Aachen - Kinderuni: „Jeder Pilger ist Sehnsüchtiger“

Kinderuni: „Jeder Pilger ist Sehnsüchtiger“

Von: CHRISTINA DIELS
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„Guter Religionsunterricht soll junge Menschen in Beziehung setzen zu den wichtigen Fragen des Lebens“: Guido Meyer, Religionspädagoge an der RWTH, stand am Freitag bei der Kinderuni im Aachener Audimax im Mittelpunkt – zumindest zeitweilig. Foto: Harald Krömer

Aachen. Wohin geht ein Pilger? Warum sollte er möglichst wenig im Gepäck haben? Und was bedeutet es, wenn einem eine Sache heilig ist? Fragen rund um die Heiligtumsfahrt hat Professor Guido Meyer, 55, am Freitag in der Kinderuni im Hörsaal Audimax beantwortet.

Wenige Monate vor der Heiligtumsfahrt in Aachen (20. bis 29. Juni) spricht der Religionspädagoge von der RWTH Aachen in der Kinderuni und im Interview über das Pilgern. „In Aachen wird man überall Pilger treffen und die Tradition des Pilgerns hautnah spüren“, sagt Meyer. „Hier sollte man die Kinder miteinbeziehen, um diese Tradition zu verstehen.“

Menschen pilgern seit Jahrtausenden. In allen Religionen. Warum?

Meyer: Weil sie sich innerhalb einer spirituellen Tradition bewusst oder unbewusst des Wegcharakters des Lebens und damit auch des Göttlichen bewusst werden wollen. Wir begegnen tiefen Erfahrungen meist nur, indem wir uns auf den Weg machen.

Wie kann sich ein Kind einen Pilger vorstellen?

Meyer: Ein Pilger ist jemand, der sich auf den Weg macht, etwas für sein Leben zu suchen. Er hat nicht viel Gepäck, damit er ganz frei laufen kann.

Und wohin läuft er?

Meyer: Er entflieht zunächst dem Alltagstrott. In religiöser Hinsicht führt der Weg immer hin zu einer Verheißung. Abraham, der erste Pilger, zieht hinaus in das Land, das Gott ihm in Aussicht stellt.

Wie soll sich ein Kind vorstellen, wohin ein Pilger läuft?

Meyer: Auch Kinder verstehen oder erahnen die symbolische Dimension „Sich-auf-den-Weg-Machens“. Auch sie haben Wegerfahrungen gemacht. Oftmals ist es ein weiter Weg. Das Entscheidende ist nicht das Ziel, sondern die Erfahrungen des Weges an sich.

Solche Erfahrungen machen auch nicht-religiös inspirierte Menschen.

Meyer: Ganz genau. Es gibt die religiös Inspirierten, aber es gibt auch Menschen, die auf der Suche nach spirituellen Erfahrungen sind. Viele wollen dem Alltagstrott und der Banalität der Alltagserfahrungen entfliehen. Sie wollen zu sich finden und ihren Horizont erweitern. Sie wollen sich körperlich erfahren. Und sie wollen anderen Menschen begegnen.

Wenn Gläubige pilgern, versprechen sie sich davon, dass an einem Ort göttliche Kräfte besonders wirksam sind. Aber soll dem Glauben nach Gott nicht eigentlich überall sein?

Meyer: Das widerspricht sich in der Tat. Aber Gott ist kein Schrank oder ein anderer Gegenstand, dem man irgendwo und unmittelbar begegnet. Gotteserfahrung setzt eine innere Bereitschaft voraus, und das Pilgern schafft eben diese Bereitschaft. Wenn tausende motivierte Menschen an einen Ort kommen, wie jetzt im Juni in Aachen zur Heiligtumsfahrt, bekommt dieser Ort eine Aura.

Was sagen Kritiker zu solchen Massenbewegungen?

Meyer: Für einige Zeitgenossen ist das Pilgern eine veraltete Tradition, die sich seit einiger Zeit im Zuge einer neu aufkommenden Suche nach Innerlichkeit zu einer Modewelle entwickelt hat. Andere meinen, Pilgern sei nur für Menschen, die mit sich selbst nicht klar kommen. Und viele kritisieren, dass es gar nicht mehr um Glauben geht, sondern um Geld: Der Pilgertourismus sei schon immer ein einträgliches Geschäft gewesen.

Auf dem Jakobsweg wollen die meisten Menschen heute nicht das Grab eines Heiligen besuchen, sondern sich selbst finden. Was halten Sie davon als Theologe?

Meyer: Jeder sollte es mit seiner eigenen Motivation tun. Und wenn es ihm gut tut und niemandem schadet, finde ich das gut. Gleichwohl bestätigen einige Pilger, dass sich ihre Motivation auf dem Pilgerweg verändert.

Was macht den Jakobsweg so beliebt?

Meyer: Es gibt nicht den einen Grund. Der Weg übt schon in sich eine Form von Magie aus, sonst hätte sich über Jahrhunderte dieses Interesse nicht gehalten. Darüber hinaus gibt es mediale Ereignisse, die der Attraktivität des Weges neuen Wind geben.

Wie etwa Hape Kerkelings Buch „Ich bin dann mal weg“.

Meyer: Dieses Buch hat sicherlich zu einem bestimmten Pilgerboom beigetragen. Aber letzten Endes hängt vieles von den Alltagserfahrungen der Menschen ab. Die Menschen spüren in einer übervollen Wohlstandsgesellschaft, dass ihnen etwas fehlt. Beim Pilgern sind viele Sehnsüchte im Spiel. Jeder Pilger ist in bestimmter Hinsicht ein Sehnsüchtiger.

Was sollte ich beachten, wenn ich zum ersten Mal pilgere?

Meyer: Nicht zu viele Gedanken machen. Sich frei machen von Erwartungshaltungen. Möglichst viel zu Hause lassen und den Sehnsüchten eine Chance geben.

Kann ich einen Freund mitnehmen zum Pilgern oder sollte ich mich allein auf den Weg machen?

Meyer: Sie können alleine und Sie können mit Freunden pilgern. Wenn es das wesentliche Ziel ist, zu sich selbst zu finden, ist es ratsam, allein zu gehen. Aber wenn Zwei ein Stück des Weges zusammen gehen, ist es auch wunderbar, sich mit Freunden auf den Weg zu machen.

Warum zeigt man die vier Reliquien in Aachen eigentlich nur alle sieben Jahre?

Meyer: Die Sieben ist eine heilige Zahl. In biblischer Perspektive zeigt sie etwas Vollkommenes, etwas Gutes an. Zudem: Wenn einem etwas heilig ist, zeigt man das nicht jedes Jahr, das würde dem Heiligen nicht gerecht werden. Abgesehen davon, dass man die Reliquien schonen will.

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