„Keyless Go“: Eine Technik, die es Autodieben leicht macht

Von: Christoph Pauli
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Keyless
Fahrzeuge mit dem modernen Schließsystem lassen sich leichter stehlen. Grafik: ZVA
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Auf der Suche nach den Autodieben: Jürgen Offermanns ... Foto: Christoph Pauli
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... und Rolf Hundsvom Kriminalkommissariat 14 des Aachener Polizeipräsidiums. Foto: Christoph Pauli

Geilenkirchen/Aachen. Franco S. (Name geändert) verabschiedete sich wie gewöhnlich mit einem Kuss von seiner Frau, um sich dann auf den Weg zur Arbeit zu machen. Ein paar Sekunden später stand er wieder am Frühstückstisch. Der Tag begann für das Ehepaar aus Geilenkirchen mit einer schlechten Nachricht: über Nacht war der Mercedes vor der Haustür gestohlen worden.

Die Limousine war ausgestattet mit dem Komfort-Schließsystem „Keyless Go“. Der Vorteil solcher Systeme: Der Wagen lässt sich öffnen und dann per Knopfdruck starten, ohne dass man den Schlüssel in die Hand nehmen muss. Man muss sich dem treuen Gefährt nur nähern, oder es – je nach Modell – kurz berühren.

Der nicht unerhebliche Nachteil: Solche schlüssellosen Fahrzeuge lassen sich viel leichter stehlen als Fahrzeuge mit normalem Funkschlüssel. Leichte Beute für Diebe, die auf Bestellung arbeiten.

Der ADAC hat gerade 100 Fahrzeugmodelle untersucht. Ergebnis der Studie: Mit einer selbst gebauten Funk-Verlängerung ließen sich alle mit Keyless ausgestatteten Autos sekundenschnell öffnen und wegfahren. Auch an den getesteten Motorrädern ließen sich die Lenkerschlösser entriegeln und die Motoren starten - ohne erkennbare Spuren.

Die Autoknacker stellen sich mit einem Empfänger einfach vor die Haustür des Fahrzeugbesitzers, fangen das Signal des Schlüssels dort auf und leiten es an einen Komplizen weiter, der am Wagen steht. „Relais-Attacke“ heißt das Verfahren im Fachjargon, wenn die Reichweiten der Signale um Hunderte Meter verlängert werden, und sich Autos sekundenschnell ebenso öffnen lassen wie die Lenkradschlösser der Zweiräder. Fahrzeuge lassen sich spielend öffnen, selbst wenn der Schlüssel im Haus liegt, oder der Besitzer mit dem Schlüssel in der Hosentasche im Restaurant sitzt.

Die Methode wird verstärkt in den letzten zwei Jahren angewendet, sagt Rolf Hunds, der Leiter des Kriminalkommisariats 14 im Aachener Polizeipräsidium. Eine exakte Statistik gibt es nicht, die Dunkelziffer ist hoch. Nicht jeder gestohlene Wagen, der mit dem System ausgestattet ist, wird auf die technisch anspruchsvolle Art und Weise geknackt. Und die meisten Wagen werden nicht mehr gefunden, so dass sich die digitalen Hinweise auch später nicht mehr auslesen lassen. Gesichert sei aber, sagt Kriminalhauptkommissar Jürgen Offermanns, dass acht Motorräder in der Region auf diese Art schon weggekommen sind in diesem Jahr.

Anleitung zum Auto-Knacken auf Youtube

Auf Youtube gibt es fast eine Gebrauchsanleitung für solche Straftaten. Die benötigten Geräte lassen sich leicht bauen, sagen Experten. Der finanzielle Aufwand ist überschaubar, etwa 100 Euro kosten die Bauteile im Elektronik-Laden. „Die Anleitung dauert dann etwa 30 Minuten“, sagt Offermanns. Diebstahl leicht gemacht.

Wenn der Motor einmal läuft, bleibt er schlüssellos so lange im Betrieb, wie Sprit vorhanden ist. Die Fahrzeit lässt sich entsprechend verlängern, wenn das gestohlene Fahrzeug mit laufenden Motor getankt wird. Polizisten reagieren argwöhnisch, wenn sie so etwas beobachten. Stellt oder würgt man den Motor ab, so lässt er sich nur noch innerhalb der nächsten zehn Sekunden starten.

Umgekehrt kommen Fahrzeugbesitzer in Erklärungsnot bei ihren Versicherungen, wenn ihre Limousinen doch einmal aufgefunden werden, weil Aufbruchs- oder Diebstahlspuren fehlen.

Wenn das gestohlene Fahrzeug erst einmal in einem Versteck untergebracht ist, zapfen die Diebe über die Datenschnittstelle die Software des Autos an. So können sie alle nötigen Fahrzeuginformationen auf einen leeren Schlüssel ziehen und das Auto fortan ganz normal öffnen, schließen und starten. Oder sie schlachten das Fahrzeug aus.

