Erkelenz/Merzenich/Aachen - Klimacamp: Die Protagonisten eines angekündigten Protests

Klimacamp: Die Protagonisten eines angekündigten Protests

Von: Marlon Gego
Letzte Aktualisierung:
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Weinspach blickt nervös auf die anstehenden Proteste.
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Michael Zobel (rechts) führte bereits 8500 Menschen durch den Hambacher Forst.

Erkelenz/Merzenich/Aachen. Dass Dirk Weinspach angespannt ist, sagt er nicht, man sieht es ihm an. Er schaut ein bisschen ernster als sonst, er presst die Lippen ab und zu aufeinander, was er sonst fast nie tut. Und er wägt seine Worte noch etwas genauer als ohnehin schon. Dirk Weinspach ist Aachens Polizeipräsident, er und seine Beamten verantworten einen der größten Einsätze in der Geschichte der Aachener Polizei, auch wenn er gar nicht in Aachen stattfindet.

Am Mittwoch beginnen die sogenannten Aktionstage im Rheinischen Revier, das bedeutet, es wird protestiert, und zwar nicht nur friedlich, sondern „mit Aktionen zivilen Ungehorsams“, so haben es die Aktivisten im Klimacamp in Erkelenz angekündigt. Was genau das bedeutet, kann man nur ahnen, vor zwei Jahre marschierte das Aktionsbündnis „Ende Gelände“ mit 1500 Aktivisten auf den Tagebau Garzweiler zu, durchbrach Polizeisperren und drang mit 805 Menschen in den Tagebau ein.

Vergangenes Jahr drangen noch viel mehr „Ende Gelände“-Aktivisten in einen Tagebau in der Lausitz ein, vor allem aber ins Kohlekraftwerk Schwarze Pumpe. Das ist es, was die Polizei, was auch Tagebau- und Kraftwerkbetreiber RWE am meisten fürchtet: dass die Kraftwerke angegriffen werden, auf welche Weise auch immer.

Die Lage vor den Protesten ist unübersichtlich, deswegen versuchen wir, einen Überblick über die wichtigsten Aspekte zu geben:

1. Das Klimacamp

Das Klimacamp ist auf einer Wiese in der Nähe des Lahey-Parks in Erkelenz-Kückhoven errichtet worden, die Organisatoren erwarten bis zu 6000 Teilnehmer. Das Camp liegt wenige Kilometer westlich vom Tagebau Garzweiler. Es werden (links-)politische Workshops, Diskussionen und Seminare angeboten, dazu Aktionstrainings, in denen die Teilnehmer an den Protesten auf Aktionen zivilen Ungehorsams vorbereitet werden.

Auf dem Gelände des Klimacamps sind auch andere Bündnisse, Camps und Initiativen, zum Beispiel „Connecting movements“, „Degrowth summer school“, „Zucker im Tank“, „Kohle erSetzen!“ oder „Ende Gelände“. Die Gruppen voneinander abzugrenzen, ist für Außenstehende, auch für die Polizei, nahezu unmöglich. 2015 war es so, dass fast alle Menschen im Klimacamp sich am „Ende Gelände“-Sturm auf den Tagebau Garzweiler beteiligt haben. Wann eine solche Tagebaubesetzung in dieser Woche ansteht, oder ob etwas ganz anderes geplant ist, weiß die Polizei nicht.

Auf der anderen Seite des Reviers, in Kerpen-Manheim am Tagebau Hambach gibt es noch das „Camp for future“ der Jugend des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Die BUND-Jugend hat ihre Zelte bewusst nicht auf dem Klimacamp aufgeschlagen. Sie haben friedliche Proteste gegen den Braunkohleabbau angekündigt.

2. Die Aktivistin

Als Janna Aljets am 15. August 2015 mit Hunderten anderen „Ende Gelände“-Aktivisten in den Tagebau Garzweiler eindrang, hat sie das emotional tief bewegt. Nicht dass es ihr gelungen war, an der Polizei vorbeizukommen, sondern mit eigenen Augen zu sehen, welches Maß an Zerstörung der Braunkohleabbau anrichtet, welche tiefen Wunden die gigantischen Bagger in die Erde graben. Sie sagt: „Der Tagebau ist ein Sinnbild für das, was falsch läuft in der Gesellschaft.“ Als sie diese Woche davon erzählt, steigen ihr die Tränen in die Augen.

