auf einer Brücke über die A44, danach über einen Feldweg auf die A61 zu. Gleich dahinter liegt der Tagebau. Die ersten fünf Kilometer vom Klimacamp dorthin sind für die Aktivisten ein Kinderspiel, niemand hält sie auf. Vor sich sehen die Aktivisten die nächste Brücke. Darauf eine Absperrung aus Holz, gesichert von nur zwei Polizisten. Etwa 200 Meter vor der Straßensperre nehmen die Aktivisten Tempo auf. Sie rennen auf die Sperre zu, treten sie nieder und versuchen dann, an den beiden Polizisten vorbeizukommen. Die Beamten setzen Pfefferspray und Schlagstöcke ein. Aber was können zwei schon gegen Hunderte ausrichten?

Mehr als 1200 Polizisten aus ganz Nordrhein-Westfalen sind im Einsatz, deswegen ist der Widerstand an anderen Stellen größer. Eine andere Aktivistengruppe trifft auf der Autobahnbrücke zwischen Jackerath und Kaiskorb auf ein paar Dutzend Polizisten, auch dort kommt es zur Konfrontation. Schlagstöcke und Pfefferspray werden eingesetzt, einzelne Aktivisten werden mit Kabelbindern gefesselt. Die Gruppe ist geteilt. Doch die Mehrzahl setzt ihren Weg auf der anderen Seite der Autobahn fort. Danach ist der Weg an die Bagger im Tagebau so gut wie frei.

Die Räumpanzer kommen

Nach den ersten Aufeinandertreffen von Polizei und Aktivisten sprach die Polizei noch von „Rangeleien“, was sich als maßlose Untertreibung herausstellen sollte. Mit den Aktivisten waren zwei Journalisten in den Tagebau gelangt, auch ein Reporter unserer Zeitung war dabei.

Er sah, was passierte, er machte Fotos. Als unser Reporter gegen Mittag aus dem Tagebau zurückkam und die Polizei mit seinen Eindrücken konfrontierte, änderte sich nach Rücksprache mit der Einsatzleitung in Düren der Sprachgebrauch: Ja, Schlagstöcke, Pfefferspray und Kabelbinder seien in der Tat eingesetzt worden. Am Ende meldete die Polizei 36 Verletzte: 21 Aktivisten, 15 Polizisten. Der Herzinfarktverdacht bei einer jungen Aktivistin stellte sich im Krankenhaus zum Glück als Kreislaufschwäche heraus.

Viele Aktivisten tragen weiße Maleranzüge, manche ziehen einen Mundschutz an, sobald eine Kamera in Sichtweite kommt. Die meisten haben noch ein Leben außerhalb der Klimaschutzbewegung und wollen nicht erkannt werden. Junge Frauen sind dabei und alte Männer, einige laufen barfuß, manche haben ein Plexiglas-Visier wie bei einem Motorradhelm vor den Augen. Sie wissen, was passieren wird.

Als die ersten Aktivisten den südlichen Eingang zum Tagebau erreichen, gibt die Polizei ihre konfrontative Taktik auf. Ab dort begleiten die Beamten die Aktivisten nur noch, sie lassen sie gewähren. Die ersten Aktivisten laufen auf Bagger 258 zu, und als sie in der Nähe sind, entscheidet RWE, den Bagger außer Betrieb zu setzen, ebenso einen weiteren, der in unmittelbarer Nähe steht. Das erste Ziel der Aktivisten ist erreicht.

Schon früh hatte es Gerüchte gegeben, dass die Dürener Polizei, die den Einsatz während des gesamten Wochenendes leitete, RWE im Vorfeld der Aktion empfohlen hatte, die Aktivisten ohne Gegenwehr in den Tagebau zu lassen und den Betrieb das Wochenende über einfach auszusetzen.

So wären viele hässliche Bilder vermieden worden, die entstanden, als Aktivisten und Polizisten aufeinandertrafen. RWE hätte so viel Toleranz gut zu Gesicht gestanden, die Polizei hätte ruhige Tage verbracht, niemand wäre verletzt worden. Doch ob es diesen Vorschlag der Polizei wirklich gegeben hat, und ob RWE diesen Vorschlag dann abgelehnt hat, ließ sich am Wochenende nicht feststellen.

