Klage stattgegeben: Der diskriminierte Fitnessstudiobesucher

Von: Carsten Rose
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Sieben Studios in Stadt und Alkreis Aachen: die S&S GmbH betreibt unter anderem die Selection-Studios. Foto: Archiv/Michael Jaspers

Aachen. Christian Mammah ist in Saal D1.360 des Aachener Landgerichts nicht anzumerken, dass er einen Präzedenzfall schaffen kann. Als Kläger spricht der 22-Jährige aus Sierra Leone selbstbewusst halb zum Richter, halb zu seinem Gegenüber gewandt: „Ich will mich nicht bereichern. Für mein Geld gehe ich arbeiten. Ich will nur, dass die Gegenseite ihre Geschäftspolitik überdenkt.“

Mit diesen Worten lehnt er in seinem offensichtlichen Diskriminierungsfall eine Vergleichszahlung in Höhe von 2000 Euro ab, die der Beklagte bereit war zu zahlen. Christian Mammah aber möchte, dass das Gericht ein Urteil spricht, das abschreckend wirken soll.

Der Grund, warum Mammah im Aachener Justizzentrum sitzt, liegt etwas mehr als zwei Jahre zurück. Denn der Beklagte ist der Betreiber der Fitnessstudiokette Selection Fitness in Aachen und Umgebung, Reinhard Hennen.

Christian Mammah wollte Anfang 2015 einer seiner Kunden im Fitnessstudio EasyFit werden, das Hennen zu der Zeit noch betrieben hatte, es lag nur fünf Minuten Fußweg von Mammahs Wohnung entfernt. Der damalige Student wurde aber, obwohl ihm kurz vorher noch telefonisch zugesagt worden war, die Mitgliedschaft verweigert. Mehrfach. Begründung: Aufnahmestopp für Männer.

Unmittelbar nachdem Mammah zum sechsten Mal abgewiesen worden war, wurde sein damaliger Mitbewohner ins Fitnessstudio aufgenommen. Der Unterschied zwischen den beiden Studenten: Christian Mammah ist schwarz, sein damaliger Mitbewohner ist weiß. Weil Mammah aber perfekt Deutsch spricht, deutete in den Telefongesprächen mit dem Fitnessstudio nichts auf seine afrikanische Herkunft hin.

Mammah fühlte sich massiv diskriminiert. Er habe jedoch keine Lust auf einen Rechtsstreit gehabt, weil er keine Erfahrung damit hat, weil ein Prozess sich drei bis vier Jahre hinziehen kann und weil er Geld kostet. Insbesondere bei einer Niederlage. Also meldete er sich bei einem anderen Fitnessstudio an. Aber auch da gab es einen Haken: Er musste jeden Tag bis zu 30 Minuten mit dem Bus fahren. Deswegen zog er doch vor Gericht. „Es hat mich geärgert, dass ich immer so lange unterwegs war. Und das nur aus so einem blöden Grund“, sagt Christian Mammah.

Er ist nicht der einzige, der schlechte Erfahrungen mit besagten Fitnessstudios gemacht hat: Reinhard Hennen musste per Gerichtsurteil bereits Schadenersatz in Höhe von zwei Mal 1000 Euro und ein Mal 500 Euro an muslimische Frauen zahlen, weil er sich offenkundig daran gestört hatte, dass die gläubigen Frauen im Eingangsbereich seines Studios Kopftücher trugen.

Er kündigte die Verträge, weil er befürchtete, dass seine Studios aufgrund kopftuchtragender Frauen an Ansehen verlieren könnten. In der Hausordnung hieß es fortan, dass sich Kunden „politischer und religiöser Statements enthalten“ sollen. Weil die Frauen ihren Vertrag jedoch bei anders lautender Hausordnung unterschrieben hatten, verstieß der Geschäftsmann mit den Kündigungen gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz, kurz AGG, das vor Jahren noch Antidiskriminierungsgesetz hieß.

Auch Christian Mammah wollte, dass ein Richter am Landgericht in dieser Frage Recht spricht. Ihm ging es um das AGG, nicht um eine Zahlung als reine Wiedergutmachung. „Ein Urteil ist sinnvoll und besser, weil es eine Grundlage für andere Fälle schafft“, argumentierte Mammah. Vor dem Aachener Amtsgericht waren er und die Rechtshilfe-Stiftung „Leben ohne Rassismus“, die ihn juristisch berät und finanziell unterstützt, mit einer Klage auf 2500 Euro Schadenersatz Ende des vergangenen Jahres noch gescheitert. Der Richter dort hielt 500 Euro als Kompensationszahlung für angemessen, die Summe wollte Hennen zahlen. Mammah lehnte ab.

In Raum D1.360 im Justizzentrum entschuldigt sich Reinhard Hennen bei Christian Mammah und räumt ein, dass seine Mitarbeiter „das nicht gut gemacht haben“ in seinem Fall. Mit „das“ meint er die Art und Weise, wie Hennen seine Kunden auswählt, das gibt er an diesem Tag offen zu. „Wir sind erfolgreich, weil wir nicht mit jedem anderen Studio konkurrieren“, sagt er, und dieser Erfolg basiert nach seinen Aussagen auf neun Kriterien, nach denen seine Mitarbeiter potenzielle Kunden zulassen oder ablehnen.

Immerhin seien es 1000 Neuanmeldungen jeden Monat. Wie die neun Kriterien im Detail lauten, kann oder will Hennen auf Nachfrage von Mammahs Rechtsanwältin Dorothea Hennen – nicht verwandt oder verschwägert mit dem Beklagten – nicht sagen. Aber der Kern wird deutlich: Der Geschäftsmann schließt vom Nachnamen, der Herkunft und dem Aussehen darauf, ob der Kunde seine Beiträge zahlt oder nicht. Hennen sagt, dass seine Firma zeitweise bis zu 20 Prozent weniger Umsatz gehabt hätte, weil vorrangig ausländische Kunden nicht zeitig oder gar nicht mehr gezahlt hätten. Deswegen nennt Hennen seine Strategie „Bonitätsprüfung“.

Auf Hennens Erklärung sagte der Vorsitzende Richter Armin Bucher: „Das, was Sie machen, ist keine Bonitätsprüfung, sondern eine soziologische Vermutung. Machen Sie einen Club oder einen Verein auf, dann können Sie festlegen, wen Sie haben wollen und wen nicht. Damit sind Sie aus der Sache raus.“ – „Dann kann ich aber nicht mehr auf dem Markt mithalten.“ – „Und genau das ist der Sinn des AGG.“ Am Ende der Verhandlung willigte Hennen in eine Vergleichszahlung ein, die Christian Mammah ablehnte.

Am Donnerstag, rund einen Monat später, verkündet Richter Bucher das Urteil. Christian Mammahs Klage wird in vollem Umfang stattgegeben, Hennen muss ihm 2500 Euro zahlen. Hennens „Sportstudios sind schon mehrfach betroffen gewesen“, sagt Bucher. Sanktionen, die wegen Verstößen gegen das AGG verhängt werden, „sollen abschreckend wirken“, sagt Bucher.

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