Kino in Raeren: „Willkommen im Zoo Paradisia“

Von: Günter H. Jekubzik und Christoph Pauli
Letzte Aktualisierung:
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Tierpfleger Toni – alias Christoph Maria Herbst – erlebt viele Abenteuer, bevor das Happy End besiegelt ist.
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Der erfolgreiche Kinderfilm-Regisseur Joachim Massanek fühlt sich bei dem Stoff an Bücher von Astrid Lindgren erinnert.
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...für den hinter dem alten Bahnhof von Raeren eine feine Zookulisse aufgebaut worden ist.
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Schöner Ferienjob: Viele Kinder aus Ostbelgien und Deutschland wirken in dem Film mit ...

Raeren. An diesem Morgen wird die Begrüßungsszene gedreht, die kleinen Zoobesucher lernen die verpeilte Zoodirektorin „Oberst Essig“ (gespielt von Meret Becker) und den gutmütigen Tierpfleger Toni (Christoph Maria Herbst) kennen. Die Kinder werden Zeuge eines Dramas, denn im Zoo „Paradiso“ verschwinden regelmäßig Tiere.

Dieser kleine Zoo, in dem Emus und Schafe grasen, in dem Adler in ihren Volieren und Schweinchen in ihren Gattern leben, ist, wenn die Filmcrew wieder abgezogen ist, ein alter Bahnhof, der längst im Ruhestand lebt. Hier in Raeren ist die imposante Kulisse für den Kinderfilm „Liliane Susewind“ entstanden.

Seit Wochen stehen die Wohnwagen der etwa 70-köpfigen Crew an dem denkmalgeschützten Gebäude. Gedreht wird ein bisschen im Verborgenen, ein einsamer Sicherheitsmann steht an der Zufahrt zur Stichstraße. Die Gemeinde unterstützt die Filmemacher, der Vennbahnweg wurde vorübergehend umgeleitet, weil Radwege im Zoo Paradisia nicht vorgesehen sind.

Die sprechenden Tiere kommen zurück, das große Abenteuer, das die Bestsellerautorin Tanya Stewner aufgeschrieben hat, hat natürlich ein Happy End.

Mit dem aufwändigen Dreh von Dreamtool Entertainment ist seit einem Monat wieder mal eine große Filmproduktion in der Region zu Gast. 1000 Übernachtungen sind gebucht für den kompletten Dreh, der noch bis zum 23. August in Aachen und Belgien stattfindet. Verfilmt wird die Geschichte der elfjährigen Liliane Susewind, die ein außergewöhnliches Talent besitzt.

Sie kann mit Tieren sprechen. Die Gabe bringt sie regelmäßig in Schwierigkeiten, sie muss mit ihren Eltern Regina (Peri Baumeister) und Ferdinand (Tom Beck) und ihrem Hund Bonsai wieder mal umziehen. Die Tierversteherin schwört, dass sie das Geheimnis in der neuen Stadt für sich behalten will. Das klappt ein paar Tage, bis sie mit ihren Freunden in dem Zoo landet, in dem geheimnisvolle Dinge passieren.

Tierpfleger Toni hinkt den Besuchern entgegen, die Rolle sieht das vor. Christoph Maria Herbst hinkt auch in den vielen Wartepausen. Nach der ersten Stellprobe hinkt er also dem Regisseur Joachim Massanek entgegen, er will eine „Peinlichkeitssekunde“ in die Szene aufbauen. Massanek willigt schnell ein.

Der bekannte Regisseur hat in den Tagen den Eindruck gewonnen, er lebe gerade in Irland. Das gute Wetter war kein zuverlässiger Begleiter für die Crew. Die ist diesmal international, auch weil der Film von Belgien gefördert wurde. Die „Amtssprache“ ist Englisch. „Wir mussten uns erst einmal zusammenraufen“, sagt Massanek. Reibungspunkte inklusive. „Aber die sind gut für die Kreativität.“

Für Massanek ist es sein elfter Kinderfilm, erstmals stammt das Drehbuch nicht von ihm. Seine „Wilden Fußballkerle“ sind Kassenhits geworden. Was da gerade entsteht? „Es ist ein moderner, leichter Film“, sagt der Regisseur. „Es erinnert mich an die Kinder von Bullerbü oder Karlsson vom Dach von Astrid Lindgren.“

Koproduzent des Films ist André Sommerlatte. Für ihn ist der Dreh in Raeren ein Heimspiel, er wohnt in Kettenis gleich um die Ecke. Er hat auch Gérad Depardieu ins Grenzland geholt, 2007 für die 13 Millionen-Produktion „Die Kinder von Timpelbach“ in der Eyneburg von Hergenrath. Damals war André Sommerlatte in Eupen noch Medienreferent für die Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens.

Auch wenn die Filmwirtschaft nur etwa fünf Prozent seiner Aufgaben ausmachte, sah man ihn auf den Festivals von Cannes, Venedig und Berlin. Federführend war er bei Koproduktionstreffen mit Nordrhein-Westfalen, Luxemburg und dem Saarland. Nebenbei machte er noch den Motivaufnahmeleiter bei Drehs an der Gileppe-Talsperre, bei aufsehenerregenden Action-Szenen für Hermann Johas Produktion „action concept“ („Alarm für Cobra 11“, „Der Clown“).