Seit gut zwei Wochen wird auch im Kreis Heinsberg verstärkt die Masche beobachtet, bestätigt Karl-Heinz Frenken, der Pressesprecher der Polizeibehörde. Wagen werden ohne erkennbare Spuren geöffnet. Der Verdacht liegt nahe, dass die bekannte Sicherheitslücke auch in dieser Region verstärkt ausgenutzt wird. Die Polizei jedenfalls ist alarmiert.

Im Kreis Düren verschwand gerade am Wochenanfang ein hochwertiger Mercedes in Merzenich. Der Verdacht liegt nahe, dass der Wegen mit einem Funkwellenverlängerer gestohlen wurde. Vor ein paar Wochen, so Polizeisprecherin Melanie Hallmann, wurde ein maskierter Mann vor einer Haustür in Barmen gesichtet. Der Versuch, einen BMW zu entwenden, auf diese Art zu entwenden, scheiterte. Exakt lassen sich die PKW-Diebstähle mit der einschlägigen Methode nicht beziffern, sagt Mallmann. Sie geht von einer einstelligen Zahl in den letzten Monaten aus.

80 Prozent der gestohlenen Autos landen in den Niederlanden

Der Wagen von Franco S. wurde ein paar Stunden später eher zufällig in Brunssum mit neuem, niederländischen Kennzeichen beschädigt aufgefunden. Der Ausbau der Elektronik hatte bereits begonnen. 80 Prozent aller Fahrzeuge landen im Nachbarland, sagen die deutschen Kriminalisten. Ein paar Meter hinter der Grenze kann eine solche kriminelle Industrie nahezu unbestraft wachsen, beklagen sie. Es gibt keinen Strafverfolgungszwang oder eine Beweissicherungspflicht. Die Niederländer ermitteln nicht generell deliktorientiert wie in Deutschland, sondern eher schwerpunktmäßig. Den deutschen Kollegen fehlen die Ansprechpartner, sichergestellte Fahrzeuge werden oft erst Wochen später wieder überstellt. Die schlechte Kooperation ist ein fortgesetztes Ärgernis, sagen Hunds und Offermanns synchron. Die Grenzregion ist ein gewaltiger Umschlagplatz für gestohlene Fahrzeuge. Nahezu jedes vierte in NRW gestohlene Fahrzeuge kommt in der Städteregion weg.

Die Sonderausstattung Keyless-Go-System kostet separat ein paar hundert Euro. Oder sie ist in einem Ausstattungspaket integriert. Franco S. sagt, dass er auf die erhöhte Diebstahl-Gefahr bei der Wagenübernahme nicht hingewiesen worden sei.

Wirksamer Schutz gegen Autodiebstahl

Der Bund der Versicherten teilt lapidar mit, es lägen keine Statistiken über das Phänomen vor. Autodiebstähle machen keine zehn Prozent am gesamten Volumen aus. Vermutlich müssten die Versicherungen die Prämien sogar zugunsten der Kunden anpassen, wenn weniger Fahrzeuge gestohlen werden. Die Automobilbranche kennt das Dilemma, es wird bislang nicht geändert. Opfer kaufen neue Autos, fast künstlich wird so Nachfrage erhöht. Die krasse Sicherheitslücke ist seit Jahren bekannt, geschlossen ist sie noch nicht. Die Hersteller müssten ihre Produktionsstraßen ändern, technisch wäre das kein Hexenwerk, sagen Ingenieure.

Der Automobilverband verweist dagegen zufrieden darauf, dass die Zahl der Autodiebstähle in Deutschland in den vergangenen 20 Jahren um rund 80 Prozent zurückgegangen sei. „Das deutet darauf hin, dass durch Keyless Go kein höheres Diebstahlrisiko entstanden ist“, findet zumindest Sprecher Peter Mair.

Die Zahlen dokumentierten, „dass die vielfältigen Maßnahmen der Autohersteller zur Verbesserung des Diebstahlschutzes sehr wirksam waren und sind“. Die Lobbyisten verweisen lieber auf die organisierte Kriminalität. „Es wird versucht, durch Einsatz von Spezialtechnologie und mit hoher krimineller Energie diese Sicherheitsmechanismen zu überwinden.“ Hersteller und Zulieferer würden die Schutzmechanismen daher ständig weiterentwickeln, sagt Mair.

Offermanns hat in seinem Büro eine kleine, mit Alufolie umwickelte Blechdose liegen, in die man seinen Funkschlüssel legen kann. Der selbstgebaute Faraday‘sche Käfig ist ein wirksamer Schutz für digitale Diebe. Die Funksignale lassen sich nicht mehr abgreifen. Mit ein paar Cent lässt sich so der Verlust des Vier- oder Zweirads verhindern.

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