Kein Pass: Dürener lebt wie ein Gestrandeter in China

Von: Martina Schröck
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Von seiner besetzten Wohnung a
Von seiner besetzten Wohnung aus blickt Ewald Widiner ratlos aufs Meer: Er würde gern wieder in Shanghai arbeiten, sein Pass von der Stadt Düren ist noch zwei Jahre gültig.

Düren. Dass er einmal ein Haus besetzen müsste, um ein Dach über dem Kopf zu haben, hätte der ehemalige Dürener Ewald Widiner nie vermutet. Auch, dass er sich von wilden Bananen und Essensresten aus Mülltonnen würde ernähren müssen, um nicht zu verhungern, ahnte er nicht, als er vor vielen Monaten nach Hongkong kam.

Die seltsame Wendung in seinem Leben begann, als Wideners Arbeitgeber in Shanghai seinen Vertrag verlängern wollte. Dort unterrichtete er Englisch und Deutsch an einer halbstaatlichen Schule. Ein neues Arbeitsvisum musste her, aber in Widiners Reisepass, ausgestellt von der Stadt Düren, war keine Seite mehr frei. Also beantragte Widiner einen neuen Pass auf dem Generalkonsulat in Shanghai. „Als ich den Pass abholen wollte, sagte mir die Sachbearbeiterin in einem üblen Ton, ich würde in Deutschland gesucht.”

Widiner, im rumänischen Banat als Sohn einer Donauschwäbin und eines Serbiendeutschen geboren und 1959 als Spätheimkehrer nach Düren übergesiedelt, kümmerte sich darum, alle Unterlagen aufzutreiben, um zu beweisen, dass er Deutscher ist. Dabei verschwieg er nicht, dass er viel rumgekommen ist: Nach seiner Ausbildung an einer Ingenieurschule lebte und arbeitete Widiner über zwei Jahrzehnte in London und seit 2005 in Shanghai.

Weil während seiner Suche die Aufenthaltserlaubnis für die Volksrepublik ablief, reiste er kurzerhand in die Sonderverwaltungszone Hongkong. Aber auch beim dortigen Generalkonsulat in Hongkong erreichte er nichts.

Warum genau es auch dort nicht klappen wollte mit einem Passdokument, bleibt ein Rätsel für den gelernten Maschinenbauer: „Gegen mich läuft kein Verfahren, ich bin nicht vorbestraft und mit Drogen oder solchen Dingen habe ich nichts zu tun.” Allerdings ist eine Steuerschuld aus einer Insolvenz in Bensberg vor zehn Jahren noch offen. Nach Aussagen von Professor Gerrit Hornung vom Lehrstuhl für Öffentliches Recht, IT-Recht und Rechtsinformatik an der Universität Passau können Steuerschulden ein Grund dafür sein, dass Behörden einen neuen Pass zu verweigern. Widiner ist der Ansicht, alle Steuern beglichen zu haben. „Meine Insolvenz wurde damals ordnungsgemäß abgewickelt.” Mittlerweile ist die Forderung des Finanzamtes von 1500 Euro auf 8000 Euro angewachsen.

Über ein Jahr wartet der 62-Jährige in Hongkong nun schon auf einen neuen Reisepass. Vor mehr als sechs Monaten waren alle seine Ersparnisse aufgebraucht. In der Not besetzte er auf der Hongkong vorgelagerten Insel Lamma ein Haus, aß wilde Bananen und die essbaren Blätter eines Baumes. Um nicht zu verhungern durchwühlte er sogar die Abfalltonnen nach Essensresten. Zu seinem Glück wurden bald die Nachbarn auf ihn aufmerksam. Sie bringen dem Deutschen nun Essen vorbei.

Inzwischen meint er auch zu wissen, warum es nicht klappt mit dem Pass: Vermutlich seien seine Blogs im Internet schuld an der Passverweigerung, mutmaßt er. Widiner kritisiert darin immer wieder die „chinafeindliche Haltung” einiger westlicher Länder.

Vor kurzem boten das Generalkonsulat und das Auswärtige Amt Widiner an, ihm die Rückreise nach Deutschland zu organisieren, wo er Sozialhilfe beziehen kann. Aber Widiner hat abgelehnt: „Lieber sterbe ich, als dass ich Hilfe vom Sozialamt annehme. Ich möchte Schadensersatz und zurück nach Shanghai.”
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