Klares Wort, viel Lob, päpstlicher Sieg

Von: Peter Pappert
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Umringt von Gratulanten, Freunden, Weggefährten und Medien: Bischof Heinrich Mussinghoff am Donnerstag im Krönungssaal. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Der Geist spielt in der Kirche naturgemäß eine große Rolle; der Geist einer Sache oder einer Botschaft soll Köpfe und Herzen erreichen. So gerne die Geburtstagsgesellschaft von Bischof Heinrich Mussinghoff am Donnerstag den emeritierten Kurienkardinal Walter Kasper gesehen und mit ihm gesprochen hätte, sein Geist war doch spürbar im Krönungssaal des Aachener Rathauses.

Er selbst aber war zu krank, um zur Feier nach Aachen zu kommen und den Festvortrag zu halten. Auf den richteten sich allerdings schon große Erwartungen, schließlich ist Kasper zentraler und maßgeblicher Antreiber in der Debatte um die Familienpastoral, engster Berater des Papstes in Familienfragen und derjenige, der beharrlich auf Reformen drängt in der Frage des Kommunionempfangs für wiederverheiratete Geschiedene.

So war man gespannt darauf, wie Kasper die gerade beendete Familiensynode im Vatikan deutet. Sein Kommentar ist eindeutig und deutlich: „Sieger sind nicht die Konservativen oder die Progressiven, der eigentliche Sieger ist der Papst. Sein Reformkurs wurde mit mehr als zwei Drittel grundsätzlich bestätigt.“

Ein klares Wort. Prälat Klaus Krämer, Präsident von Missio, sprach es stellvertretend für Kasper, dessen Sekretär er in früheren Zeiten war, und trug die Festansprache des Kardinals beim Empfang zu Mussinghoffs 75. Geburtstag wortgetreu vor.

Was Aristoteles sagt

Die Synode habe „die Tür für die Zulassung der wiederverheirateten Geschiedenen zu den Sakramenten in Einzelfällen“ geöffnet, lässt Kasper wissen. „Sie durchschreitet diese Tür jedoch nicht. Sie nennt das Prinzip, aber nicht die mögliche Konsequenz.“ Nur so sei in dieser Frage die nötige Zwei-Drittel-Mehrheit möglich gewesen. „Das war nicht die hinterlistige Idee einer deutschen Verschwörer-Gruppe“, so Kasper, sondern einstimmiger Beschluss der zentralen Kommission, um Franziskus „nicht festzulegen, sondern ihm freie Hand zu lassen“.

Kaspers Vortrag hat am Donnerstag im Krönungssaal die Erwartungen des Geburtstagskindes und der Festgesellschaft wohl erfüllt und mit dem Bild einer Kirche des Rechts und der Barmherzigkeit Mussinghoff, dem renommierten Kirchenrechtler, ein Geschenk gemacht, das ihm gefallen dürfte. Kasper erläutert die Eucharistie als „Sakrament der Versöhnung“ – eingesetzt zur Vergebung der Sünden „und nicht als Prämie für vollkommene Christen oder solche, die sich dafür halten“.

Kasper leitet seine Antwort auf die Frage der Eucharistie für Wiederverheiratete aus dem Kirchenrecht her, das mit Aristoteles wisse, „dass jedes allgemeine Recht lückenhaft ist, weil es die konkreten Umstände des Einzelfalls nicht berücksichtigen kann“. Dabei gehe es nicht um Aufhebung des allgemeinen Rechts oder Ausnahmen, sondern um Einzelfallgerechtigkeit in einer konkreten Situation. Barmherzigkeit sei kein Weichspüler, sondern „das rechte, christliche Augenmaß bei der Anwendung der Gerechtigkeit“.

Was Thomas von Aquin meint

Die Familiensynode im Vatikan habe die Frage der Sakramente für Wiederverheiratete nicht endgültig beantwortet, so Kasper. „Die Diskussion war nicht einfach; es standen sich teilweise recht verhärtete Positionen gegenüber.“ Kein Bischof habe die Lehre von der Unauflöslichkeit der sakramentalen Ehe infrage gestellt.

Die Familiensynode habe sich auf Thomas von Aquin besonnen; der große Theologe und Philosoph gehe in komplexen Situationen so weit, dass „nicht die buchstäbliche, sondern die sinngemäße Anwendung des Rechts die höhere Gerechtigkeit ist“. In Thomas' Verständnis sei das Evangelium kein geschriebenes Gesetz, sondern Gabe des Heiligen Geistes, die geistliches Feingespür und Unterscheidungsvermögen ermögliche. Der Bischof sei „kein bürokratischer Exekutor von Gesetzen“, sondern solle „mit der Freundlichkeit und Milde Christi, des milden Richters, das Evangelium auslegen und die ihm anvertraute Kirche leiten“.

In diesem Sinne zeigt sich Kasper überzeugt davon, dass sich aus dem Ergebnis der Familiensynode, das hierzulande manche enttäuscht hat, etwas machen lässt. Der synodale Prozess gehe weiter. „Er ist mit dem Ende der Synode an einer entscheidenden Etappe, aber noch nicht an seinem Ziel angelangt. Erst das zu erwartende Dokument des Papstes wird der dann verbindliche Abschluss sein.“

Wohin nach seiner Überzeugung der Weg führen muss, daran lässt Kasper keinen Zweifel: „Wenn Eltern in einer sogenannten irregulären Ehe dauerhaft nicht zu den Sakramenten zugelassen werden, dann werden normalerweise auch ihre Kinder keinen Zugang zu den Sakramenten finden. Dann verlieren wir auch die nächste und womöglich die übernächste Generation.“ Barmherzigkeit könne hingegen „als Botschaft der Vergebung und Versöhnung“ dem Glauben Türen öffnen.

Die Fähigkeit dazu wurde Mussinghoff als einem Mann des ausdauernden Dialogs von vielen Gratulanten bescheinigt. Kölns Kardinal Rainer Maria Woelki würdigte die „feine und vornehme Haltung“ seines Aachener Amtsbruders, der eine wichtige Stimme im jüdisch-christlichen Dialog sei und der Ökumene einen Teil seines Lebens gewidmet habe. Dem schloss sich der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Manfred Rekowski, an, während der griechisch-orthodoxe Metropolit Augoustinos bedauerte, dass es in seiner Kirche nicht die Tradition des Rücktrittsgesuchs zum 75. Geburtstag gibt. Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp charakterisierte Mussinghoff als exzellenten Gesprächspartner – „klar, tiefgründig, zurückhaltend“.

Was Mussinghoff will

Das Geburtstagskind seinerseits umfasste ungezählte entgegengestreckte Hände, fühlte sich beschwingt von so viel Zuneigung und nicht zuletzt von dem grandios aufspielenden Sinfonieorchester der Bischöflichen Marienschule in Mönchengladbach. Mussinghoff bekannte, dass er sich wohlfühle in Aachen und weiterhin wohlfühlen wolle: „Ich lebe im schönsten und aufregendsten Bistum Deutschlands.“

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