Kirche bringt ihre Immobilien unters Volk

Von: Robert Esser
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Das rechnet sich: Von den 2144
Das rechnet sich: Von den 2144 Urnen-Plätzen in den 170 Stelen der Grabeskirche St. Josef in Aachen sind bereits 1300 verkauft. Foto: A. Herrmann

Aachen. Kirche zu verkaufen, Pfarrheim zu vermieten, Gemeindesaal zu vergeben: Jede zweite der aktuell 374 Gemeinden im Bistum Aachen sondiert bereits, von welchen Gebäuden man sich trennen muss. Nicht irgendwann, sondern so schnell wie möglich.

Bis 2015 soll der Prozess für sämtliche 71 Gemeinschaften der Gemeinden (GdG) beendet sein, zu denen die ehemals 536 Einzelpfarren - teils fusioniert - gebündelt wurden. Schon das war ein Kraftakt. Und jetzt? „Wir geben Druck in den Kessel hinein, weil es klare Einsparvorgaben gibt”, sagt Bernhard Stenmans.

Der Architekt leitet seit 2009 im Generalvikariat das Projekt „Kirchliches Immobilienmanagement” - kurz „KIM”. Er hat bereits 50 GdGs besucht, in 35 werden die Gebäudebestände gegenwärtig gesiebt, fünf stehen kurz vor dem Abschluss des Verfahrens. Und bei jedem Treffen erinnert der KIM-Beauftragte vor Ort Pfarrgemeinderat und Kirchenvorstand an die verschärfte Zielvorgabe: 33 Prozent der Instandhaltungskosten müssen eingespart werden. Das heißt nicht, dass jedes dritte Haus verkauft werden muss; aber es legt dies nahe.

930 Kirchen, 3000 Gebäude

Denn für die rund 3000 Gebäude (darunter rund 930 Kirchen und Kapellen) im Gemeindebesitz von der südlichen Eifel über Düren, Aachen, Heinsberg, Mönchengladbach, Kempen-Viersen bis in den Norden Krefelds gibts jetzt schon immer weniger Geld. Auf 18 Millionen Euro wurde der jährliche Instandsetzungsbedarf taxiert, aber nur zehn Millionen Euro sind im Topf. „Der ist jedes Jahr spätestens im Herbst leer”, betont Stenmans.

Wenn sich danach ein Pfarrer mit einem maroden Kirchendach ans Bistum wendet, wird er vertröstet. So verlängert sich der Sanierungsstau Jahr um Jahr. Hinzu kommt, dass viele Immobilien mittlerweile schlicht überflüssig sind, weil das Bistum laut Generalvikar Manfred von Holtum Jahr für Jahr bis zu 10 .000 Gläubige verliert. Zurzeit sind es noch knapp 1,1 Millionen.

„Vieles hängt vom Pastoralkonzept vor Ort ab”, erklärt Stenmans. Um solche Konzepte hatte Bischof Heinrich Mussinghoff die Gemeinden schon vor sieben Jahren gebeten. Brauche ich überhaupt Räume für katholische Jugendarbeit, wenn kaum noch Nachwuchs da ist? Benötige ich drei Pfarrhäuser, wenn nur noch eine Kirche der GdG zum Gottesdienst gefüllt ist? Wie viel Geld könnte ich mit Fremdvermietungen einstreichen? Das sind die Fragen, die Stenmans mit seinem vierköpfigen Team vor Ort klärt. Und viele mehr. Immer in enger Beratung mit den Gremien vor Ort.

Eine Situation wie im Bistum Essen, wo der Bischof die Schließung von 96 Kirchen verfügte, „will das Bistum Aachen nicht”, verspricht Stenmans. „Nur die Gremien der GdG bestimmen, wie sie was erreichen. Die Beteiligung der Basis ist unabdingbar”, stellt der KIM-Chef klar. Doch das Generalvikariat allein bestimmt Sparvorgabe, Prozentsatz und Summe. Bei der Kalkulation der sogenannten „Instandhaltungsrücklage” - ein theoretischer Wert, nach dem die Einsparvorgabe berechnet wird - helfen auswärtige Experten: die Spezialisten der renommierten Bamberger Joseph-Stiftung.

Sie nehmen in der Aachener Diözese die Grunddaten jedes Gebäudes auf, beziffern die Instandhaltungsprognose, schätzen den Immobilienwert und führen einen „Energie-Quick-Check” durch - gut 3000 Mal, wenn alle GdGs grünes Licht gegeben haben. Damit wird bis 2015 erstmals in der Geschichte der komplette Immobilienbestand im Bistum aufgelistet. Nur Kirchen landen mit dem abstrakten Buchwert von je einem Euro in der Bilanz. Insgesamt dürfte man beim Immobilienvermögen trotzdem an der Milliarden-Marke kratzen.

„Resonanz ist positiv”

Das jeweils etwa neunmonatige Verfahren kommt laut Stenmans in den Gemeindegremien besser an als befürchtet. „Die Resonanz ist durchweg positiv.” Dennoch: Der Architekt verschweigt nicht, dass - obwohl einzelne Pfarren aus „Fabrikfonds” oder Privatspenden gegensteuern - der Verkauf von Pfarrhäusern und vor allem Kirchen „enorm schmerzhaft wird”. Wie in Düren-Mitte: Dort hatten sämtliche Gremien nach dem KIM-Prozess einstimmig für einen Verkauf von St. Bonifatius votiert. „Alle waren einverstanden, doch dann ging ein Aufschrei durch die Gemeinde”, schildert Stenmans, der nun die Wogen glätten will.

Indes gilt die Umwidmung einer Pfarrkirche zu einer Grabeskirche mit tausenden Urnenplätzen als wirtschaftliches Erfolgsmodell. In der Grabeskirche St. Josef in Aachen etwa wurden seit 2006 bereits 1300 der 2144 Urnenplätze verkauft, davon sind 603 nach Beisetzungen gefüllt. Damit erwirtschaftet die Kirche ihre Instandhaltungskosten völlig eigenständig. Aber es muss auch andere Nachnutzungen geben. Denkbar sind Hotels, Wohnungen, Bürokomplexe, Büchereien, Sporthallen oder - wie in Mönchengladbach - sogar eine Kletterkirche.

Im statistischen Durchschnitt steht jedes dritte Gotteshaus zur Disposition, der Ausverkauf läuft noch Jahre. Stenmans stellt klar: „Das Bistum wird nicht verlangen, schon morgen Gebäude zu schließen.” Auch wenn es für viele kein Geld mehr zuschießt.
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