Keine Angst: Das ist nur Kunst

Von: Andrea Zuleger
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Erforschen: Yeo-Eun schaut sich ein Objekt unter dem Mikroskop an, Ann-Kathrin nimmt lieber eines in die Hand. Foto: Harald Krömer
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Im Kombinatorium: Ann-Kathrin (vorne) und Sophia (Mitte) stellen ihre Werke in die beleuchteten Schaukästen. Foto: Harald Krömer
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Baumhäuser bauen: Auch ein Projekt der Lufonauten-Kinder mit Petra Kather. Foto: Harald Krömer
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Bild links: Blick in Karteikästen mit Hunderten Bildern und Texten.

Region. Es ist Mittwochmorgen im Museum. Von Kunstliebhabern keine Spur, denn es ist erstens zu früh und zweitens noch nicht Wochenende. Doch alleine bleiben die Kamele und Knochen der aktuellen Ausstellung „Nancy Graves Project“ trotzdem nicht lange. Im Ludwig Forum in Aachen sind Kinder im Anmarsch.

 Sie schauen den Kamelen tief in die Augen: „Sind die echt?“, kommt ein Junge ohne Umschweife zu einer zentralen Frage. Die Museumspädagogin erklärt, dass die Künstlerin in den 60er Jahren aus sehr vielen Materialien die Tiere gebaut hat, dass aber kein Stückchen Fell vom echten Kamel am Kunst-Kamel sei. „Und warum nicht?“, fragt das Kind nun fast enttäuscht.

So schnell kann es gehen mit Kindern und der Kunst. Sie kommen, schauen, fragen; und sofort sind sie mittendrin in der Diskussion. Ein Gespräch entspinnt sich, das Nancy Graves gefreut hätte. Ist es Kunst, wenn man etwas imitiert? Ist es noch echt, wenn man etwas nachbaut? Warum muss man Dinge nachmachen, wenn es sie in der Natur doch schon gibt? Warum sammelt man überhaupt das alles? „Die Kunstvermittlung macht mit Kindern besonders viel Spaß, weil sie noch so frisch an die Sachen herangehen, keine Angst haben und nicht diese übertriebene Ehrfurcht vor der Kunst mitbringen“, ist Petra Kather sicher. Sie ist eine von rund 25 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Museum, die sich abwechselnd um die Nachwuchsbesucher kümmern. Das Ziel: Das Museum zu einem Ort des Alltags zu machen.

Denn auch 40 Jahre, nachdem sich die Museumslandschaft entscheidend verändert hat, indem sie sich für viele Kunstformen öffnete, indem Künstler wie Joseph Beuys die Kunst aus ihrer elitären Nische herausholen wollten und zu etwas machten, das nicht dem Bildungsbürgertum vorbehalten sein sollte, ist dieses Ziel noch immer nicht erreicht. Wäre es das, dann stünden auch an einem Mittwochmorgen nicht nur Kindergartenkinder und Schulklassen im Lufo herum.

Manchmal ein Ansturm

„Aber es ist ein Prozess, der sich gerade verändert“, sagt Holger Otten, Leiter der Kunstvermittlung im Lufo. Und vielleicht wird diese Veränderung zuallererst an der jungen Generation deutlich. Ein Beispiel ist der Familiensonntag, der in vier Aachener Museen jeden ersten Sonntag im Monat stattfindet. „Wenn wir hier Familiensonntag haben, machen wir um zehn die Tür auf, und dann stehen da manchmal 700 Leute“, sagt Petra Kather.

Zum Glück ist im Forum Platz, denn ein Forum für Kunst und Kultur zu bieten, ist ja genau der Anspruch des Lufo. Und es gibt ein gutes Konzept, das es ermöglicht, auch solch einen Ansturm zu bewältigen. „Wir teilen die Leute auf, manche gehen in eine der drei Werkstätten des Lufo, um selbst etwas zu erschaffen, andere machen bei der Kinder-Rallye durchs Haus mit. Wir haben natürlich an so einem Tag viele Leute hier, die helfen“, sagt Petra Kather. So stehen in jedem Raum Kunststudenten zum „Kunstdialog“ bereit. Sie unterhalten sich bei Bedarf mit Kindern oder Erwachsenen über die Ausstellungsstücke.

Um Kinder zur Kunst zu bringen, darf es nicht nur theoretisch zugehen. Deshalb gibt es die Lufonauten. So heißt die speziell für Kinder konzipierte Ausstellung, aber „die Lufonauten“ sind auch ganz echte Kinder, die immer donnerstagsnachmittags durchs Museum streifen und sich dort Anregungen für eigene Werke holen.

