Region - Kein leichter Beruf: Vollzugsbeamter in der JVA Aachen

Kein leichter Beruf: Vollzugsbeamter in der JVA Aachen

Von: Marie Ludwig
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Und immer wieder auf- und zuschließen: Dieter Heinen, Beamter in der Justizvollzugsanstalt Aachen, weiß ein Lied davon zu singen. Foto: Marie Ludwig
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Dieter Heinen hat einen verantwortungsvollen Beruf: Er ist Leiter vom allgemeinen Vollzugsdienst in der Justizvollzugsanstalt Aachen. Foto: Marie Ludwig
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Damit es schneller geht: In der Aachener JVA gibt es eine Rohrpost, die auch Dieter Heinen nutzt. Foto: Marie Ludwig

Region. Tür auf. Dieter Heinens Arbeit beginnt wie viele Berufe mit dem Aufschließen. Doch einfach offen stehen lassen kann er die Tür auf der Arbeit nie. Denn Dieter Heinen hat einen verantwortungsvollen Beruf: Er ist Leiter vom allgemeinen Vollzugsdienst in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Aachen. Und eines darf er nie vergessen: abzuschließen.

Tür auf. Tür zu. „Morgen!“, ruft Dieter Heinen fröhlich seinen Kollegen hinter der Glasscheibe zu. Der Eingang ist einer der gesichertsten Bereiche der JVA. Hier wird immer genau darauf geachtet, nur die Richtigen herein- und auch wieder herauszulassen.

Und das aus gutem Grund. Räuber, Mörder, Vergewaltiger – mit diesen Menschen arbeitet Dieter Heinen zusammen. Kontrolle sei in seinem Beruf das Wichtigste; das habe er gelernt. „Gefährlich ist er, mein Beruf.“ Heinen nickt, „aber ich weiß, worauf ich mich einzustellen habe, wenn ich zur Arbeit komme.“

Die Sicherheitsschleusen gehen sirrend auf. Dieter Heinen tritt an seinen Spind und schließt Handy und Wertsachen ein. Dann geht es zur allmorgendlichen Besprechung. Denn Dieter Heinen ist als Leiter des Vollzugsdienstes das Bindeglied zwischen Uniformierten und der Anstaltsleitung. Jeden Morgen bespricht er deshalb mit Anstaltsleiterin Reina Blikslager die Vorkommnisse des Tages.

Dieter Heinen, aufgewachsen in Geilenkirchen, ist alles andere als ein schweigsamer, grimmiger Gefängnisbeamter. Mit seinem urigen Platt bringt der Beamte frischen Wind in die eintönigen Gefängnismauern und ist bei Kollegen und auch Gefangenen gern gesehen. Bevor Heinen zur Justizvollzugsanstalt kam, war er Reproduktionsfotograf.

Doch dann wurde die Arbeit immer knapper, und seine Mutter gab ihm einen Rat: „Sie sagte zu mir ‚Jung, schau dir die Beamten mal an, die haben es gut!‘“ Heinen nickt. „Ich fand, sie hatte Recht, und hab’ mich dann beworben“, sagt er. Seit fast 40 Jahren arbeitet Heinen nun schon in der JVA in Aachen.

Tür auf. Tür zu. Heinen verlässt die Geschäftsleitungsebene und schlägt den Weg in Richtung Büro ein. Eigentlich ähnelt hier jeder Flur dem anderen. Doch Heinen kennt sich aus. Geübt öffnet er Tür um Tür. In der JVA dauert es deshalb schon mal etwas länger, um von A nach B zu kommen. Für Dokumente wurde daher die Rohrpost eingerichtet.

„Die JVA ist im Grunde wie ein kleines Dorf – wie die Gallier“, sagt Heinen und lacht. Eigentlich gibt es hier auch alles: eine Bibliothek, ein Kino, eine Schach-AG, Sportprogramm und sogar Einkaufsmöglichkeiten. „Manche Angehörige sagen nach ihrem Besuch: ‚Ist doch gar nicht so schlimm hier‘“, Heinen zieht die Augen hinter der schwarzen Brille zusammen. „Ja, und dann sag ich ‚Bleiben Sie mal eine Nacht hier, dann wissen sie was Ihnen hier fehlt: Freiheit!“

Tür auf. Tür zu. Dieter Heinen beginnt mit dem Rundgang, um mit seinen Kollegen zu sprechen. Zuerst werden die Zellen durchsucht. „Sie glauben gar nicht, was man da so alles findet“, Heinen lacht auf und biegt nach rechts ab. Denn gerade Verbote entlockten den Gefangenen die kreativsten Ideen: vor allem in Sachen Alkohol. So werden oftmals an Feiertagen – dann, wenn wenig zu tun ist – seltsame Mixturen auf den Zimmern gefunden: „Aus Dosenpfirsichen und Brot können die seltsamsten Gemische entstehen“, erzählt er belustigt und grüßt einen Kollegen, der gerade die Visite beendet.