Aljets (31) ist Sprecherin des Aktionsbündnisses „Ende Gelände“, aber ebenso gut könnte sie Köchin sein oder etwas anderes auf dem Klimacamp machen, es ist mehr Zufall, dass sie es dieses Jahr ist, die mit der Presse sprechen und für Verständnis werben soll. Verständnis auch für Aktionen zivilen Ungehorsams, ein Begriff, in dem die Polizei eine Verharmlosung von Regelverstößen und Straftaten sieht. Janna Aljets findet aber, dass ziviler Ungehorsam notwendig ist, sie sagt: „Wir schaffen einen Moment der Selbstermächtigung.“

Gegen Umweltverschmutzung, gegen die Zerstörung des Planeten, für globale Gerechtigkeit. Die Aktivisten, sagt Aljets, sähen sich in der Tradition der Bürgerrechtsbewegung in den USA, der Anti-Apartheidsbewegung in Südafrika oder der indischen Freiheitsbewegung, die alle zivilen Ungehorsam propagiert und eingesetzt haben, um ihre politischen Ziele zu erreichen. Den Aktivisten geht es um das große Ganze.

Trotzdem sei es unter den Teilnehmern des Klimacamps Konsens, dass bei den Aktionen kein Mensch gefährdet oder verletzt werden soll. Für alle, sagt Aljets, könne sie natürlich nicht sprechen.

Mit Janna Aljets kann man stundenlang darüber diskutieren, was falsch läuft in der Welt, und was die Ursachen dafür sind. Sie sagt dann, dass es den Aktivisten keineswegs nur darum geht, den Braunkohleabbau in Deutschland zu stoppen, sondern darum, eine neue Welt zu schaffen, eine gerechtere. Sie hebt die Stimme, sie gestikuliert, sie schlägt mit der Hand auf den Tisch. Es ist ihr bitterernst. Vielleicht arbeitet Aljets sich an einer Utopie ab, aber sie glaubt: „Wir brauchen Utopien, um an die Wurzel des Problems zu gelangen.“

Wenn Janna Aljets erklären soll, was das Schönste an der Welt ist, in der sie leben möchte, dann sagt sie: „Niemand lebt auf Kosten eines anderen.“ Eben nicht wie in dieser Welt, in der der auch im Rheinischen Revier angeheizte Klimawandel in erster Linie Menschen auf der südlichen Erdhalbkugel schadet, in der der reiche Norden auch auf Kosten des armen Südens lebt.

3. Die Demonstrationen

Bislang sind die folgenden Versammlungen bei der Polizei angemeldet:

Mahnwache am Aussichtspunkt Hochneukirch bei Mönchengladbach-Wanlo im Norden des Tagebaus Garzweiler. 25. August, 7 Uhr, bis 27. August, 18 Uhr.

Mahnwache in Bedburg-Rath, Friedensstraße. 25. August, 7 Uhr, bis 27. August, 18 Uhr.

Mahnwache am Aussichtspunkt „Skywalk“ in Titz-Jackerath im Südwesten des Tagebaus Garzweiler. 25. August, 7 Uhr, bis 27. August, 18 Uhr. Die Polizei vermutet, dass der Anmelder aller drei Mahnwachen den Klimaaktivisten zuzurechnen ist.

Mahnwache „Schnauze voll“ gegen gewaltsame Braunkohleproteste der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE). Die Mahnwache, die am Kreisverkehr an der A 61-Abfahrt Jackerath liegt, wird am 24. August um 12 Uhr von Teilnehmern eines Motorradkorsos eröffnet. Der Korso startet um 10 Uhr am Schlossparkplatz in Bedburg. Um 18 Uhr ist eine Kundgebung geplant. Die Mahnwache endet am 25. August um 17 Uhr. Die Polizei rechnet mit 50 bis 100 Teilnehmern, die IG BCE mit bis zu 500 Teilnehmern.

Demonstration „Rote Linie“, angemeldet vom BUND. Die Teilnehmer der Demonstration sollen am Samstag, 26. August, von 12 bis 14 Uhr zwischen dem Parkplatz Manheimer Bürge an der L 276 nordwestlich von Kerpen-Buir entlang der alten A 4-Trasse Richtung Kerpen-Manheim rot gekleidet eine Rote Linie bilden. An dieser Roten Linie soll nach Vorstellung des BUND, von Greenpeace und der Klima-Allianz Deutschland der Tagebau Hambach enden, weil sonst die Bundesrepublik ihre selbstgesteckten Klimaschutzziele nicht einhalten könne, wie BUND-NRW-Sprecher Dirk Jansen vergangene Woche erklärte. Er bittet alle Demonstrationsteilnehmer, rote Bekleidung zu tragen. Die Abschlusskundgebung ist im Anschluss in Kerpen-Manheim.