Vor wenigen Wochen wechselte der leidenschaftliche Kommunikator und Film-Produzent vom Ministerium zur Brüsseler Firma „Velvet Films“, die seit ihrer Gründung eine enorme Dynamik erlebt: Seit Januar stehen vier Langspielfilme auf dem Plan, darunter auch in Antwerpen und Gent „Brechts Dreigroschenfilm“ mit großem Etat sowie Lars Eidinger (als Bertholt Brecht), Tobias Moretti, Hannah Herzsprung, Joachim Król, Claudia Michelsen, Christian Redl und Robert Stadlober in den Hauptrollen.

Diese deutsch-belgischen Koproduktionen sind kein Zufall, sondern Konzept für Velvet Films und Spezialität von Sommerlatte. Er sieht sich als „Verbindungselement von belgischer zu deutscher Kinematografie“. Der deutsche Produzent, weiß, dass frankophone Filmproduktionen Partner suchen, die ihre Sprache sprechen, „nicht einfach Französisch, sondern deren Art verstehen“.

Seine Frau stammt aus Lüttich, was von Westen her gesehen ja schon jenseits eines kulturellen Grabens liegt. So bestätigt der Fachmann den jahrelangen Trend, dass deutsche Produktionen sich eher nach Flandern orientieren. Sommerlatte präsentiert sich mit der neu aufgestellten Firma als „der erste, auf den du triffst, wenn du mit einem Projekt aus Deutschland kommst“. Sein Partner und Firmengründer Sebastian Schelenz ist Deutscher mit Büro in Brüssel.

So wird die Region zum „First Exit-Punkt, um sich der romanischen Kultur zuwenden“. Dabei ist klar, dass Ostbelgien zu klein ist, dass „wir nicht alles machen können“. Dadurch kommen Drehs in Aachen, Antwerpen und Gent zustande. Was vor allem in Flandern als große Chance zum Städtemarketing begriffen wird. In Aachen selbst sieht der Kenner brachliegendes Potential.

Dabei ist das Filmemachen auch immer Wirtschaftsförderung. Die „Film- und Medienstiftung NRW“, die das Projekt „Liliane Susewind“ bereits in einem frühen Stadium förderte, wurde dementsprechend im Wirtschafts-Ministerium angesiedelt. Sommerlatte ist zudem Spezialist für die belgische Form der Filmförderung, eines Steuerspar-Modells namens „Tax Shelter“.

Das Programm von Velvet Films ist mit der Beteiligung an der Dreamtool Produktion „Liliane Susewind“ von Bestsellerautorin Tanya Stewner und einem Brecht-Film kulturell eindrucksvoll. Trotzdem steht Sommerlatte zum „lauten“ Teil seines Netzwerkes, zu Hermann Joha, dem Schöpfer von „Alarm für Cobra 11“ und der Film-Autobahn im nordrhein-westfälischen Aldenhoven-Siersdorf. „Joha ist der erste, der erkannt hat, welches Potential Belgien hat, und seitdem dreht er regelmäßig hier.“

Aber auch wenn Velvet Films mit vier Angestellten in Brüssel ein Wirtschaftsunternehmen ist, bleibt Kultur ein begleitender Faktor für Sommerlatte. Für 2017 ist die Produktion schon ausgelastet, sie musste bereits Projekte nach 2018 verschieben. Trotz des aktuell beeindruckenden Portfolios wollen Schelenz und Sommerlatte nicht über alle Maßen wachsen, „unser Ziel ist, schöne Sachen zu machen“.

Neben den 1000 Übernachtungen für „Liliane Susewind“ gibt es an den Drehorten auch weniger qualifizierte Jobs wie Fahrer oder Setrunner. Die in der Branche sogenannten „Effekte“ bedeuten, dass mehr Geld in der Region ausgegeben werden muss, als die jeweilige Förderung zur Verfügung stellt. „Wir sind hier mit offenen Armen empfangen worden“, sagt Sommerlatte.

Digitale Tiere kommen dazu

Nicht alle (sprechenden) Tiere sind vor Ort, der Afrikanische Elefant mit seinem spanischen Tiertrainer, der letzte Woche zwei Tage im Zoo stand, ist zurück nach Paris. Andere Tiere wie der Babyelefant tauchen erst nach Drehschluss auf, wenn der Zoo in Raeren längst wieder abgebaut ist. Sie werden aufwendig in den Film hineinmontiert.

Für die „Postproduktion“ ist noch einmal ein halbes Jahr angesetzt. Und auch reale Tiere werden digital bearbeitet, damit sie zumindest auf der Leindwand sprechen können. Seit drei Jahren wird das Projekt vorbereitet, sagt Produzent Felix Zackor. Zusammengekommen ist ein Budget von sechs Millionen Euro. „Ohne Filmförderung gibt es keinen deutschen Kinofilm.“ Zackor verspricht einen „tollen Familienfilm auf großer Leinwand“.

Meret Becker läuft strahlend vorbei. „Willkommen im Zoo Paradisio“, sagt sie.

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