Kinderlärm und Verfolgungswahn treiben den Täter an

Von: Stephan Mohne
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Diese Fotos waren von einer Überwachungskamera im Westpark aufgenommen worden. Foto: Polizei Aachen
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Kurz nach der Veröffentlichung der Fahndungsfotos hatte der 53-Jähriger gestanden, Rohrreiniger im Westpark verstreut zu haben. Foto: Harald Krömer, Ralf Roeger
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Polizeipräsident Dirk Weinspach: „Ich bin froh, dass wir den Tatverdächtigen festnehmen konnten.“ Foto: Schmitter

Aachen. Durch angeblichen Kinderlärm fühlte er sich belästigt. Zudem wähnte er sich von einer „Vielzahl von Menschen verfolgt“, wie es Katja Schlenkermann-Pitts, Sprecherin der Staatsanwaltschaft ausdrückt. Deshalb glaubte Philipp S. Gegenmaßnahmen ergreifen zu müssen.

Enden wird das Ganze für den heute 53-Jährigen wahrscheinlich entweder in der JVA oder in der Psychiatrie. Denn Philipp S. hat am Donnerstag in Vernehmungen bei den Ermittlern der Mordkommission „Westpark“ ein umfangreiches Geständnis abgelegt. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm nun fünffachen versuchten Mord vor – in drei Fällen gepaart mit vollendeter gefährlicher Körperverletzung.

Besagte „Gegenmaßnahmen“ startete Philipp S. zunächst einmal mit „Ekelattacken“. Das war im Jahr 2015. Zum Ziel nahm er sich den Spielplatz am Eingang zum Westpark. Der liegt nur wenige Meter von seiner Wohnung entfernt, also direkt in seiner Blickrichtung. S. beschmierte Spielgeräte und Sitzbänke mit Kot.

Zumindest in Bezug auf den vermeintlichen Kinderlärm erreichte er sein Ziel: Der Spielplatz musste gesperrt werden. Hatte die Stadt alles wieder gereinigt, folgte die nächste Attacke. Manchmal lagen auch längere Zeiträume dazwischen. Auch den Kleinkinderspielplatz im Park nahm er sich vor. Von der Straftat her bewegte sich Philipp S. da noch im Bereich der Sachbeschädigung. Für derlei kleinere Delikte ist er auch schon länger bei der Polizei aktenkundig: üble Nachrede, Bedrohung und eben Sachbeschädigung. Man führte ihn in der Behörde als „Querulanten“.

Vor wenigen Monaten griff S. zu anderen Maßnahmen. Zunächst allerdings nicht im Westpark, sondern im Stadtwald. Dort verteilte er kleine weiße Kügelchen auf zwei Grillplätzen. Fatalerweise machte kurz darauf eine Kindergarten-gruppe bei einem Ausflug dort Rast. Zwei Kleinkinder nahmen die wie Süßigkeiten aussehenden Kügelchen in den Mund. Mit schmerzhaften Folgen, denn es handelte sich in Wirklichkeit um handelsüblichen Rohrreiniger, dessen Hauptbestandteil Ätznatron ist.

Die Kinder mussten ins Krankenhaus, weitere wurden leicht verletzt. Nun schwenkte Philipp S. wieder in seine Nachbarschaft um. Auch dort verteilte er den Rohrreiniger – auf den Spielplätzen und auf Sitzbänken im Park. Und auch dort verletzten sich Kinder. Zum Glück jedoch nur leicht. Mehrere dieser Attacken gab es. Dann war zunächst Ruhe.

Hatte die Kripo zunächst wegen gefährlicher Körperverletzung ermittelt, so verschärfte sich nun auch die Gangart der Ermittler. Unter Federführung der Staatsanwaltschaft lautete der Vorwurf nun auf ein versuchtes Tötungsdelikt, eigens wurde die Mordkommission „Westpark“ zusammengestellt. An den Spielplätzen wurden Spezialkameras platziert.

Am 9. September war es dann wieder so weit. Morgens um 6 Uhr schnappte sich S. seinen Rohrreinigervorrat, ging die paar Meter zum Spielplatz hinüber und verteilte einmal mehr die Kügelchen. Dabei tappte er in die Videofalle. Die Ermittler hatten nun scharfe Fotos von ihm und gingen am Mittwoch damit an die Öffentlichkeit. Zwei Stunden später saß Philipp S. nach etlichen Zeugenhinweisen schon im Präsidium. Und schon am Mittwoch räumte er, wie unsere Zeitung bereits berichtete, die Taten in einer ersten Vernehmung ein. Am Donnerstag folgte das umfangreiche Geständnis.

Sollte Philipp S. vor Gericht wegen versuchten Mordes – diesen Vorwurf dürfte die Staatsanwaltschaft wegen der Heimtücke der Taten gewählt haben – verurteilt, droht ihm lebenslange Haft. Das kann auf ein Strafmaß von drei bis 15 Jahren abgemildert werden. Doch es ist fraglich, ob der 53-Jährige überhaupt verurteilt wird. Denn es ist gut möglich, dass er psychisch krank ist. Dann käme er wohl in die Psychiatrie. Dorthin statt in U-Haft kam er bereits am Donnerstag. Das Amtsgericht ordnete auf Antrag der Staatsanwaltschaft die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus an.

Unterdessen wird nicht nur rund um den Westpark aufgeatmet. Auch Polizeipräsident Dirk Weinspach zeigte sich am Donnerstag erleichtert: Ich bin froh, dass wir den Tatverdächtigen ermitteln und festnehmen konnten.“ Direkt nach der Festnahme habe er auch den Oberbürgermeister informiert. Eltern, Kinder und Anwohner könnten sich nun wieder unbeschwert in Park und auf Spielplätzen aufhalten.

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