Angemeldet ist die Demonstration für bis zu 2000 Teilnehmer. Wie viele aber wirklich kommen werden, ob mehr oder weniger, können im Moment weder der BUND noch die Polizei prognostizieren. Der BUND legt wert auf die Feststellung, dass die Demonstration friedlich ablaufen soll, ziviler Ungehorsam sei nicht geplant.

Vor der Demonstration lädt der Aachener Waldführer Michael Zobel zu einer Kurzführung durch den Hambacher Forst ein, dessen Reste wegen des Braunkohleabbaus vor der Zerstörung stehen. Zobel, der nach eigenen Angaben in 40 Führungen fast 8500 Menschen den Hambacher Forst zeigte, beginnt um 11 Uhr am Parkplatz Manheimer Bürge, der auch der Ausgangspunkt der Demonstration ist, die eine Stunde später beginnt.

4. Die RWE Power AG

Die Stimmung im Unternehmen ist angespannt, RWE-Sprecher Lothar Lambertz sagt, dass die anstehenden Proteste nicht an den Mitarbeitern vorbeigehen. RWE hat den Werkschutz für diese Woche einschließlich des Wochenendes verstärkt, sowohl in den Kraftwerken als auch in den Tagebauen sind mehr Sicherheitsmitarbeiter als üblich. „Ich glaube, alle Mitarbeiter sind froh, wenn die Woche vorbei ist, ohne dass ein Eingreifen der Polizei erforderlich geworden ist“, sagt Lambertz.

5. Die Polizei

Helmut Lennartz ist der erfahrendste Schutzpolizist im Aachener Polizeipräsidium, der ranghöchste ist er auch. Er wird den Einsatz vom Präsidium aus leiten, Schätzungen zufolge unterstehen ihm diese Woche zeitweise etwa 2000 Polizisten aus ganz NRW und darüber hinaus. Er vermutet, dass eine kleine Gruppe Aktivisten gewaltbereit ist, die auch vor Gewalt gegen Menschen nicht zurückschreckt. Er vermutet, dass es eine nicht gar so kleine Gruppe Aktivisten gibt, die bereit sind, Gewalt gegen Gegenstände zu richten. Aber er vermutet auch, dass der größte Teil der Aktivisten friedlich ist. Mit gewalttätigen Blöcken wie in Hamburg sei diese Woche eher nicht zu rechnen, sagte Lennartz am Montag.

Der Einsatz läuft seit vergangenem Freitag, und zwar rund um die Uhr. Er spricht von „einer enormen Belastung“ für die nordrhein-westfälische Polizei, zumal am Wochenende auch noch drei Bundesligaspiele in NRW stattfinden. Die Polizei hat nicht nur die Bürger im Rheinischen Revier und ihr Eigentum zu schützen, sie ist außerdem zuständig für drei Tagebaue, fünf Kraftwerke, etwa 130 Kilometer Gleise der Hambachbahn, 90 Kilometer Abbruchkante.

Lennartz gibt sich nicht der Illusion hin, die „Ende Gelände“-Aktivisten, die im Internet angekündigt haben, in einen der Tagebaue einzudringen, davon abhalten zu können, deswegen verspricht er es auch gar nicht erst. „Wenn Menschen in den Tagebau gelangen, geht der Einsatz eben in der Grube weiter“, sagt Lennartz. Er schließt nicht aus, dass der Tagebaubetrieb dennoch gestört wird. Es könnte eine lange Woche werden.

Polizeipräsident Dirk Weinspach ist besorgt darüber, dass es im Revier möglicherweise „nicht friedlich bleibt“.Was er im Internet so liest, interpretiert er „als Ankündigung massiver Straftaten“: Blockade, Sabotage, Hausfriedensbrüche. Weinspach hat auch in diesem Jahr wieder viele Gespräche geführt, mit Bürgern, mit RWE, wie immer auch mit den Aktivisten, das ist sein Stil. Was es genutzt hat, zeigt sich am Ende der Woche. Er sagt: „Unser Ziel ist, dass am Ende aller Veranstaltungen alle gesund nach Hause gehen.“

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