Eine Gefängnismensa – wie in Hollywoodfilmen – gibt es hier nicht. Jeder Gefangene isst auf seinem Zimmer. Nur mittags bei der Arbeit wird in den Werkstätten – wie der Schlosserei und Schreinerei – gemeinsam gegessen. Doch das war nicht immer so.

Erst Heinen sorgte dafür, dass die Inhaftierten zur Mittagspause nicht erst auf die Zellen und anschließend wieder zurück gebracht werden mussten. Er entwickelte die Idee, ein Elektroauto zur Bewirtung der Werkstätten anzuschaffen. Bei dem Pilotprojekt holt nun ein Gefangener das Essen aus der Mensa, liefert es aus und holt die Reste anschließend wieder ab.

Tür auf. Tür zu. Heinen betritt die Grünanlage der JVA. Eine Entenmutter watschelt mit ihren Jungen über den Weg – und das, obwohl gar kein Teich in der Nähe liegt. „Die fühlen sich hier wohl“, sagt Heinen. Jeder Inhaftierte verbringt täglich eine Stunde an der frischen Luft. Doch auch hier stehen sie stets unter Bewachung. Mehrere Kameras sind an einer Stange befestigt. Sie bewegen sich, sind manuell vom Überwachungsbüro steuerbar. Ein Blechschutz ragt nach unten, um die Kameras zu beschützen.

„Jede Schutzfunktion hat hier auch ihren berechtigten Grund“, erklärt Heinen und blinzelt in die Sonne. „Wir müssen ständig auf den Einfallsreichtum der Gefangenen reagieren.“ Beispielsweise besaß ein Gefangener ein fotografisches Gedächtnis und hatte sich so die Verzahnung der Schlüssel merken und nachgebaut. Damit sei jedoch „jetzt Schluss“, denn für die Universalschlüssel haben alle Beamten seither ein Ledertäschchen am Gürtel, welches die Schlüssel vor wachsamen Augen schützt.

Heinen musste sich in seinem Beruf, öfter als lieb, auch mit dem Tod beschäftigen. Denn nicht nur Gefangene nahmen sich in seiner Amtszeit das Leben. Heinen zieht die Brille ab. „Es waren auch Kollegen, die den Job einfach nicht verkraftet haben“, sagt er und streicht mit dem Finger über eine Augenbraue. Das Projekt KUK – Kollegen unterstützen Kollegen – soll jedoch nun allen Beamten die Chance geben, ihre Arbeitserlebnisse besser zu verarbeiten.

Professionell bleiben

„Wenn man einen pädophilen Vergewaltiger betreut, dann steigt in einem schon mal die Wut auf“, sagt er. „Dann muss man professionell bleiben.“ Er wolle die Gefangenen nicht immer wieder wegen einer Tat bestrafen. „Das macht diese auch nicht zu besseren Menschen.“ Trotz alledem mag der gutmütige Beamte seinen Beruf.

Hier kann er alles organisieren, und manchmal ruft sogar mal ein Entlassener bei ihm an und bedankt sich. Eines ist dem Beamten jedoch wirklich wichtig, wenn man über seinen Beruf spricht: „Ich bin kein Wärter – wir sind hier schließlich nicht im Zoo!“, sagt Heinen und hebt die Arme. „Dann wäre der Richter auch der Löwe.“

Tür auf. Tür zu. „Tach, Jungens!“ Heinen betritt das Sportgelände und hebt grüßend die Hand. Es ist ein warmer Tag. Sporttrainer Leon Korr hat beschlossen, das heutige Training nach draußen zu verlegen. Ein paar spielen Fußball.

Zwei muskelbepackte Tätowierte heben Gewichte. Ein anderer joggt – von Haaransatz bis Fuß verschwitzt – um das Kunstrasenquadrat. Jeder Gefangene macht hier mindestens zweimal die Woche Sport. Heinen setzt sich auf einen blauen Plastikstuhl und unterhält sich mit einigen Gefangenen. Plötzlich saust ein Fußball knapp an ihm vorbei: „Hömma, du bleibst zwei Wochen länger“, ruft er im Scherz dem Torschützen zu und wirft den Ball zurück.

Während seiner Berufszeit hat Heinen im Grunde jede Station mitgenommen: Er war Abteilungsbeamter, arbeitete an der Außenpforte und führte das Dienstbuch. „Der eine oder andere Gefangene hat hier schon mit mir angefangen“, sagt Heinen, der nächstes Jahr mit 63 in Rente gehen wird. Aber Mitleid, das hat Heinen auch nicht: „Jeder bestimmt sein Leben selbst – das darf man nie vergessen!“ So wird man – vorausgesetzt, man macht alles im Leben richtig – Heinen wohl nie bei der Arbeit erleben; außer vielleicht am regelmäßigen Tag der offenen Tür.

Ein langer Arbeitstag geht vorbei. Dieter Heinen schließt seinen Spind auf. Über hundert Mal hat er heute seine Schlüssel benutzt. Er öffnet die letzte Tür, winkt einem Kollegen an der Außenpforte und verlässt die JVA. Für heute heißt es ein letztes Mal: Tür zu.

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