Kirche zwischen Dialog und rüden Tönen

Von: Peter Pappert
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Bischof Heinrich Mussinghoff
Bischof Heinrich Mussinghoff hat das Urteil des Kölner Landgerichts zur Beschneidung von Jungen aus religiösen Gründen scharf kritisiert. Foto: Robert Esser

Aachen. Kirche in der Krise, Kirche im Dialog - fürs Bistum Aachen trifft beides zu, bundesweit jedoch nicht. Die Glaubwürdigkeitskrise ist zwar allerorten in Deutschland offenkundig, der Dialog wird aber nicht überall gepflegt.

Dabei haben die deutschen Bischöfe ganz offiziell einen mehrjährigen sogenannten Dialogprozess innerhalb der katholischen Kirche initiiert, der im Juli in Mannheim begann und der viele innerkirchlich umstrittene Fragen aufgreifen soll.

Offenheit statt Enge

Aachens Bischof Heinrich Mussinghoff legt nach eigenen Worten großen Wert auf diesen Dialog. Bei einem Treffen mit Medienvertretern aus dem gesamten Bistum forderte er am Donnerstag, „Milieuverengungen aufzubrechen”, neue Kommunikationsformen und mehr Offenheit zu praktizieren.

Mussinghoff, der immer wieder rüden Attacken von katholischen Priestern und Publizisten ausgesetzt ist, mahnte nicht zum ersten Mal, in der Kirche sachlich und moderat zu diskutieren. So müsse auch das von Erzbischof Robert Zollitsch, dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, angestoßene Gespräch über den pastoralen Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen geführt werden.

Ob und unter welchen Voraussetzungen sie die Kommunion empfangen können, diese Frage haben mehrere katholische Bischöfe in der Vergangenheit immer wieder aufgegriffen. Der Kölner Kardinal Joachim Meisner reagierte aber ausgesprochen unwirsch und despektierlich auf Zollitschs Vorstoß.

„Die Debatte verläuft nicht nach meinem Geschmack”, sagte Mussinghoff dazu. Was Zollitsch angesprochen habe, darüber könne und müsse man reden. Wenn Priester und Betroffene zu einer abgewogenen Gewissensentscheidung kämen, könne er das als Bischof tolerieren. Ob das eine generelle Linie werde, müsse man abwarten. Generalvikar Manfred von Holtum sprach sich ausdrücklich dafür aus, Seelsorger zu ermutigen, wiederverheiratete Geschiedene zur Eucharistie zuzulassen, wenn eine sorgfältige Gewissensabwägung vorangegangen ist. Das sei auch längst pastorale Praxis.

Um den Dialogprozess voranzubringen, hatte Mussinghoff drei Journalisten um Kritik und Anregungen gebeten. Bernd Mathieu, Chefredakteur unserer Zeitung, wies auf den anhaltenden Widerstand gegen die Umstrukturierungen im Bistum hin. Notwendige Maßnahmen seien auf eine „relativ geordnete und ziemlich heile Welt der Pfarrgemeinden” gestoßen, aber auch auf „mehr oder weniger ausgeprägte Egoismen”. Die Folgen des Priestermangels zerstörten gewohnte Strukturen. „Das Ende der Gemütlichkeit wird als bedrohend empfunden.”

„Schaffen Sie nachhaltig Vertrauen an der Basis”, rief Mathieu den Bischof auf. „Wer sich in den Pfarrgemeinden aufregt, ist nicht gleichgültig”, sondern sei engagiert und ansprechbar. „In einer Phase, in der die Moderne völlig zu entgleisen droht”, werde die Kirche als moralische Instanz gebraucht.

Christian Heidrich von der „Rheinischen Post” erwartet vom Bischof einen Dialog auf gleicher Augenhöhe, „der Folgen haben muss”. Ehrenamtler wollten mehr sein als ein Notnagel. „Viele wollen eine Wahl durch die Gemeinde und Teil der Gemeindeleitung sein.” Die Kirche müsse alle Kapazitäten der Seelsorge geben. „Sie muss präsent sein an den Lebenswenden der Menschen” und diejenigen, die sich entfernt haben, wieder erreichen.

Statthalter Roms?

Theo Dierkes vom WDR stört es, dass der katholischen Kirche der interne Dialog häufig so schwerfällt. Die für manche überraschende Feststellung „Die reden miteinander!” sei im Grunde nur als Satire zu ertragen. Engagierte katholische Politiker, die sich Sorgen um ihre Kirche machen, stoßen nach Dierkes Erfahrung bei vielen Bischöfen auf Widerstand und Ignoranz und würden sogar in Misskredit gebracht. „Sind die Bischöfe Statthalter Roms oder Sprecher der deutschen Gemeinden?”, fragte Dierkes. Die Hälfte von ihnen wolle den Dialog, die andere nicht. „Warten Sie nicht auf Mehrheiten”, wandte er sich an Mussinghoff. „Es gibt starke Kräfte dagegen.”

Kirchennah, aber nicht zum Gottesdienst

Dass sich Aachens Bischof bei den Kirchensteuerzahlern per Brief bedankt hat, ist nach einer Befragung der Katholischen Hochschule auf gute Resonanz gestoßen. Demnach verstehen sich drei Viertel als kirchennah, obwohl nur ein Teil von ihnen den Gottesdienst besucht. Dies unterstreiche die Wertebindungen der Katholiken, sagte Mussinghoff. Sie besuchten zwar nicht regelmäßig die Kirche, setzten aber auf kirchliche Einrichtungen wie Kitas, Schulen und karitative Angebote.

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