Ein Hubschrauber der Polizei sinkt vor den Aktivisten im Tagebau bis auf wenige Meter Flughöhe herunter. Er wirbelt Staub auf. Das schmeckt den Aktivisten zwar nicht, hält sie aber andererseits von nichts ab. Die Polizei lässt zwei Räumpanzer anrollen.

Kurz vor dem Bagger dann stehen sie sich Auge in Auge gegenüber: die „Ende Gelände“-Aktivisten und die Sicherheitsmänner von RWE. Die einen tragen weiße Maleranzüge, die anderen orangene Latzhosen und Schutzhelme. Die einen wollen den Kohleabbau stoppen, weil er das Klima schädigt. Die anderen wollen Kohle fördern, weil sie ihren Arbeitsplatz garantiert. Es kommt zu Handgreiflichkeiten. Dann übernimmt die Polizei. Sie bildet eine Kette vor dem Bagger.

Nur wenige Aktivisten kommen vorbei und steigen auf den Bagger. Die anderen stehen kurz davor. Dann kommt vom Leiter der Polizei-Hundertschaften das Kommando: „einkesseln“. Die Polizisten rücken von allen Seiten auf die Aktivisten zu. Rund 200 Menschen setzen sie so fest. Doch von Süden gelangen immer mehr Aktivisten in den Tagebau, auch sie werden später in ähnlicher Weise umstellt. Gegen Mittag entsteht so eine Art Patt, nichts tut sich.

Der Parkplatz am Skywalk bei Titz-Jackerath, von dem aus man die unvorstellbare Weite des Tagebaus überblicken kann, war am Samstag so etwas wie der Anlaufpunkt für die zahllosen Journalisten, die über „Ende Gelände“ berichteten. Dort standen die Sprecher der Polizei, dort stand auch ein Pressestellenmitarbeiter von RWE. Unten im Tagebau ereignete sich die größte Betriebsstörung, die größte Ansammlung von Aktivisten in der Geschichte des Tagebaus Garzweiler, und oben stand ein Mitarbeiter der RWE-Pressestelle. Kein Vorstandsmitglied, nicht einmal der Betriebsleiter.

RWE erklärte am Sonntag auf Anfrage unserer Zeitung, es sei schwierig, ein Vorstandmitglied unter diesen Voraussetzungen „ausreichend zu schützen“. Außerdem „sollte man eine Betriebsstörung nicht dadurch aufwerten, dass ein RWE-Vorstandsmitglied sich dazu äußert“.

Um 14 Uhr beginnt in Erkelenz-Immerath eine angemeldete Demonstration, wer aus dem Klimacamp nicht mit in den Tagebau gegangen ist, steht jetzt im Regen von Immerath. Hunderte Menschen halten Plakate hoch, auf denen Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) dazu aufgefordert wird, die Stromgewinnung aus Braunkohle endlich zu stoppen. Immerath ist der Ort, der als nächstes abgebaggert wird, der Tagebau Garzweiler frisst sich immer weiter nach Westen. Die Häuser stehen zum überwiegenden Teil leer, der Ort stirbt nicht, er ist bereits tot.

Auf einer zur Bühne umfunktionierten Lkw-Ladefläche begeistert sich „Ende Gelände“-Sprecher Martin Weis über den Erfolg der Aktion, er ist beseelt von der Tatsache, dass die Bewegung tatsächlich RWE-Bagger zum Stillstand gebracht hat. Er spricht angesichts der durch die Verstromung von Braunkohle entstehenden Umweltschäden und der Zerstörung von landwirtschaftlichen Flächen, Wäldern und ganzen Dörfern von „berechtigtem zivilen Ungehorsam“. Die Aktion sei „nicht legal, aber legitim“. Die etwa 500 Demonstranten klatschen und jubeln, eine Sambakapelle mit pinken Perücken macht Musik.

