Keine Geschenke mehr für Ärzte

Von: Marlon Gego und Basil Wegener
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Berlin/Alsdorf. Die immer lauter werdende Kritik am Einfluss der Pharmaindustrie auf Ärzte könnte nun endlich Konsequenzen haben. Die Branche plant daher, sich ein Verbot jeglicher Geschenke an Mediziner aufzuerlegen.

„Da machen wir einen klaren Schnitt“, erklärte am Dienstag ein Sprecher der „Freiwilligen Selbstkontrolle für die Arzneimittelindustrie“.

Der Fall Trommsdorff

In einem 14-seitigen Kodex soll zudem festgelegt werden, dass Geldflüsse an Mediziner veröffentlicht werden müssen, also etwa Beratungshonorare, Spenden oder die Finanzierung von Fortbildungsveranstaltungen. Entsprechende Beschlüsse strebt das Selbstkontrollorgan der Pharmaindustrie auf einer Mitgliederversammlung heute in Berlin an. Die Hauptgeschäftsführerin des Pharmaverbands VFA, Birgit Fischer, sagte, bei den forschenden Pharma-Unternehmen habe es auf breiter Front einen Bewusstseinswandel gegeben.

Verschiedene andere Kodizes hatten in der vergangenen Jahren allerdings nicht die erhoffte Wirkung, der Verein „Freiwillige Selbstkontrolle für die Arzneimittelindustrie“ etwa erwies sich als wenig durchsetzungsfähig bei verschiedenen Versuchen, Pharmafirmen zur Einhaltung ihrer ethischen Verpflichtungen zu bewegen. Auch gegen die seltsamen Praktiken des Alsdorfer Pharmaunternehmens Trommsdorff, Ärzte mit desto größeren Geschenken zu bedenken, je mehr Trommsdorff-Medikamente sie verschrieben, ging der Verein allenfalls halbherzig vor. Die „Freiwillige Selbstkontrolle für die Arzneimittelindustrie“ war 2004 als Gegenleistung dafür gegründet worden, dass die damalige Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) die Branche weiter unbehelligt gewähren ließ.

Interessanter als alle freiwilligen Verpflichtungen der Pharmaindustrie ist daher das Vorhaben von Union und SPD, mit einem neuen Gesetz verhindern zu wollen, dass medizinische Entscheidungen aufgrund von Einflussnahme getroffen werden. „Wir werden einen neuen Straftatbestand der Bestechlichkeit und Bestechung im Gesundheitswesen im Strafgesetzbuch schaffen“, heißt es in den Entwürfen zum Koalitionsvertrag.

Wären diese Änderungen schon in Kraft gewesen, als die Aachener Staatsanwaltschaft 2008 die Ermittlungen gegen Trommsdorff aufnahm, wären sie wohl nicht vor einigen Wochen eingestellt worden. Zwar hatte die Staatsanwaltschaft Bußgelder gegen bundesweit 492 Ärzte und 86 Trommsdorff-Mitarbeiter verhängt. Angestellte in leitenden Positionen, die das System der Ärzte-Belohnung erdacht und gegenüber Pharmareferenten in teils harschem Tonfall durchgesetzt hatten, konnten nicht belangt werden.

Geld fließt auf verschiedene Arten von Pharmafirmen an Ärzte. So gibt es jährlich Hunderte neue nutzlose Studien, in denen Ärzte gegen Entschädigung Erfahrungen mit neuen Medikamenten bei ihren Patienten an die Hersteller melden. Fortbildungsveranstaltungen und Kongresse werden gesponsert. Tausende Pharmavertreter besuchen regelmäßig Arztpraxen und haben oft kleine Geschenke dabei.

Kritiker werfen der Branche vor, dass sie viele Medikamente auch mittels beeinflusster Ärzte breit in die Anwendung bringe, obwohl diese nicht für alle Patienten optimal seien – und womöglich sogar Risiken bergen.

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