Das geht bei der Ausstellung „Nancy Graves Project“ besonders gut, weil die Museumspädagoginnen Petra Kather und Caroline Schröder eigens für die Schau das „Kombinatorium“ entwickelt haben – eine Ansammlung von Fundstücken (wie sie diese Seite umrahmen), Postkarten und Textversatzstücken, die jeder Besucher nutzen kann, um die künstlerische Arbeitsweise von Nancy Graves selbst auszuprobieren. Heute sind die Lufonauten Ann-Kathrin (9), Sophia (8) und Yeo-Eun (9) hier und schauen sich erst einmal um.

Das Kombinatorium ist ein abgetrennter Bereich innerhalb der Ausstellung. Fundstücke, wie sie am Strand liegen oder wie man sie in der Natur oder in der Stadt findet, liegen hier zusammen. Steine, Fossilien, Algen, eine Puppe ohne Kopf, Knochen- oder Muschelstücke, Reste eines Plastikschlauches, ein verrostetes Metallrädchen. Jedes Ding ein Unikat, allen gemeinsam ist nur eine außergewöhnliche Farbe, Form oder Beschaffenheit. Daneben stehen Karteikästen mit Hunderten Bildern, meist sehen sie aus wie aus einem naturwissenschaftlichen Katalog entnommen.

Dazu gibt es noch einen Kasten mit Textstücken. Der Besucher darf aus diesem Sammelsurium fünf Dinge aussuchen und sie auf einem weißen Karton anordnen. Danach darf er noch eine Archiv-Karte mit fiktivem Fundort und Daten ausfüllen. Dieses kleine Werk wird in einen kleinen beleuchteten Schaukasten gelegt und dann wiederum von anderen Besuchern als Werk betrachtet. Wenn alle Schaukästen voll sind, werden die einzelnen Werke fotografiert und dann wieder in ihre Einzelteile zerlegt, damit andere Besucher sie erneut zusammensetzen können.

Die drei Lufonauten stehen konzen-triert davor. Mal greift Yeo-Eun zum versteinerten Seeigel, dann nimmt sie doch ein seltsames Ding aus Plastik in die Hand, das an eine Koralle erinnert. Es dauert eine Weile, bis sich die drei für eine Zusammenstellung entscheiden. Sie schauen, suchen, kombinieren, verwerfen und sortieren neu. Hinterher denken sie sich Fundort, Künstler, Datum aus und notieren die Stichworte auf der Archivkarte, die zu jedem Werk ausgefüllt wird. Erklärt wird nichts. Gesprochen wenig. Und das braucht es auch nicht, weil sich das Kombinatorium selbst erschließt. Die Naturobjekte, die naturwissenschaftlichen Erläuterungen oder Bilder werden durch das Erfinden einer Geschichte dazu in einen neuen Kontext gesetzt – so wie bei Nancy Graves und ihren Objekten.

Aktiv werden

Das Kombinatorium verdeutliche ganz gut, in welche Richtung Kunstvermittlung gehe, sagt Petra Kather: „Der Besucher soll aktiv werden.“ Ganz gleich, ob es sich dabei um Kinder oder Erwachsene handele. „Aber das Beste an Kindern ist, dass sie keine Scheu haben, Dinge auszuprobieren. Sie spüren intuitiv, dass Kunst extrem niedrigschwellig ist“, sagt Holger Otten. Also dass es keine besonderen Vorkenntnisse braucht, um etwas zu erschaffen. Und das fasziniere Kinder. Sie können einfach anfangen.

Selbst bei Jugendlichen – wie Petra Ka-ther und Holger Otten meinen –, der schwierigsten Zielgruppe, würde das klappen, und das müssten sie auch nicht immer multimedial aufziehen. „Oft sind die Jugendlichen richtig glücklich, wenn sie einfach mal in einen Farbeimer greifen können.“ Die positiven Nebeneffekte von Kunstvermittlung haben auch die Schulen gespürt: „Manche Schulen haben eigene Kulturagenten, also Pädagogen, die sich nur um außerschulische Kulturangebote kümmern“, weiß Otten.

Denn Kunst erweitere den Horizont. Und wo dieser weit ist, ist wenig Platz für Vorurteile, dafür umso mehr für Toleranz und Freiheit. Konkret könne man sogar Lese-Rechtschreibschwächen gut mit Kunst therapieren: „Wenn Schüler sich Bilder aussuchen und zu ihnen schreiben dürfen, sind sie meist total motiviert und schreiben lange Aufsätze, obwohl sie sich sonst mit jedem Wort quälen“, erklärt Otten. „Und für uns ist dieser Dialog mit Kindern und Jugendlichen auch toll. Der unverbildete Blick auf Kunst bereichert uns“, sagt Petra Kather.

Da wäre es eigentlich nur folgerichtig, wenn nicht Erwachsene die Kinder durch die Ausstellung führten, sondern das auch mal umgekehrt wäre.

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