In der Tat ist es nicht damit getan, die Aktivisten als Kriminelle und Berufsdemonstranten abzuqualifizieren. Es gibt niemanden, der 2015 noch ernsthaft bestreiten würde, dass die Verstromung der Braunkohle eine Katastrophe für das Weltklima ist. Es bestreitet auch niemand, dass es für so viele Menschen im Rheinischen Revier eine Katastrophe ist, ihre Heimat aufgeben und dabei zusehen zu müssen, wie ihre Häuser, ihre Dörfer einfach weggebaggert werden.

Andererseits hängen immer noch etwa 26.000 Arbeitsplätze an den Tagebauen. Die Haltung zu RWE und zum Braunkohleabbau hängt also sehr von der Perspektive ab, die man einnehmen möchte. Es ist deswegen kein Zufall, dass die Aktivisten aus ganz Europa kommen, nur wenige leben im und vom Rheinischen Braunkohlerevier. Dass die Bagger im Rheinland und in der Lausitz noch laufen, ist ein sehr alter Kompromiss, der zwar das Klima schädigt, aber Tausenden Menschen Arbeit gibt und der dazu beiträgt, dass der Strom einigermaßen bezahlbar bleibt.

Dieser Kompromiss ist sehr auf die Gegenwart ausgerichtet. Es gehört viel Fantasie dazu, sich vorzustellen, dass sich ein solcher Kompromiss tatsächlich bis 2045 aufrechterhalten lässt, bis Garzweiler ausgekohlt sein wird.

Am frühen Nachmittag dringen Gerüchte aus dem Tagebau, Polizisten würden grundlos Pfefferspray verwenden und auf am Boden liegende Aktivisten eintreten, die nun in kleinen Gruppen in Polizeifahrzeugen aus dem Tagebau gebracht werden. Ein Reporter unserer Zeitung erbittet beim RWE-Pressestellenmitarbeiter am Skywalk die Genehmigung, sich im Tagebau selbst ein Bild von der Lage machen zu dürfen. Der Pressestellenmitarbeiter telefoniert eine halbe Stunde lang, dann steht fest: Journalisten dürfen nicht in den Tagebau, zu gefährlich. Außerdem stehe der Werkschutz momentan nicht für Journalistenbegleitungen zur Verfügung.

Die Entscheidung ist unumstößlich, RWE hat als Betreiber des Tagebaus das Hausrecht. Die Polizei ist enttäuscht, sie hätte es begrüßt, wenn Journalisten den Einsatzort an Bagger 238 hätten besuchen dürfen.

Die Polizisten setzen sich unter Zeitdruck, bevor die Dunkelheit hereinbricht, sollen die Aktivisten aus dem Tagebau sein. Um 19.40 Uhr verlässt der letzte Polizeibulli den Tagebau, die Bagger nehmen ihren Betrieb wieder auf. Weder RWE noch die Polizei wollen ein Zwischenfazit ziehen, wer weiß, was die Nacht bringen wird.

Es wird weitere Aktionen geben

„Ende Gelände“-Sprecher Martin Weis betont später im Gespräch mit unserer Zeitung einmal mehr, dass „die Aktion ein Riesenerfolg gewesen“ sei. Er weiß, dass die Aktivisten im Tagebau das Ende des Braunkohleabbaus nicht erzwingen können, aber Weis sagt, sie können dazu beitragen, dass die Diskussion in Deutschland wieder in Gang gesetzt wird. Es wird weitere Aktionen geben, so viel steht fest, aber Weis sagt, zunächst einmal werde im Klimacamp gefeiert.

Am nächsten Morgen, am Sonntag gegen 6 Uhr, machen sich drei Menschen wahrscheinlich vom Wiesencamp im Hambacher Forst bei Merzenich-Morschenich auf, um einen Bagger im Tagebau Hambach zu besetzen. Die Aktion glückt, der Bagger steht ab etwa 7 Uhr still. Doch die Polizei ist schnell vor Ort, um 9 Uhr ist der Bagger geräumt. Mehr wird an diesem Wochenende nicht passieren.

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